Parken auf dem Kaßberg bleibt ein Glücksspiel

Ab 17 Uhr wird es kritisch. Ab 19 Uhr ist Runden drehen angesagt auf dem Kaßberg. Trifft der Glücksfall ein, heißt es schnell sein! Weil ab dieser Uhrzeit der Glücksfälle aber immer weniger werden, entscheiden sich dann viele trotz Knöllchengefahr für Parken in der zweiten Reihe, das heißt auf dem Fußweg. Mittlerweile sind selbst diese eigentlich verbotenen Plätze schon heiß begehrt. Foto: bit

Ab 17 Uhr wird es kritisch. Ab 19 Uhr ist Runden drehen angesagt auf dem Kaßberg. Trifft der Glücksfall ein, heißt es schnell sein! Weil ab dieser Uhrzeit der Glücksfälle aber immer weniger werden, entscheiden sich dann viele trotz Knöllchengefahr für Parken in der zweiten Reihe, das heißt auf dem Fußweg. Mittlerweile sind selbst diese eigentlich verbotenen Plätze schon heiß begehrt. Foto: bit

Kaßberg. Carola Lorenz liebt Schulferien. Nicht als Schülerin oder Lehrerin – sie ist Leiterin eines Pflegedienstes mit Sitz auf dem Kaßberg. In unterrichtsfreien Zeiten hätten es die Mitarbeiter einfach leichter, die Dienstfahrzeuge in der Nähe abzustellen und könnten schneller auf Tour gehen.

Im Normalfall vergehe im Umfeld der großen Schulen wahnsinnig viel Zeit mit der Suche nach Parkplätzen. Dass darüber hinaus die Firma zur Kasse gebeten wird, wenn die Pflegekräfte bei Patientenbesuchen manchmal kurzzeitig an unerlaubten Stellen parken müssen, ärgert Lorenz erst recht.

Mit der fortschreitenden Bautätigkeit, die auch neue Büros, Praxen und – eher selten – neue Läden mit sich bringt, hat sich der seit Jahren vor allem im hinteren Teil des Kaßbergs kritisierte Parkplatzmangel zu einem flächendeckenden Problem entwickelt. Auch auf dem jüngsten Einwohnerforum für Mitte/West im Herbst 2015 stand die Stellplatzfrage in wohl beliebtesten Wohngebiet von Chemnitz wieder im Raum.

Antwort von Baubürgermeister Michael Stötzer: „Das Problem ist seit langem bekannt, lässt sich aber nicht schnell ändern. Die Stadt baut keine Parkhäuser auf dem Kaßberg.“

Wie er hinzufügte, seien Investoren einige Freiflächen angeboten worden, doch es gäbe kein Interesse. Parkhäuser, so die Stadtverwaltung, sind unter Beachtung der notwendigen Immissionsschutzvorkehrungen und der Anforderungen an die Karreebebauung, grundsätzlich in den vorhandenen Baulücken zulässig. Um welche Flächen es sich bei den Angeboten handelte, teilte die Stadt auf WochenENDspiegel-Nachfrage nicht mit.

Gerüchte über den Bau eines Parkdecks gab es, als 2014 der Eigentümer die Räumung eines Garagenkomplexes an der Ulmen-/Puschkinstraße anordnete. Mehr als ein Jahr später liegt das Grundstück brach. Laut Stadt liegt jedoch kein Bauantrag vor, das Baugenehmigungsamt habe keine Kenntnis über irgendwelche Vorhaben dort.

Parkhäuser könnten nur durch private Initiative entstehen, betont die Stadt. Viele Bewohner bevorzugten allerdings einen kostenlosen Stellplatz vor dem Haus. Deshalb würden Investoren vorzugsweise Eigentumswohnanlagen bauen, da diese besser vermarktbar seien als Parkhäuser.

In gewisser Weise bestätigt dies die Chemnitzer Siedlungsgemeinschaft eG (CSg) als einer der großen Vermieter auf dem Kaßberg. Die Genossenschaft hatte auf einem ihrer Grundstücke an der West-/Hoffmannstraße ein zentrales Parkhaus in Erwägung gezogen, ehe dort der Edeka-Markt errichtet wurde.

„Wir hätten nur gebaut, wenn es für mindestens 50 Prozent der Stellplätze Voranfragen gegeben hätte. Das war nicht der Fall“, sagt Vorstand Denis Keil.

Ein Parkhaus sei eben nicht dasselbe wie eine Tiefgarage direkt am Wohnhaus.

Bei ihren Neubauten auf dem Kaßberg, wie zuletzt an der Agricolastraße und in diesem Jahr an der Hübschmannstraße, plane die CSg mit mehr Tiefgaragenplätzen als Wohnungen, denn, so Keils Erfahrung: „Jeder der eine Wohnung sucht, blickt dabei mit einem Auge auf die Stellplatzsituation.“

Für die eigenen Mitglieder gäbe es einige Garagen- bzw. Stellplatzanlagen auf dem Kaßberg verteilt, aber generell sei das Problem im Gebiet nicht gelöst. Die Problematik verschärfe sich eher noch durch die Verdichtung. Handlungsmöglichkeiten der Stadt sieht Keil auch eher nicht.

Die KPM Bau GmbH aus Limbach-Oberfrohna gehört ebenfalls zu den privaten Investoren auf dem Kaßberg.

„Laut Baurecht müssen wir für neue Wohnungen Stellplätze nachweisen. Wir lösen das Problem mit Tiefgaragen in allen von uns errichteten Objekten, aber nur für die jeweiligen Bewohner“, sagt Geschäftsführer Gunter Kermer.

Aus städtebaulicher Sicht plädiert er für eine weitere Verdichtung des Kaßbergs, da seien ebenerdige Parkflächen widersinnig und Platzvergeudung. Eine Grundsatzkonzeption fürs Parken auf dem Kaßberg hält er insgesamt für notwendig.
Die Vorschriften der Sächsischen Bauordnung zum Thema sind eher schwammig.

Sie sieht bei Neubauten ein bis zwei Stellplätze je Wohnung vor, wenn nicht auf dem Baugrundstück, dann in „zumutbarer Entfernung“.

Bei begründeter Nichtdurchführbarkeit muss der Bauherr eine Ablösesumme an die Kommune zahlen. Wie es aus dem Rathaus heißt, wurden keine Baugenehmigungen wegen fehlender Parkplatzausweisung versagt. Laut Stadt sind auch alle Möglichkeiten, Parken im öffentlichen Straßenraum zu ermöglichen, bereits ausgeschöpft. Fazit: An der Parkplatzsituation auf dem Kaßberg wird sich über kurz oder lang nichts ändern.

Von Gisela Bauer

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