Älter als gedacht?

Das Erzgebirge soll schon in der Steinzeit eine enorme Bedeutung gehabt haben

Stollberg. Kam Kolumbus etwa 15.000 Jahre zu spät? War bereits der Frühmensch Homo errectus ein Seefahrer? Nutzten schon die alten Ägypter zum Bau der Pyramiden Eisen? Achtung, dieser Artikel könnte Ihr Weltbild auf den Kopf stellen. Noch immer geht man davon aus, dass es eine Hierarchie der Metalle gegeben hat: Zuerst nutzte die Menschheit Kupfer, dann kam die Bronzezeit und später die Eisenzeit. Gerade die Bronzetechnologien sollen wohl im Orient erfunden worden sein und mit der frühzeitlichen Ausbreitung der Ackerbau-Betreiber und Viehzüchter nach Europa gekommen sein. War es möglicherweise ganz anders? Bronze ist bekanntlich die Verschmelzung von Kupfer und Zinn. Neuste Forschungen zeigen, dass es eigentlich nur zwei Zinnquellen in Europa gegeben hat, nämlich in Südengland, aber vor allem im Erzgebirge. Wie kam das Zinn aber dann in den Orient, um daraus Bronze herzustellen? Wissenschaftler Dr. Dominique Görlitz, auch bekannt als „Steinzeit-Segler“, beweist mit seinen Abora-Expeditionen, dass es sie gegeben hat, die frühzeitlichen Handelsrouten in Europa. Im Areal Stalburc/Hoheneck wird er seine Forschungsergebnisse zukünftig in einer eigenen Ausstellung präsentieren, thematisch sind diese aber für das gesamte Erzgebirge bedeutend.

Vom Bergbau zur Seefahrt

Thema der Ausstellung wird „Vom Bergbau zur Seefahrt“ und damit seine Expedition „Abora 4“, die er im letzten Jahr mit einem Team aus internationalen Forschern durchführte, sein. „Ich kann nur Handel treiben, wenn ich die entsprechenden Handelsprodukte habe. Und das Erzgebirge war gesegnet, mit Zinn und als Zwischenhändler auch mit Bernstein von der Ostsee. Wir arbeiten mit dem sächsischen Bergbauverein Schneeberg zusammen, um nachzuweisen, dass es stimmt, was bereits Herodot – ein antiker griechischer Geschichtsschreiber – gesagt hat: Es hat schon vor mindestens 4.000 Jahren im Erzgebirge einen Rohstoffabbau gegeben, auf jeden Fall für Zinn, möglicherweise noch für andere Mineralien“, so Görlitz. Herodot war der Überzeugung, dass neben Bernstein auch Zinn aus dem Baltikum über das Schwarze Meer in die antike Welt importiert wurde.

„Steinzeit-Segler“ Dr. Dominique Görlitz

Ziel für „Abora 4“ war es gewesen, die alten Zinnhandelsrouten nach zu segeln und zu beweisen, dass man mit den damaligen Schiffen bereits in der Lage war, Seefahrt und Handel zu betreiben. Viele Archäologen zweifeln noch immer daran, dass die vorzeitlichen Schilfboote die für den internationalen Handel notwendige Manövrierfähigkeit, Reichweite und Ladefähigkeit besaßen. Mit dem Hochseeexperiment konnten die Forscher mit Dr. Dominique Görlitz jedoch beweisen, dass die schwierigen Meeresengen des Bosporus, die Dardanellen und die noch gefährlichere windreiche Ägäis mit dem Schiff zu befahren waren. Von Limnos demonstrierte das Team durch Insel-Hopping die Manövrierfähigkeit des Schiffes. „Das Boot wurde nach uralten Zeichnungen aus der Steinzeit rekonstruiert. Es besteht zu einem Großteil aus Schilf, welches aus Bolivien stammt. Zudem nutzten wir im Unterschied zu unserem großen Vorbild Thor Heyerdahl, der ebenfalls ägyptische Papyrus-Bote baute, Seitenschwerter für die Kielfunktion. Nur dadurch war es uns möglich, auch gegen den Wind zu segeln“, erklärt Görlitz.

Das Eisen der Pharaonen

Das zweite Thema, das mit „Abora 4“ nachgewiesen werden sollte, war das Eisen der Pharaonen – es gibt Hinweise dazu, dass die Pyramiden mit Eisenwerkzeugen gebaut worden sind. „Die Eisenproduktion ist viel älter, und den Ägyptern stand beides zur Verfügung: Zinn und Eisen, an das sie über die Handelsrouten gelangt sind. Das bedeutet, dass die Linearität der Metallzeitalter, also von Kupferz

Ein neues Buch zur letzten Expedition ist gerade fertig geworden, ein Film ist auch in Arbeit. Nächstes Jahr soll in Saßnitz eine große Abora-Ausstellung entstehen. Aufgrund von Corona sind dem „Steinzeit-Segler“ allerdings bereits in diesem Jahr 36 Vorträge durch die Lappen gegangen. Auf die Ausstellung in Stollberg freut er sich aber schon: „Das wird eine Art Abenteuer-Erlebnis-Welt. Abora soll am Ende auch eine Metapher für gesellschaftlichen Wandel sein, um Menschen zum Nachdenken anzuregen: Könnte es nicht doch anders gewesen sein? Denn unser heutiges Wissen beruht letztlich auch nur auf Theorien und Annahmen.“

Die Route der Expedition ABORA 4

 

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