Fachtagung in Handwerkskammer Chemnitz: Asyl in der Praxis

Thomas Ewald, Gert Mackenroth und Thomas Wabst (v.li.n.re.) waren bei der gestrigen Fachtagung zum Thema Asylpraxis als Vertreter für Bund, Land und Stadt anwesend. Foto: ihst

Thomas Ewald, Gert Mackenroth und Thomas Wabst (v.li.n.re.) waren bei der gestrigen Fachtagung zum Thema Asylpraxis als Vertreter für Bund, Land und Stadt anwesend. Foto: ihst

Die Mensa der Handwerkskammer war am gestrigen Mittwoch Veranstaltungsort einer Fachtagung zum Thema Asylpraxis in Chemnitz. Es war die zweite Tagung ihrer Art, die das Amt für Migration der Stadt in Kooperation mit der Handwerkskammer, Industrie- und Handelkammer und der Agentur für Arbeit veranstaltet wurde.

Rund 200 Vertreter von freien Trägern, aus Wirtschaft und Gesellschaft sowie zahlreiche Ehrenamtler waren gekommen.

Dietmar Mothes, Präsident der Handwerkskammer unterstrich nochmals die Bedeutung der Thematik:

„Das Handwerk  hat wesentliches Interesse an der Asylthematik, zum einen aufgrund der Fachkräftesicherung und zum anderen weil wir ein Teil der Gesellschaft sind.

Und doch sind wir gerade was den ersten Punkt betrifft nicht mehr ganz so euphorisch, wie noch am Anfang, als versprochen wurde gut ausgebildete Syrier kämen zu uns.

Die Realität sieht anders aus. Die Qualifikationen fehlen häufig. Wir brauchen Fachkräfte in der Wirtschaft und keine Hilfsarbeiter.“

Umso wichtiger ist die funktionsfähige Berufsorientierung und später auch -ausbildung. Größtes Handicap sei hierbei nach wie vor die sprachliche Hürde. Und das die Handwerkskammer diese Hürden meisten kann, zeigen die zahlreichen ausländlichen Lehrlinge, die über die Kammer ihre Ausbildung absolvieren.

Derzeit bilden Unternehmen im Kammerbezirk Jugendliche aus Spanien und Viatnam aus. Vor ein paar Jahren startete die Handwerkskammer mit dem Pilotprojekt, dass tschechische Jugendliche aus dem Grenzgebiet bei deutschen Ausbildungsunternehmen ihre Lehre begannen. Einer konnte die sprachliche Hürde am Ende erfolgreich meistern.

„Das zeigt uns aber auch, wie wichtig und grundlegend eine sprachliche Gurndqualifikation für die erfolgereiche Integration in Ausbildungs- und Berufsalltag ist,“

erklärt Mothes und fügt hinzu:

„Uns ist es deshalb wichtig, dass die jungen Asylbewerber vor Ausbildungsbeginn Deutsch auf dem Sprachniveau B2 haben. Die Spracherlernung funktioniert natürlich auch während einer Berufsorientierung.“

Gerrt Mackenroth, ebenfallsReferent bei der Fachtagung zur Asylpraxis sah das B2-Niveau als zu hochgesteckt:

„Vor der Stufe B2 kommt erst einmal ein Alphabetisierungskurs und die Stufen A und B1. Es ist ein etwas hochgegriffenes Ziel. Man sollte sich lieber bei dieser Thematik auf halber Strecke treffen.“

Sprache und Arbeit sind Grundpfeiler über die Integration nur gelingen kann.

Gerade die Handwerkskammer habe durch die Bildungswerkstätten die Möglichkeit hier entsprechend tätig zu werden. Es fehle jedoch noch an einem passenden Finanzierungskonzept, unterstrich Mothes.

Einig war man sich bei der aktuellen Debatte um einen geringeren Mindestlohn für Asylbewerber.

„Es ist der falsche Weg,“ erklärte Mothes und auch Geert Mackenroth, Ausländerbeauftragter der Landes Sachsen, stimmte diesem zum: „Ich halte ebenfalls nichts von einer Absenkung des Mindestlohnes.“

Stattdessen könnten Kommunen und freie Träger Ein-Euro-Jobs für Asylbewerber einführen. Ein Paradebeispiel ist die Gemeinde Gröditz. Hier helfen Asylbewerber mit, die Gemeinde zu verschönern und bringen sich auf diese Weise in das Gemeinschaftsleben ein.

Mackenroth unterstrich auch eine andere positive Bedeutung, die die Asylbewerber haben können.

„In Sachsen haben wir ein Durchschnittsalter der Bevölkerung von 47 Jahren – im Gegensatz zu Deutschland mit 34 Jahren. Sachsen altert und genau hier können die Vielzahl junger Asylbewerber die demografische Entwicklung positiv beeinflussen,“ so Mackenroth.

Dietmar Mothes unterstrich noch einen weiteren Punkt, der die Thematik immer mehr zum Problem werden lässt:

„Einige unserer Mitgliedsbetriebe unterstützen durch ihre Arbeit beispielsweise den Bau von Flüchtlingsunterkünften oder helfen in anderer Hinsicht mit. Dafür stehen sie öffentlich am Pranger und müssen nicht nur mit Anfeindungen, sondern auch mit Auftragsrückgängen rechnen.“

Auch ein Vertreter des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge war auf der Fachtagung vertreten. Thomas Ewald referierte über die allgemeinen Zahlen aus dem vergangenen Jahr.

„2015 wurden 476649 Asylanträge in Deutschland gestellt, das entspricht einen Zuwachs von 135 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 2010 waren es noch rund 48000 Asylanträge. Die Zahl der tatsächlich eingereisten Flüchtlinge ist natürlich deutlich höher,“ unterstrich Ewald.

Die meisten Asylanträge stammten von Syriern gefolgt von Albanern Größtes Problem war das stetig steigende Tempo der wachsenden Zahl an Asylsuchenden in vierten Quartal.

Sachsen hat 2015 rund 59000 Asylbewerber aufgenommen. Damit liegt die Ausländerquote für den Freistaat bei 2,9 Prozent. Im Vergleich zu einigen Großstädten eher gering. Berling beispielsweise hat einen Ausländeranteil von 14,3 Prozent.

Auf Chemnitz entfielen davon 2455 Asylbewerber.

„Vor allem im vierten Quartal hatten wir wöchentlich einen zuwachs von 196 Asylbewerber. Im Vergleich wurden im Januar 2015 nur 12 Asylbewerber der Stadt zugewiesen,“ erklärt Thomas Wabst, amtierender Abteilungsleiter im Sozialamt Chemnitz.

89 Prozent der Asylbewerber werden in der Stadt im dezentralen Wohnen untergebracht, d.h. in Wohneinheiten, elf Prozent in einer der vier Gemeinschaftsunterkünften. Nach dem Wegfall der Haydnstraße als Unterkunft in städtischer Betreuung erfolgte Ende 2015 der Umzug der Asylbewerber in die neue Unterkunft an der Straßburger Straße. Noch im ersten Quartal 2016 soll die zweite neue Unterkunft an der Annaberger Straße bezogen werden.

Das Wohnhotel Kappel wird mittlerweile komplett durch die Landesdirektion betrieben und mit Asylbewerbern belegt.

„Einen großen Vorteil haben wir in Chemnitz, dass es noch so viele freie Wohnungen gibt, die für dezentrales Wohnen zur Verfügung stehen,“ so Wabst

und verspricht, dass auch 2016 der Schnitt zwischen dezentralen und zentralen Wohnen beibehalten werden soll.

 

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