Auschwitz: Elf Jahre kein Sterbenswörtchen!

Gedanken über einen Kommentar von Maria Ossowski zum 75. Jahrestages der Befreiung des Vernichtungslagers. Foto: pixabay

Von Sven Günther

Der erste Reflex war: Anhalten! Bremsen das Auto auf Heimweg! Wirken lassen, die gerade gehörten Sätze. Ein Kommentar wie ein K.O.-Schlag. Ein Treffer mitten zwischen die Ohren. Maria Ossowski packte mir aus dem Radio direkt an meine Seele!
Noch nie, nie, nie, nie ist mir in wenigen Worten klargemacht worden, was Auschwitz wirklich war. Sie wischt die Makulatur weg, die sich über die Fakten gekleistert hat. Verdammt recht hat die Frau, spricht aus, was selten zu hören ist.

In einer Zahl bündelt sie, Maria Ossowski, das Grauen: Elf Jahre!

So lange würde in Deutschland kein Sterbenswörtchen zu hören sein, schwiege man eine Minute für jeden von den Nazis ermordeten Juden. ELF JAHRE!

Hier der komplette Kommentar zum Nachlesen.

Wenn wir authentisch und mit wahrhaftigen Gefühlen erinnern wollen, müssen wir uns von ein paar Gepflogenheiten trennen: von sprachlichen Versatzstücken, historischen Legenden und verlogenen Instrumentalisierungen.

Erstens: Es gibt heute wenig zu feiern. Als die Rote Armee in Auschwitz eintraf, waren die Täter getürmt und ein paar Tausend fast verhungerte Menschen, viel zu erschöpft, um zu jubeln. Ein Großteil der übriggebliebenen Gefangenen marschierte dem Tod entgegen ins „Reich“.

Zweitens: Auschwitz, so beschwören viele Reden, soll uns zeigen, wohin Hass damals geführt hat und heute hinführen kann. Das Problem: Es handelte sich nur selten um Hassverbrechen. Es waren vor allem Gleichgültigkeit und Gier, die über sechs Millionen Juden ins Ghetto, vor die Maschinengewehre der Einsatztruppen und ins Gas getrieben haben. Gleichgültigkeit der Nachbarn, die bei den Deportationen aus den Fenstern guckten und darauf gierten, jüdischen Besitz zu plündern. Gleichgültigkeit der Eisenbahner, die die Viehwaggons gen Osten fuhren. Gleichgültigkeit der Soldaten und Wachmannschaften, die doch nur ihre Pflicht taten. Kein Hass. Gier und maschinenhafte Gleichgültigkeit. Beides ist viel tiefer in der menschlichen Seele vergraben und damit gefährlicher und schwerer zu bekämpfen als der allseits zitierte Hass.

Drittens: Die ermordeten Juden Europas dürfen wir nicht instrumentalisieren. Nicht für den Kampf gegen rechts, nicht für Warnungen vor der AfD. Dieses monströse Verbrechen verbietet jeden Vergleich mit der deutschen Gegenwart. Wir müssen begreifen: Die Juden sind vollkommen umsonst gestorben. Völlig sinnlos. Jede Instrumentalisierung soll nur den Schuldschmerz lindern. Nach dem Motto: Wenigstens rufen wir heute „Nie wieder“. Das tut mal gut.

Wie sollten wir stattdessen erinnern?

Erstens: Unsere Bildungspolitik hat versagt, wenn ein Viertel der Schüler nicht mehr weiß, dass Auschwitz ein Vernichtungslager war. Ein halbes Jahr bis zur zehnten Klasse müssten Geschichtslehrer verbindlich via Curriculum den Zweiten Weltkrieg und die Shoah behandeln und anschließend erst ein KZ besuchen – bitte mit sorgfältiger Nachbereitung.

Zweitens: Judenfeindliche Äußerungen müssten gesellschaftlich genauso sanktioniert werden wie Kindesmissbrauch. Weg mit dem aseptischen und falschen Begriff Antisemitismus. Judenfeindlichkeit, darum geht es. Und wer die proklamiert, gehört hinter Gitter.

Drittens: Antisemitismusbeauftragte sind oft Feigenblätter und Symptome unserer Hilflosigkeit. Wenn wir schon Kämpfer gegen Judenfeindlichkeit brauchen, dann sollten sie zuallererst Juden zuhören und deren Vorschläge ernstnehmen. Die sind die Profis, denn sie kennen diese hässlichen Affekte seit 2000 Jahren.

Last, not least: Wenn wir für jede in der Shoah ermordete Jüdin, jeden Juden, jedes jüdische Kind eine Minute schweigen müssten, wäre es elf Jahre still in Deutschland. Wir müssten uns wenigstens einen Tag besinnen und zwei Minuten überall im Lande innehalten, so wie dies in Israel am Jom haScho’a geschieht. Erzählen und wissen, um zu erinnern. Schweigen, um zu fühlen. Nur so können wir die Erinnerung aus dem Endlager sinnentleerter Rituale befreien.

Und hier zum Nachhören:
https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2020/01/kommentar-75-jahrestag-befreiung-auschwitz-holocaust.html

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