Start Chemnitz Ausgezeichnete App
Artikel von: Sven Günther
15.12.2022

Ausgezeichnete App

Mit dem Projekt „OPENER next“ werden Haltestellen gescannt. Jetzt wurde es mit dem Deutschen Mobilitätspreis ausgezeichnet. Foto: TU Chemnitz

Für 2,3 Millionen Euro werden Haltestellen smart gescannt

Von Sven Günther
Region. 14 Projektpartner – eine Vision: Für 2,3 Millionen Euro (1,7 Mio. sind Steuergelder vom Bundesverkehrsministerium) wird im Projekt “OPENER next” eine App entwickelt, um die Barrierefreiheit im ÖPNV weiter voranzubringen. Die Idee: Ausgezeichnet. Vor Kurzem wurde das Vorhaben, an dem u.a. die TU Chemnitz beteiligt ist mit dem Deutschen Mobilitätspreis 2022 geehrt, bei dem aus 300 Einreichungen zehn ausgewählt wurden.
Die Idee erklärt Prof. Dr. Ulrich Heinkel von der TU Chemnitz: “Der Ansatz des Projektes basiert dabei auf einem gesellschaftlichen Füreinander, was bedeutet, dass Bürgerinnen und Bürger dazu beitragen können, Haltestellen und deren Eigenschaften bundesweit flächendeckend mittels einer von uns entwickelten App zur Datenerhebung zu erfassen und aktuell zu halten”. Die Daten werden mit Hilfe der App standardisiert erfasst und zu OpenStreetMap, einer weltweiten gemeinsamen offenen Datenbasis, übertragen.
Die Vision ehrenwert, die Forschung überflüssig, weil aktuell über Google Maps oder andere Plattformen ohnehin fast jeder Platz und somit fast jede Haltestelle auf jedem Smartphone sichtbar ist? Der WochenENDspiegel fragte nach. Die Antworten lesen Sie auf Seite 3.

Forschung der Forschungsgelder wegen? Wie sinnhaft ist das ausgezeichnete Projekt “OPENER next”


2,3 Millionen Euro bekommen die Beteiligten am Projekt “OPENER next”. 14 direkt oder indirekte Partner gibt es: Direkt beteiligt sind: datagon GmbH, Disy Informationssysteme GmbH, HaCon Ingenieurgesellschaft mbH, IVU Traffic Technologies AG, Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH, Smartris Solution GmbH, hd Management Consulting GmbH sowie TU Darmstadt. Assoziierte Partnerinnen und Partner: DELFI e. V., Deutsche Bahn Station&Service AG, Eisenbahn-Bundesamt, Verband Deutscher Verkehrsunternehmen, Stadt Chemnitz, Mitteldeutscher Verkehrsverbund GmbH, Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg mbH, Verkehrsverbund Mittelsachsen GmbH, die Verkehrsverbund Oberelbe GmbH sowie Sozialhelden e. V.

Kritiker murren: Reine Geldverschwendung! Wofür Millionen für eine App ausgeben, wenn heutzutage jeder Ort der Welt online sichtbar ist. Dazu kommt, dass zum Beispiel die Stadt Chemnitz – selbst am Projekt beteiligt – sich seit Jahren nach der “selbstverpflichtenden Regelbauweise” richtet, neue Haltestellen deshalb IMMER barrierefrei baut. 1.200 Richtungshaltestellen gibt es in der Stadt. Antje Becher von der Pressestelle: “Aktuell sind im Stadtgebiet ca. 400 Haltestellen vollständig barrierefrei ausgebaut. Je nach personeller und finanzieller Ressource kommen 20 bis 40 Haltestellen pro Jahr hinzu. Außerdem wurde die gesamte Fahrzeugflotte der CVAG auf moderne Niederflurfahrzeuge umgestellt. Der Stadtrat hat das im “Programm zur Schaffung eines barrierefreien ÖPNV in Chemnitz” schon 2017 beschlossen.

Der WochenENDspiegel fragte bei den Projektverantwortlichen nach, bekam Anworten von Dipl.-Ing. René Apitzsch von der TU Chemnitz

Wie hoch ist der Deutschen Mobilitätspreis Preis dotiert?

Der Deutsche Mobilitätspreis war nicht dotiert. Es ging bei der Preisverleihung um die Anerkennung der geleisteten Arbeit bzw. der Würdigung der hinter dem Projekt stehenden Idee. Auch bringt diese Preisverleihung ein gewisses Medieninteresse mit sich, was dabei hilft, die Projekte in die breite Öffentlichkeit zu tragen.

Wie viele Forscher sind an dem Projekt beteiligt?

Insgesamt arbeiten 10 Projektpartner gemeinsam an OPENER next. Die genaue Anzahl der ProjektmitarbeiterInnen lässt sich nur schwer bestimmen, da die Partner in den verschiedenen Phasen des Projektes unterschiedlich viele Aufgaben haben. Schätzungsweise sind es ca. 16. An der TU Chemnitz sind es gegenwärtig 2 Wissenschaftliche Mitarbeiter (und 2 studentische Hilfswissenschaftler). Ab voraussichtlich Januar 2023 werden es 3 wiss. MA sein.

Wann soll die App für ALLE nutzbar sein?

Die Erfassungs-App OpenStop ist für alle mit Android-Smartphone bereits verfügbar. Auch eine Veröffentlichung für iPhone-NutzerInnen steht unmittelbar bevor.

In der Pressemitteilung zum Projekt heißt es: „…verfolgt die Bundesrepublik Deutschland das Ziel, den Öffentlichen Personenverkehr (ÖPV) bis zum Jahr 2022 barrierefrei zu gestalten…“ Offenbar liegt man im Zeitplan weit hinterher, oder verstehe ich hier etwas falsch?

Das ist richtig. Die Verantwortlichen haben es lange versäumt der Barrierefreiheit im ÖPV den entsprechenden Stellenwert zuzuweisen.
OPENER next hilft dabei den Ist-Zustand der Barrierefreiheit zu erfassen und dient als Grundlage den Ausbau koordiniert voranzutreiben.

Das Projekt kostet 2,2 Millionen Euro. Könnte man sich dieses Geld nicht sparen, und die Entwicklung einer App (wenn sie denn vom Markt benötigt werden würde) der Privatwirtschaft überlassen?

Leider ist für viele Unternehmen das Thema Barrierefreiheit wirtschaftlich nicht attraktiv und Aktivitäten in diese Richtung meist mit einem großen finanziellen Risiko behaftet, deswegen fördert die Bundesregierung Forschungsvorhaben in diese Richtung.
ie 2,2 Millionen Euro fließen darüber hinaus nicht nur in die App-Entwicklung. Die Erfassungs-App ist nur das, was für Bürgerinnen und Bürger nach außen hin sichtbar ist. In OPENER next wird auch an der deutschlandweiten Standardisierung der Haltestellen-Erfassung gearbeitet, der digitalen Infrastruktur, um die erfassten Daten in die Auskunftssysteme der Verkehrsverbünde zu bekommen, an Routing-Algorithmen auf Basis von Barrieredaten, an barrierefreier Indoor-Navigation und vielem mehr.