Bibliotheken setzen verstärkt auf einen modernen und vielfältigen Medienbestand

Seit einigen Tagen leitet der 33-Jährige die Stadtbibliothek Werdau
Foto: Judith Hauße

Noch vor einigen Jahren dominierte genau ein Thema den Welttag des Buches, der jedes Jahr am 23. April, dem Todestag von William Shakespeare und Miguel de Cervantes, stattfindet: Die Digitalisierung – und mit ihr auch der große Umbruch im Leseverhalten der Menschen. Schließlich waren es die digitalen Bücher, auch E-Books genannt, die dem handelsüblichen Buch, wie es bereits schon Shakespeare in den Händen hielt, als starker Konkurrent auf dem Verkaufsmarkt gegenüberstanden.

Heute – zwei Jahre später, teilte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels jedoch mit, dass die Verkaufszahlen von E-Books stagnieren und der Umsatz gefallen ist. Zwar gingen 2017 noch eine Million E-Books mehr über den Ladentisch als im Vorjahr, doch die Kunden bevorzugten vielmehr günstigere Titel, so dass der Umsatz im Vegleich zu 2016 um 1,4 Prozent gesunken sei. Zudem schien auch die große Angst vor der Digitalisierung auf der diesjährigen Buchmesse in Leipzig wie verflogen. Vielmehr gleicht sich schließlich die Anzahl derer, die das physisch greifbare Buch bevorzugen, sowie derjenigen, die E-Books kaufen, inzwischen wieder an.

Und auch Bibliotheken, wie die Werdauer Bücherrei legen inzwischen Wert auf Modernität, die letztlich eine gesunde Balance zwischen Print und Online beinhaltet, so dass mehr auf die Individualität der Leser setzt wird. Die Gründe und Folgen dafür erklärt Philipp Maaß, neuer Leiter der Stadtbibliothek Werdau, in einem Interview mit WochenENDspiegel.

Die Stadtbibliothek Werdau feiert im Mai ihr 150-jähriges Bestehen und kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Wo sehen Sie die Bibliothek in der Zukunft und haben bereits Pläne für die nächsten Jahre geschmiedet?
Am Standort der Werdauer Stadtbibliothek soll der Fokus vor allem auf einen modernen Bestand gelegt werden, der für jeden Werdauer Bürger ob Groß oder Klein, etwas bietet. Dies beinhaltet zum gegenwärtigen Spektrum ebenso Blue-rays und Spielekonsolen, wie die Playstation.

Warum gerade Blue-ray‘s und Spielekonsolen – gelten sie nun nicht gerade als üblicher Hauptbestandteil einer Bibliothek?
Damit wollen wir vor allem die Jugendlichen als Gast halten, so dass sie die Bibliothek als Ort wahrnehmen, den sie als „cool“ empfnden und darüber dann auch die anderen bestehenden Angebote der Bibliothek nutzen.

Wie schaut es besonders auch mit Blick auf die Förderung von Kindern und Jugendlichen aus?
Ein weiterer wichtiger Punkt wird die Leseförderung von Kindern ab dem Kleinkindalter sein. Hierzu soll es dann in der Stadtbibliothek auch Veranstaltungen für Familien geben, um den Kindern von Beginn an einen positiven Bezug für Bücher zu vermitteln.

Spielt darin auch die Zusammenarbeit mit Kitas und Schulen eine große Rolle?
Definitiv. Denn nicht zuletzt ist das gegenseitige Miteinander mit den Kindertagesstätten und Schulen insofern relevant, als dadurch auch Kinder aus bildungsfernen Schichten, in denen sie wenig bis gar nicht Kontakt mit Büchern haben, dennoch an den Bildungsaspekt des Lesens herangeführt werden. Zudem steht die Einrichtung der Stadtbibliothek in Werdau auch nachwievor dafür ein, dass die Gesellschaft umfassend gebildet wird.

Wie sollte dann so ein Zusammenspiel mit Kitas und Schulen konkret gestaltet sein?
Bezogen auf die Schulen, sollten die Grundlagen im Lesen von Büchern vor allem bereits schon im Kindergarten gelegt werden, indem zum Beispiel Veranstaltungen geplant werden, so dass das Interesse für Bücher bei den Kindern mit viel Spaß und Freude geweckt wird. Dies sollte dann auch innerhalb der Grundschulzeit fortgesetzt werden, in der die jungen Menschen insbesondere das Selektieren von Informationen mithilfe von Büchern erlernen und verarbeiten können. Hierzu wird es voraussichtlich in der Werdauer Stadtbibliothek auch ein Pilotprojekt geben, bei dem die Schüler und Schülerinnen eventuell regelmäßig in die Räume der Bücherei kommen, egal ob durch eine Integration in die Unterrichtsplanung oder anhand von Veranstaltungen und Projekten. Dies hängt jedoch zum großen Teil auch von den jeweiligen Lehrern ab, die das breite Angebot der Werdauer Stadtbibliothek wahrnehmen oder nicht. Die 150-Jahrfeier in der Festwoche vom 28. Mai bis 2. Juni 2018 kann dabei auch eine sehr gute Plattform zum Knüpfen von Kontakten darstellen.

Inwieweit wird dann auch sowohl der digitale als auch der gedruckte Bücherbestand erweitert?
Die Bibliothek verfügt mittlerweile über einen Medienbestand von rund 40.000 Exemplaren. Dabei wird sich jedoch wie in vielen anderen Bibliotheken der Bestand von Sachbüchern künftig verringern und der Anteil von Kinder- und Jugendliteratur wird ansteigen.
Bezogen auf das digitale Angebot verfügt die städtische Einrichtung bereits über den Online-Katalog LIESA, bei dem sich die Leser eine Vielzahl an E-Books für das Smartphone, Tablet oder den Computer ausleihen können.

Glauben Sie die digitale Variante des E-Books wird das handelsübliche Buch künftig verdrängen?
Sowohl das gedruckte Buch als auch seine digitalen Alternativen haben Vor- und Nachteile. E-Books haben insofern einen Vorteil, als besonders Vielleser beispielsweise im Urlaub ihren Bücherbestand gesammelt im elektronischen Buch aufbewahren können anstatt Unmengen an Büchern im Koffer transportieren zu müssen. Andererseits werden insbesondere Karten aus einem Sachbuch nicht immer auf dem Bildschirm eines E-Books optimal dargestellt, was jedoch natürlich auch immer abhängig von der jeweiligen Technik ist. Zudem spielt der Faktor Ruhe bei der Printvariante eine wichtige Rolle, während die digitalen Medien viel Ablenkung beinhalten können.
Allerdings bin ich bezüglich des Verhältnisses zwischen E-Book und gedrucktem Buch recht offen, das heißt, man sollte sich dabei selbst nicht zu sehr einschränken, sondern sollte das Medium nutzen, das für den gegenwärtigen Zweck bevorzugt wird. Mittelfistig wird aber das Buch, wie wir es kennen, nie wirklich verschwinden. Nicht zuletzt da Bücher auch immer wieder Auslöser für aktuelle Diskussionen und Debatten in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft waren und immer noch sind.

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