Braucht es noch eine Arbeitsagentur, Herr Hansen?

Klaus-Peter Hansen, der Chef der Regionaldirketion Sachsen der Bundesarbeitsagentur, gab ein Interview zum “Pendleraktionstag Erzgebirge”. Foto: Arbeitsagentur

Erfolgreicher Pendleraktionstag im Erzgebirge

Region. Zum siebten Mal in Annaberg-Buchholz und zum dritten Mal in Aue luden die Wirtschaftsförderung Erzgebirge GmbH gemeinsam mit dem Regionalmanagement Erzgebirge, der Agentur für Arbeit Annaberg-Buchholz, der IHK Chemnitz Regionalkammer Erzgebirge sowie der Industrie- und Gewerbevereinigung Aue e. V. zum “Pendleraktionstag “, der in der Region einmalig und sachsenweit der größte ist. Mehr als 800 Pendler und Rückkehrwillige nutzten die regionale Jobmesse.
Über 70 erzgebirgische Unternehmen unterschiedlichster Branchen präsentierten interessante Stellen, mit denen man für ein Zurück in die Heimat Erzgebirge werben will. Das Interesse der Firmen war somit so groß wie noch nie zuvor. Keine Plattform sonst bietet die Chance, entspannt nach den Feiertagen gebündelt mit so vielen potentiellen Arbeitgebern ins Gespräch zu kommen und Kontakte zu knüpfen.

Dem WochenENDspiegel gab Klaus-Peter Hansen, der Chef der Regionaldirketion Sachsen der Bundesarbeitsagentur ein Interview zum Thema.

 

Die Lage am Arbeitsmarkt hat sich gedreht! Fachkräfte- statt Arbeitsplatz-Mangel ist das Motto! Braucht es noch eine Arbeitsagentur?

Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt in Sachsen sehr deutlich zugunsten der arbeitsuchenden Menschen gewandelt. Beispielsweise standen im Jahr 2005 noch 44 arbeitslose Menschen einer freien Stelle gegenüber – aktuell sind es drei Bewerber pro freie Stelle. Mit dem Blick auf die 115.000 arbeitslosen Frauen und Männer in Sachsen möchte ich nicht von einem Fachkräftemangel sprechen. Viele dieser Menschen sind auf eine individuelle Beratung angewiesen, weil sie beispielsweise wegen veralteten Qualifikationen, gesundheitlichen Handicaps oder langer Arbeitslosigkeit nicht von allein wieder in Arbeit finden. Hier ist eine intensive Hilfe erforderlich, die sie von den Mitarbeitern in den Arbeitsagenturen und Jobcentern erhalten. Da die Arbeitsweilt keine Garantien kennt, braucht es eine Versicherung, die den Menschen zur Seite steht und das auch präventiv .

 

Auch um Menschen aus dem Westen in die Heimat zurückzuholen?

Aktuell verlassen über 138.000 Menschen ihre Heimat in Sachsen um in anderen Bundesländern zu arbeiten. Mit dem Blick auf die hohen Fachkräftebedarfe können und sollten wir uns das nicht dauerhaft leisten. Viele der Auspendler sind Fachkräfte, die wir hier in der Region benötigen. Deshalb sage ich immer: Sachsen braucht Zuwanderung! Wir müssen den Menschen, die in den 90`iger-Jahren abgewandert sind und wieder in der Heimat arbeiten wollen, Perspektiven bieten und die Auspendler für sächsische Unternehmen zurückgewinnen. Unser Beitrag ist hier, zur Rückkehr in die Heimat beraten und freien Stellen anbieten. Dafür gibt es unser Jobbörsen-App, wo alle freien Stellen mobil zu finden sind.

 

Sie selbst stammen aus Zittau, leiteten u.a. das Jobcenter Berlin-Neukölln. Lohnt es sich aus Ihrer Sicht, wenn man wieder in der Heimat arbeitet?

Ja, Heimat bleibt Heimat, wenn das Herz eine Verbindung kennt. Ob das so ist, muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist, pendeln rechnet sich unterm Strich nicht immer. Der Mehrverdienst durch eine Arbeit in westdeutschen Bundesländern liegt bei etwa 900 Euro. Davon gehen die Kosten für das pendeln ab – beispielsweise für doppelte Haushaltsführung, Fahrkosten, und das Schlimmste: kostbare Zeit für Kinder und Familie geht verloren.

 

Selbst wenn man auf Einkommen verzichtet?

Ich bin mir sicher: Fachkräfte aus anderen Regionen lassen sich durch gute Arbeit gewinnen. Die Attraktivität der Arbeit ist nicht allein vom Einkommen abhängig. Es gibt viele weitere Kriterien, die Menschen bei der Wahl ihres Arbeitsplatzes berücksichtigen. Hierzu gehören beispielsweise Weiterbildungsangebote, Karrieremöglichkeiten oder flexible Arbeitszeiten. Aber auch die Lebenshaltungskosten, Kinderbetreuungsangebote und bezahlbarer Wohnraum sind viel viele Familien entscheidend. Sachsen ist hier in vielen Bereichen attraktiv aufgestellt.

 

Bleibt der Fachkräftemangel? Ist es aus Ihrer Sicht eigentlich fair, wenn jetzt manche Firmenchefs nach der Politik rufen, nur, weil sie verpennt haben, junge Leute auszubilden?

Die sächsischen Betriebe sind bei der betrieblichen Ausbildung seit vielen Jahren sehr aktiv. Das Problem liegt auch in den Bewerberzahlen. Viele Junge Menschen möchten lieber studieren – selbst wenn sie vielleicht eher für eine praktische Ausbildung geeignet sind. Deshalb informieren wir verstärkt in Gymnasien zu den Möglichkeiten und Chancen einer betrieblichen Ausbildung und helfen Studienzweiflern bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

 

Kleine Betriebe und Handwerker haben Probleme mit Personal und Bürokratie. Wie kann die Arbeitsagentur helfen?

Achtzig Prozent der Betriebe in Sachsen sind Kleinstunternehmen – haben weniger als zehn Mitarbeiter – und deshalb keine eigene Personalabteilung. Die Inhaber sind dann selbst für das Personal und die Abrechnungen verantwortlich. Um sie hierbei zu entlasten, haben wir mobile Angebote geschaffen. So können Unternehmer die Arbeitsbescheinigungen elektronisch an die Arbeitsagenturen melden oder über unsere Website neue Stellen zur Besetzung melden – alles ohne nur ein Blatt Papier ausfüllen zu müssen. Und für die Personalgewinnung und –suche haben wir eigene Teams in allen Teilen Sachsens

Mehr als 800 Pendler und Rückkehrwillige nutzten die regionale Jobmesse „Pendleraktionstag Erzgebirge“ . Foto: WFE

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