Chemnitz hält Schocken-Erinnerung wach

Die Enkelin von Salman Schocken war in dieser Woche auf den Spuren ihres berühmten Vorfahren. Raheli Edelmann besuchte das Archäologie Museum und ist stolz auf den Umgang mit dem Erbe ihres Großvaters. Foto: bit

Die Enkelin von Salman Schocken war in dieser Woche auf den Spuren ihres berühmten Vorfahren. Raheli Edelman besuchte das Archäologie Museum und ist stolz auf den Umgang mit dem Erbe ihres Großvaters. Foto: bit

Chemnitz. Anderthalb Jahre nach Eröffnung des Staatlichen Museums für Archäologie (smac) erscheint im Dezember ein Buch, das die Geschichte des Gebäudes als ehemaliges Warenhaus, des Bauherrn Salman Schocken und des Architekten Erich Mendelsohn beschreibt.

Der 1930 eingeweihte Bau gilt als Ikone der klassischen Moderne. Er war das größte und modernste Haus des in Zwickau begründeten jüdischen Unternehmens Schocken, das bis zur Nazizeit zu den bedeutendsten Kaufhauskonzernen Deutschlands gehörte.

Raheli Edelman aus Israel begutachtete am Montag vorab das Druckwerk mit dem Blick einer doppelten Insiderin: als Enkelin des Mitgründers Salman Schocken und Verlegerin. Nach Schrecken und Schmach des Holocausts und Jahren des Ringens um Wiedergutmachung empfindet Edelman den Umgang mit der Schocken-Geschichte in der Region heute als Genugtuung.

Dr. Sabine Wolfram und Raheli Edelman nutzten am Montag die gelegenheit sich auszutauschen auch über das Schaffen des berühmten Großvaters. Foto: bit

Dr. Sabine Wolfram und Raheli Edelman nutzten am Montag die gelegenheit sich auszutauschen auch über das Schaffen des berühmten Großvaters. Foto: bit

Vor drei Jahren war sie dabei, als am Geburtshaus ihres Vaters Gustav Schocken am Zwickauer Hauptmarkt eine Gedenktafel angebracht wurde; in der für Schocken-Mitarbeiter errichteten Siedlung Zwickau-Weißenborn erinnert eine Tafel an den Kaufhaus-Pionier Simon Schocken.

In Chemnitz befasste sich 2013 eine wissenschaftliche Konferenz mit Wirtschafts- und Kulturgeschichte im Umfeld des Unternehmens.

„In Freiberg und anderen Städten gibt es Schülerprojekte“, freut sich die 72-Jährige darüber hinaus.

Einst befanden sich 10 der 19 Schocken-Filialen zwischen Freiberg und Auerbach/V., es gab Produktionsstätten oder auch ein Erholungsheim.

Ein weit vor dem Warenhaus in Chemnitz eingerichteter Standort an der Limbacher Straße umfasste Einkaufshaus, Kontor, Textil- und Strumpffabrik.

Nach Angaben des Historikers Jürgen Nitsche wurde das Gebäude in den 1970-er Jahren abgerissen. So sind die meisten Spuren mittlerweile verblasst. Als universelle Handelseinrichtung hat kein Objekt nach der Wende überlebt.

Einige wurden abgerissen oder für andere Zwecke umgebaut. Lediglich in Freiberg zog in das stark veränderte Haus eine Modekette ein.

In der Zwickauer Innenstadt hat sich das Einkaufsleben mit Eröffnung der „Arcaden“ verlagert, was schließlich auch zum Niedergang des Schocken-Stammhauses in der Hauptstraße führte. Pläne für ein Schocken-Institut für Unternehmensgeschichte kamen ebenso nie zum Tragen wie die Nutzung als Stadtarchiv oder Volkshochschule.

Wie WochenENDspiegel vom beauftragten Anwalt erfuhr, befindet sich die Erbengemeinschaft weiterhin in Kontakt mit interessanten potenziellen Investoren.

„Ein konkreter Verkauf zeichnet sich derzeit aber noch nicht ab“, hieß es.

Hingegen liefen zur Schocken-Villa in der Zwickauer Parkstraße aussichtsreiche und weit fortgeschrittene Verhandlungen mit einem Privatinvestor.

Keine konkreten Pläne gibt es auch für das vom Bauhaus-Schüler Bernhard Sturtzkopf als Mitarbeiter des Schocken-Baubüros entworfene Kaufhaus in Crimmitschau.

Die Stadt erarbeitet zurzeit ein Integriertes Handlungskonzept für die Innenstadt. Ein Erwerb des Kaufhauses durch die Kommune steht dabei nicht zur Debatte.

Wirtschaftsförderin Andrea Beres glaubt, dass das äußerlich attraktive Gebäude durchaus für Investoren mit einem wirtschaftlich tragfähigen Konzept interessant sein könnte, wenn auch das Umfeld stimme. „Da sind wir dran“, versichert sie.

Fünf WochenENDspiegel-Fragen an Raheli Edelman:

Sind Sie zufrieden mit dem Buch über Ihren Großvater und das Chemnitzer „Schocken“?

Ja, das Buch ist sehr schön. Es ist eine wunderbare Erinnerung an meinen Großvater.

Wann haben Sie das Haus kennen gelernt?

In Ostdeutschland war ich das erste Mal 1990 und habe Chemnitz als einen der ersten Orte besucht. Ich kann mich erinnern, dass das Kaufhaus damals noch bronzefarbene Fenster hatte. Ich habe selbst einige Bücher mit Bildern aus Chemnitz herausgegeben. Es gibt in Israel auch Bücher über Kunstgeschichte, in denen das Gebäude abgebildet ist.

Empfehlen Sie Bekannten in Israel, nach Chemnitz zu kommen?

In der Zeitung „Haaretz“ (von Salman Schocken nach seiner Übersiedlung nach Palästina erworben – d. Red.) ist anlässlich der Eröffnung des Archäologiemuseums ein großer Beitrag mit Fotos erschienen. Es ist ein phantastisches Gebäude. Natürlich empfehle ich, es anzusehen.

In Sachsen gibt es noch einige bedeutsame Schocken-Bauten, die ungenutzt sind, wie die Warenhäuser in Zwickau und Crimmitschau. Was sollte damit aus Ihrer Sicht geschehen?

Ja, die Erbengemeinschaft besitzt noch einige Gebäude hier. Eine Nutzung ist abhängig von der ökonomischen Situation, das kann lange dauern. Kaufhäuser sind große Gebäude, die heute so nicht mehr gut funktionieren. Deshalb sind ganz verschiedene Nutzungen denkbar.

Dafür müssen Vorschläge gemacht werden. Denkbar sind zum Bespiel Apartments. In Zwickau sollten nicht ökonomische Interessen vornan stehen, sondern eine öffentliche Nutzung.
Haben Sie auch Angst, wenn Sie nach Deutschland kommen?

Am Anfang war es sehr schwierig. Aber mit den Jahren kenne ich viele Leute. Dabei sprechen wir auch über den Holocaust. Von der deutschen Regierung ist ja viel getan worden zur Aufarbeitung.

Von Gisela Bauer

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