Chemnitzer Brühl beweist Köpfchen

Die Debatte um Brühl-Belebung kommt wieder ins Rollen. Fotos (3): Judith Hauße

Eher grau und trist zeigte sich der Chemnitzer Brühl noch vor einigen Jahren.Ein überholtes Image, wenn man einmal seinen Blick entlang des heutigen Boulevards schweifen lässt. Über dem Stadtviertel ragen Häuser mit bunt verzierten Fassaden, junge Unternehmer werden beinah magisch angezogen und das jahrelang vernachlässigte Viertel mausert sich zum beliebten Wohnviertel.

Die letzte Umfrage zeigte aber, der Brühl ist trotz allem noch lange nicht da, wo er eigentlich sein könnte. Und dabei wächst der Wunsch bei Anwohnern und Gewerbetreibenden nach einem urbanen Wohnviertel immer mehr. Claudia Bieder vom Brühl-Management weiß, dass dieser Wunsch sich schon vor ein paar Jahren herauskristallisierte. „Ich kann mich noch gut an Gespräche vor etwa 5 Jahren erinnern, als neue Bewohner den Brühl wieder für sich entdeckten. Alle mit der gleichen Intention: wir haben uns bewusst für den Brühl entschieden, weil wir dieses urbane Leben, diese Gemeinschaft, was hier gerade wieder entsteht, lieben und mitgestalten wollen“, erinnert sie sich.

Claudia Bieder ist sich sicher, der Brühl habe sich rasant zu einem beliebten Quartier nördlich der Chemnitzer Innenstadt entwickelt. Sie weiß aber auch: „Damit einher geht eben auch ein Lern- und Akzeptanzprozess aller Beteiligten; alt eingesessener wie auch neu hinzugekommener Akteure und Bewohner.“ Bieder spricht dabei gern schon einmal von der „Brühl-Familie“. Und die Mehrheit dieser „Familie“ ist sich einig, der Brühl kann mehr. Vor allem habe die Brühl-Managerin aus ihrer Erfahrung mit den Anwohnern und Gewerbetreibenden damit gerechnet, dass die Mehrzahl eine spätere Nachtruhe und einen belebten Brühl im Sinne eines Wohlfühl- und Gemeinschafts-Quartiers zum Wohnen, Leben und Arbeiten präferiert.

Andererseits gäbe es auch Stimmen, die ein grunsätzliches Problem mit der Geräuschkulisse auf dem Brühl haben. „Hier versuchen wir immer im Gespräch einen gemeinsamen Nenner zu finden“, erzählt sie und ergänzt, Kommunikation sei das Wichtigste. Daher würden die Antworten der Umfrage der Stadtverwaltung als starkes Meinungsbild bei einer möglichen Umwidmung des Brühls von einem „Allgemeinen Wohngebiet“ zu einem „Urbanen Gebiet“ helfen. „Es ist ein relativ neuer Baugebietstypus in der Baunutzungsverordnung (§ 6a BauNVO), der etwas mehr Flexibilität für die Kommune, Bauherren, Planer und die Akteure verspricht, wenn es um die Durchmischung von Wohnraum und anderen Nutzungen geht. Das „Urbane Gebiet“ wird nicht das Allheilmittel sein, eine weitere gute Kommunikation aller Beteiligten ist auch danach unabdingbar“, so Bieder und weiß, ohne die Stadtverwaltung hätte es diese Entwicklung auf dem Brühl nicht gegeben.

Ein kleiner Teilerfolg ist schließlich schon in Sicht: In der aktuellen Umfrage des Baudezernates unter Anwohnern zur Zukunft des Brühls hatten sich etwa zwei Drittel der Teilnehmer*innen dafür ausgesprochen, den Beginn der Nachtzeit um eine Stunde hin-auszuschieben. Diese wird nun laut Rathaus ab den 1. August auf 23 Uhr verschoben und und gilt bis 7 Uhr.
Dass der Brühl aber dennoch mehr Potenzial habe, davon ist die Brühl-Managerin überzeugt. „Er bietet noch genug Platz für weitere wunderbare und individuelle Läden, gleiches gilt für gastronomische Einrichtungen. Da denke ich ganz konkret an den Standort des ehemaligen Delicate, aber auch an die Ecke K.-Liebknecht-Straße 39, denn das wird auch eines der Laufachsen der Zentralbibliothek werden.“

 

König, Karl Marx und Karriere

 

Die Motive werden mit einer Siebdruckmaschine auf die Kleidungsstücke gebracht. „Das macht sie einzigartig“, sagt Martin König.

Wie viele junge Unternehmer, hat sich auch Brühl-Neuling Martin König den Boulevard als Standort für seinen im Juni eröffneten Laden „karlskopf“ ausgesucht. „Bewusst“, wie er sagt.
Martin König sprudelt nur so vor Ideen. Das ist dem 30-jährigen Betriebswirt sofort anzumerken, als wir ihn am Montag in seinem Laden auf dem Brühl antreffen. Er ist gerade dabei, das Konterfei des großen Philosophen Karl Marx als Skifahrer mittels Siebdruck auf ein T-Shirt zu drucken. Dahinter steckt eine Idee, die so einfach, aber auch schon wieder brilliant ist.

Martin König schickt Karl Marx mit seinem Label „karlskopf“ nicht nur wegen seiner inzwischen grenzenüberschreitenden Kundschaft auf Weltreise, nein, er lässt ihn auf seinen T-Shirts und Pullover in ganz unterschiedliche Fassetten schlüpfen. Ausgefallene T-Shirts fand er schon immer cool, wie er erzählt. Der Gedanke, das bekannteste Motiv seiner Heimatstadt für Kleidung zu nutzen, kam dem gebürtigen Karl-Marx-Städter bereits 2012 während des Studiums in Münster. Mit einem befreundeten Kunststudenten setzte er die Idee schließlich um.

Das Motiv der Geburtsstunde seines Labels zeigt den chillenden Karl Marx, der mit seiner leuchtend blauen Sonnenbrille entspannt die Welt betrachtet.
Mittlerweile hat König 19 Motive im Repertoire, weitere sind in Planung. Und eines müssen sie aber immer haben, eine Sonnenbrille. „Sie steht dafür, dass es egal ist, was andere über dich denken, einfach machen“, sagt König.

Im Moment arbeitet er halbtags im Geschäft seines Onkels, dem Chemnitzer Designer Rene König vom Modelabel Germens. Ab Herbst will er sich aber ganz seinem eigenen Laden widmen. Zusätzlich zum Geschäft vertreibt er seine Kleidungsstücke, zu denen inzwischen auch Socken und Hoddies gehören, im Online-Shop. Und da steigen die Kundenanfragen. „Vor kurzem habe ich erst wieder ein Urlaubsfoto aus Paris von einem Kunden geschickt bekommen, auf dem er eines der Shirts trägt. Das macht natürlich stolz“, erzählt er mit einem Lächeln.

In fast ganz Deutschland und darüber hinaus kennen die Menschen das kreative Köpfchen aus Chemnitz. Die Technik des Siebdrucks macht die Kleidungsstücke schließlich zu etwas Einzigartigem. „Das macht das Label so beliebt“, vermutet König. Für das gewisse Etwas, verleiht König allen Stücken eine eigene Geschichte, die auf einem kleinen Kärtchen gedruckt beiliegt.

Mittlerweile hat der Kreativkopf sein Angebot um Socken, auf denen das Konterfei Karl Marx zu sehen ist, erweitert.

 

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