Debatte um Rotwildjagd: Hauptsache tot!?

Entlang des Erzgebirgskammes sind im Moment wieder viele Hirsche zu sehen und zu hören. Foto: Steffen Ullmann

Rotwildjagd im Visier

Von Sven Günther.
Erzgebirge. Sie legen wieder an. Kimme. Korn. Hirsch. Peng. Seit dem 1. August läuft die Jagdsaison für Rot- und Rehwild. In der letzten Saison wurden in Sachsen 4251 Stück Rotwild (Kälber, Hirsche, Hirschkühe) und 36 215 Stück Rehwild (Kitze, Rehe, Rehböcke). Dazu kommen 33 258 Wildschweine.
Eine stattliche Zahl. Umgerechnet werden im Freistaat Sachsen täglich rund 200 Tiere von Jägern erlegt.
Dafür gibt es Lob von Umweltminister Thomas Schmidt.  „Mit diesem Ergebnis stellt die sächsische Jägerschaft in den Jagdbezirken eindrucksvoll unter Beweis, dass sie den jagdgesetzlichen Auftrag für Hege und Bejagung des Wildes annimmt und erfüllt“, sagt er und weist auch darauf hin, dass so die forst- und landwirtschaftlichen Schäden gemindert würden.
Aber stimmt das? Es gibt immer mehr Zweifler wie Karsten Bergner, den Chef der Hegegemeinschaft Erzgebirge. Er glaubt nicht an die vom Staatsbetrieb Sachsenforst aufgestellt Gleichung „Hohe Verbissschäden = Hoher Wildbestand“.
Er hat eine andere Sicht auf die Schäden an den Bäumen, sagt: „Das Rotwild ist durch die extreme Bejagung im Dauerstress. Eigentlich würde es auf Feldern und Wiesen stehen, dort seine Ruhe haben und äsen. Aber die massive Jagd macht die Tiere scheu. Sie bleiben in der Deckung des Waldes, sind gezwungen die Bäume anzufressen. Fakt ist, dass es bislang keine richtige Tierzählung in Sachsen gibt. Die wäre aber dringend notwendig, um genau zu wissen, wie groß die Population tatsächlich ist.
Bergner wartet jetzt auf das Ergebnis einer unabhängigen Studie, die von der TU Dresden, Dozentur für Wildökologie und Jagdwirtschaft, bearbeitet und durch die Jagdabgabe des Freistaates Sachsen finanziert wird. In ihr arbeitet Professor Sven Herzog an der „Erstellung eines integrierten Wildmanagementkonzeptes für das Rotwild auf wildbiologischer Grundlage am Beispiel der Hegegemeinschaft Erzgebirge.“
Der Wissenschaftler hegt erste Zweifel, sagt: „Seit 40 Jahren schießen wir mehr und mehr Wild. Die Schäden werden aber nicht geringer. Wir prüfen, ob es nicht einen Zusammenhang zwischen starker  Bejagung , dem damit verbundenen Stress für die Tiere und den Verbiss-Schäden gibt.“
Professor Herzog hofft auf ein Zwischenergebnis im kommenden Jahr, klagt aktuell über Personalmangel und stockenden Datenfluss.
Auch der Staatsbetrieb Sachsenforst hat eine Studie bei der TU Dresden in Auftrag gegeben, lässt von der Professur für Forstzoologie zur  „Analyse der Populationsdichte, der Populationsstruktur, des Migrationsverhaltens und der Lebensraumnutzung des Rotwildes im Erzgebirge und Elbsandsteingebirge als Grundlage für ein wald- und wildtierökologisch sowie walbaulich begründetes Rotwildmanagement“ Untersuchungen vornehmen. Kosten 545.209,54 EUR.
Warum es keine gemeinsame Studie gibt, erklärt Professor Herzog so: „Sachsenforst will Antworten auf betriebliche Fragen haben. Das ist völlig legitim. Wir forschen aus Sicht der Wildtiere und verschiedener Landnutzer und sind dabei unabhängig und ergebnisoffen.“
Für die Hegegemeinschaft ist klar, dass das Rotwild im Erzgebirge Schutz benötigt. Unter dem Titel „Rotwild im Erzgebirge braucht Deine Hilfe“ (https://www.openpetition.eu/petition/online/rotwild-im-erzgebirge-braucht-deine-hilfe) läuft eine Petition, die das Anliegen der Hegegemeinschaft untermauern soll.
Dort steht: „Der Staatsbetreib Sachsenforst als Flächen- und Jagdverwalter agiert mit sehr fragwürdigen Praktiken. Sobald er keine Kompromisse in der Sache eingehen will, tritt er einfach aus Hegegemeinschaften aus. Empfehlungen von Hegegemeinschaften zu Wildbewirtschaftungs- und Hegestrategien sowie zu Abschussplänen großer Wildarten können somit immer wieder zerschlagen werden, teils werden sie auch einfach ignoriert.“
Bergner kritisiert weiter: „Um auf die Abschuss-Quoten zu kommen, werden wieder verstärkt Drückjagden organisiert. Die Teilnehmer der Drückjagden erhalten Unterkunft, freien Abschuss und Anreiseprämie. Alles Steuergelder…“
Klaus Kühling vom Staatbetrieb Sachsenforst relativiert: „Sachsenforst ist jagdlich nur für die Verwaltungsjagd (200.000 Hektar) verantwortlich. Das entspricht etwa 13 Prozent der potentiellen Jagdfläche in Sachsen. Für 87 Prozent der Jagdfläche im Freistaat Sachsen liegt keine Zuständigkeit bei Sachsenforst. Diese Fläche wird im Rahmen von Eigen- und  Gemeinschaftsjagden durch private Jäger bejagt.“
Bergner: „Dennoch liegt speziell im Erzgebirge der Anteil der Landeswaldflächen bei rund 80 Prozent. Hier wird der Großteil des Rotwildabschusses realisiert. So beabsichtigt die Verwaltungsjagd in der aktuellen Planungsperiode allein im Erzgebirgskreis 2.550 Stück Rotwild zu erlegen.

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