Demo statt Schulbank: Das sagen Lehrer und Politiker der Region zu den Klima-Streiks

Ab 12 Uhr startete die Schüler-Demo am Neumarkt in Chemnitz. Darunter auch mehr als 300 angereiste Schülerinnen und Schüler aus Zwickau und Werdau. Foto: Jakob Springfeld

Mit Blick auf den vergangenen Freitag kann man sagen, es war wohl der bisher größte Aktionstag der weltweiten Kampagne „Fridays for Future“ an dem Schülerinnen und Schüler entschlossen auf die Straße gingen, um gegen den Klimawandel zu protestieren. In mehr als 1.000 Städten weltweit nahmen die jungen Leute teil. Allein in Chemnitz zogen knapp 3.000 Schüler aus der Region durch die Stadtmitte. Jakob Springfeld (16) aus Zwickau war einer von ihnen.

Der 16-jährige Gymnasiast traf sich an diesem Tag am späten Vormittag mit mehr als 100 weiteren Jugendlichen am Zwickauer Hauptbahnhof. „Erst wenige Tage davor haben wir begonnen, Leute für die Demo zu mobilisieren. Am Ende kamen 300 Leute mit uns aus Werdau und Zwickau nach Chemnitz“, sagte Springfeld am Ende der Demonstration. Sie alle hatten ein und dasselbe Ziel, wie der Zwickauer kurz zuvor im Gespräch mit WochenENDspiegel erklärte: „Wir wollten unsere Stimme erheben und der Politik Druck machen, weil es um unsere Zukunft geht. Unsere Regierung muss jetzt handeln, um den Folgen der Klimakrise entgegen zu wirken.“ Die Jugendlichen zogen daher mit vielen Marsch-Slogans, wie “Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns’re Zukunft klaut” durch die Chemnitzer Innenstadt. “Ein absoluter Höhepunkt für uns war die Kundgebung vor der Zentrale von “Eins”, die das Kraftwerk gleich bei Chemnitz betreuen. Dort konnte man das erste mal sehen, wie viele wir tatsächlich waren”, so der Zwickauer Gymnasiast.

Der Aussage der Polizei zufolge verlief die Demo im gesamten Zeitraum störungsfrei. Nichtsdestotrotz herrschen bei Lehrern und Politikern geteilte Meinungen über die Aktion. Viele sehen sich dabei vor allem auch in einem Zwiespalt. Hier lesen Sie einige Antworten:

Zwickauer Bundestagsabgeordneter Carsten Körber, CDU:

“Ich finde es gut, dass die junge Generation genau das Gegenteil von dem tut, was ihr immer wieder unterstellt wurde, nämlich politisch desinteressiert zu sein. Durch ihre Aktivitäten bringen sich die Schülerinnen und Schüler nun aktiv ein und machen von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch. Durch ihr Engagement, wie am vergangenen Freitag, machen sie auf ein großes, globales Problem aufmerksam und sensibilisieren eine ganze Gesellschaft dafür, dass wir weiter verstärkt den Weg des Klimaschutzes gehen müssen. In letzten Jahren haben wir zum Beispiel mit dem Pariser Klimaschutzabkommen und den Diskussionen um CO2-Grenzwerte im Verkehrssektor vieles in diese Richtung erreicht. Der beste Beweis dafür, dass eine Antwort eines globalen Problems nicht von Nationalstaaten allein gegeben werden kann, sondern nur im multilateralen Rahmen, ist das Thema Klimaschutz. Ich finde allerdings, dass diese Bewegung noch mehr Kraft bekommen und an Glaubwürdigkeit gewinnen würde, wenn die Proteste nicht während der Schulzeit stattfinden. Hier auch einen Hinweis auf die gesetzliche Schulpflicht zu geben, halte ich für richtig und wichtig.”

Jens Heinzig, Schulleiter an der Pestalozzischule in Zwickau:

“Ich teile die Meinung des Kultusministers. Der Minister begrüßt das Engagement, da es  Ausdruck dafür ist, dass sich Kinder und Jugendliche für Themen der Zeit interessieren. Gleichzeitig stellt er klar, dass die Schulplicht uneingeschränkt gilt. Ich persönlich würde die Aktion der Schülerinnen und Schüler noch glaubhafter finden, wenn sie am Freitag am Nachmittag stattfinden würden. Vor 30 Jahren wurde am Montagabend demonstriert, Dienstag ging es dann wieder auf Arbeit.”

Michael Olbrich, Schulleiter am Peter-Breuer-Gymnasium in Zwickau:

“Die hinter der Bewegung Fridays For Future stehende Idee, unsere Umwelt und das Klima zu schützen, ist grundsätzlich begrüßenswert, zumal der Impuls dazu von den jungen Menschen kam und das Thema im Einklang mit unserem Bildungsauftrag zur Bewahrung der Schöpfung steht. Vor diesem Hintergrund ist den Schülern meiner Einrichtung die mit ihrem Status als Schüler einhergehende Pflicht zum Schulbesuch bewusst. Deshalb haben sich Schülervertreter im Vorfeld an mich gewandt, um einem möglichen Konflikt zu begegnen. Am Peter-Breuer-Gymnasium Zwickau sprechen wir von Erziehungsgemeinschaft und beziehen unsere Eltern in viele Entscheidungsprozesse ein. Dies erachtete ich im Zusammenhang mit der Demonstration als besonders wichtig, da sie in einer anderen Stadt stattfand. Des Weiteren schien mir ein willkürliches Fernbleiben vom Unterricht nicht zielführend. Den Eltern wurde daher von mir das Recht eingeräumt, einen Antrag zur Befreiung vom Unterricht  ab der 5. Unterrichtsstunde an mich zu stellen.”

CDU-Landtagsabgeordneter und Zwickauer Stadrat Gerald Otto:

“Grundsätzlich ist es erst einmal sehr erfreulich, dass Klima- und Naturschutz in den letzten Jahren eine noch stärkere Bedeutung, besonders im Raum der EU erhalten hat. Diese wichtigen Themen sind in der Programmatik der Parteien der Mitte ein zentraler Punkt und schon lange kein Alleinstellungsmerkmal der Grünen mehr. Deutschland leistet in Sachen Klimaschutz bereits sehr viel und hat doch nur einen marginalen Einfluss auf die globalen Entwicklungen. Dessen sind sich wohl auch die Initiatoren der Aktion bewusst und fordern mehr globales Engagement. Ich habe allerdings starke Bauchschmerzen wenn dabei die Schulpflicht vernachlässigt wird, auch wenn es dabei um eine gute Sache geht. Genauso gut kann der Freitagabend oder das Wochenende dafür genutzt werden. Die Absicherung eines lehrplangerechten Unterrichtes fordert unser Schulsystem bereits stark und ein Fernbleiben vom Unterricht darf nicht sein, schon gar nicht als Dauerzustand. Ich freue mich jedoch über das Engagement der jungen Leute und noch erfreulicher wäre, wenn dem Aktionismus auch praktische Taten folgen würden.”

Zwickauer Stadtrat René Hahn, Die Linke:

“Ich begrüße das Engagement der Schüler außerordentlich, wenn wir Missstände in unserer Gesellschaft beheben wollen, braucht es Menschen die darauf aufmerksam machen. Letzten Freitag habe ich mir auch selbst in Chemnitz ein Bild gemacht, es war eine der friedlichsten Demos die ich erlebt habe, aber die jungen Leute sollten auch darauf achten, dass sie ihre Schilder nicht auf der Straße liegen lassen, dass widerspricht sonst dem Anliegen.
Von den Schülern erfuhr ich, dass die meisten verpassten Arbeiten und Unterrichtsstunden nachgeholt werden müssen. Also hat ihr Engagement wohl nichts mit Schuleschwänzen zu tun. Außerdem finde ich ist ein Streik ein legitmes Mittel um die Wichtigkeit ihres Anliegens zu unterstreichen.”

 

 

 

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