Der EHV und der bärtige Steuermann

Für Chefcoach Stephan Swat wird die Saison 2020/2021 an sein Team enorme Herausforderungen stellen. Er denkt dabei beispielsweise besonders an die extrem lange Spielzeit. Foto: H.-J. Schwochow

Hau ruck, EHV

Von Sven Günther
Lößnitz. Endlich. Nach fast fünf Monaten Pause fliegt der Handball in der Erzgebirgshalle wieder. Am 3. Oktober startet der EHV Aue gegen DJK Rimpar Wölfe in die Zweitligasaison 2020/21. Manager Rüdiger Jurke: „Wir gehen jetzt in die schwerste Saison der dreißigjährigen Vereinsgeschichte.“ Aber das Team von Chef-Trainer Stephan Swat ist bereit. Der Übungsleiter mit dem schwarz-grauen Bart wird ein ganz spezielles Team durch eine ganz spezielle Saison steuern!

Anzeige

Hau ruck!
Vor den Spielern liegen vom 3. Oktober bis 27. Juni nächsten Jahres 38 Spieltage. Allein vom 14. November bis Jahresende muss der EHV zehnmal antreten.

Hau ruck!
Die Mannschaft wurde verstärkt, die Abgänge (Brykner, Petreikis) kompensiert. Von Bundesligist HSG Wetzlar kam schon Mitte der letzten Saison Torwart Anadin Suljakovic (Bosnien-Herzegowina), vom VfL Eintracht Hagen kommt Rechtsaußen Maximilian Lux. Der Isländer Arnar Birkir Hálfdánsson wechselt aus Dänemark, der Portugiese Gonçalo Filipe Ribeiro aus der ersten österreichischen Liga und der japanische Nationalspieler Hiromi Tsuyama aus Fernost nach Aue. Alle drei sind Rückraumspieler. Sveinbjörn Petursson überzeugte bereits 2012 bis 2016 beim EHV, zuletzt stand er in der ersten Liga seiner Heimat Island zwischen den Pfosten. Eine Multi-Kulti-Truppe aus sieben Nationen: Deutschland, Bosnien, Portugal, Japan, Schweden, Tschechien und Island. A

Hau ruck!
Die Erzgebirgshalle gilt als Handball-Hölle. Rüdiger Jurke: „Um unsere Heimstärke beizubehalten, brauchen wir die Fans. Dank des Hygiene-Konzeptes können 800 Zuschauer die Spiele sehen. Tickets wird es über das Internet geben, wobei Dauerkarten-Inhaber ein Vorkaufsrecht haben. Unsere Spieler haben die Sitzplätze selbst markiert, waren zu einem Arbeitseinsatz in der Halle.“

Hau ruck!
Die zweite Liga ist ein Kraftakt. Allein die Corona-Tests der Spieler kosten den EHV 40.000 Euro. Rüdiger Jurke: „Nach fünf Jahren im Plus müssen wir wegen der Corona-Folgen zum 30. Juni wirtschaftlich einen negativen Abschluss akzeptieren. Aber fast alle unserer Sponsoren sind uns treu geblieben. Dafür kann ich mich nur bedanken. Außerdem haben wir vom Freistaat einen zinslosen Kredit von 130.000 Euro und 9.000 Euro Soforthilfe bekommen. Auch das hat geholfen, obwohl man sagen muss, dass es in anderen Bundesländern deutlich mehr Hilfe für die Handballvereine gegeben hat.“ Egal. Im Moment nicht zu ändern. Jetzt wird gespielt.

Hau ruck, EHV.

Alle in einem Boot. Vor dem Team des EHV steht die schwerste Saison der Vereinsgeschichte. Foto: EHV Aue

 

Im Gespräch mit Dr. Hans-Joachim Schwochow schildert Trainer Stephan Swat die besonderen Herausforderungen der bevorstehenden Spielzeit.

Wie haben Sie die Zeit zwischen 6. März und 3. August erlebt?
Die Zeit zwischen dem letzten Spiel der abgebrochenen Saison gegen die HSG Konstanz und dem Trainingsauftakt am 3. August war für mich eine Zeit der Entschleunigung. Vom ICE-Tempo musste ich wie viele andere auch auf Handwagengeschwindigkeit umschalten. Vieles Privates konnte zwar erledigt werden, aber schon bald juckte es sprichwörtlich in den Fingern. Gut, dass wir nun wieder unseren Sport ausüben können.

Unter welchen besonderen Vorzeichen steht die Saison 2020/2021?
Wir stehen vom 3. Oktober bis 27. Juni 2021 vor einer extrem langen Spielzeit. 19 Mannschaften, zu denen die Aufsteiger Dessau-Roßlauer HV 06, Wilhelmshavener HV, TV Großwallstadt und TuS Fürstenfeldbruck gehören, bestreiten die 38 Spieltage. Für uns bedeutet dies beispielsweise, dass wir ab 14. November bis zum Jahresende zehn Spiele zu bestreiten haben. Am 23., 26.- und 29. Dezember laufen wir auf; ein Hammerprogramm. Deshalb sind wir froh darüber, über einen relativ breit aufgestellten Kader zu verfügen.

Wir beschreiben Sie die Stärken und Schwächen Ihres Teams?

Zu den Stärken möchte ich mich gerne äußern. Die sehe ich darin, dass unsere Neuzugänge schnell in die Mannschaft gefunden haben, die Breite des Kaders positiv auffällt, die Mannschaft nach der Vorbereitung schon ziemlich gut drauf ist und wir ein Stück weit unberechenbarer geworden sind. Schwächen? Natürlich haben wir Reserven, die wir nutzen wollen und werden. Welche das sind, werde ich hier nicht verraten.

Was ist das Besondere an Ihrer Mannschaft?
Zum einen, dass zwei Isländer, ein Japaner, ein Portugiese, ein tschechischer-, ein schwedischer- ein bosnischer Spieler und deutsche Akteure, davon acht aus dem Auer Nachwuchs, unser Team bilden. Im Trainingslager in Warnemünde hat sich gezeigt, dass die Spieler schnell eine gemeinsame Sprache gefunden haben. Deutsch bleibt dabei die „Amtssprache“, obwohl sich auch englische – und heimatliche Worte in die Kommunikation mischen. Für das Trainer-Trio und die Mannschaft ist das kein Problem.

Reißt der Weggang von Benas Petreikis eine große Lücke?
So pauschal kann die Frage nicht beantwortet werden. Natürlich hat Benas bei uns eine wichtige Rolle gespielt. Aber mit Bengt Bornhorn, Kevin Roch, dem portugiesischen Neuzugang Gonzalo Filipe Ribeiro und dem „Torwart-Rückkehrer“ Sveinbjörn Petursson haben wir Spielerpersönlichkeiten in unseren Reihen, die das Team führen und Verantwortung übernehmen können.

Was sagen Sie dazu, dass der eigene Nachwuchs nachdrücklich an das „Tor der Ersten“ pocht?
Über diese Entwicklung sind wir alle miteinander sehr froh. Die über Jahre hinweg geleistete ausgezeichnete Nachwuchsarbeit in der SG Nickelhütte Aue trägt zunehmend ihre Früchte. Mit Jonas Leubner und Vojta Kozubik gehören zwei weitere „Eigengewächse“ zum Anschlusskader. Die A-Jugend spielt in der neuen Saison in der Bundesliga. Elias Bombelka und Jannik Dutschke konnten sich in dieser Altersklasse bereits auszeichnen. Für alle jungen Spieler gilt: Wer über Ausdauer, Willen und Ehrgeiz verfügt, kann den Sprung in „die Erste“ schaffen. Hier zu spielen, sollte Ehre, Ansporn und Verpflichtung sein.

Haben die „nur“ 300 Zuschauer bei den Vorbereitungsspielen motiviert oder eher gelähmt?

Es waren leider noch keine 300 in der Halle. Wir sind aber froh darüber, dass es auch in der Vorbereitung Spiele mit Zuschauern gab. Den Akteuren war der Spaß am Spiel nach so langer Zeit anzumerken. Wir Trainer freuten uns darüber, dass die Abwehr immer besser stand und das Angriffsspiel strukturierter vorgetragen wurde. Tja, und für die 800 (!!!) Zuschauer, die in der Saison in die Halle dürfen, ergibt sich die besondere Situation, froh darüber sein zu dürfen, einen Platz in der Halle ergattert zu haben. Wir setzen voll auf die dann 800 Fans bei der Unterstützung der Mannschaft, um unsere Heimstärke auch weiterhin in die Waagschale werfen zu können.

Wo wollen Sie mit Ihrem Team am Saisonende stehen?

Meine Antwort fällt ziemlich kurz aus: Wir möchten den Klassenerhalt mit bestmöglichem Platz und frühzeitig sichern. Aus meiner Erfahrung heraus, werden dafür 32 und mehr Punkte sowie mindestens der Platz 16 erforderlich sein. Dafür werden wir alles geben und dazu beitragen, dass auch künftig im Auer Tal Leistungshandball geboten wird.

 

 

Ausbildungsstellen in Deiner Region

Facebook