Der EHV und ein überragender Spaziergänger

Erik Töpfer (hier gegen den HC Elbflorenz) hielt gegen Essen stark, spielt in speziellen Schuhen. Fotos: Manja Gehlert

EHV Aue: Magische zehn Minuten

Von Sven Günther
Lößnitz. Da saß er nun mit seinen 24 Jahren. Jaron Siewert. Trainer des Tabellenführers TUSEM Essen. Versteinertes Gesicht. Hängende Schultern. Einer der talentiertesten Handball-Übungsleiter des Landes, der im nächsten Jahr die Füchse Berlin in der ersten Handballbundesliga trainieren wird, analysierte messerscharf die Niederlage: “Wir haben gut angefangen, uns dann das Spiel entgleiten lassen. Aue bestrafte unsere Fehler eiskalt und konsequent. Sogar eine höhere Niederlage wäre möglich gewesen.”
34:28 konnten die EHV-Fans nach 60 Minuten auf der Anzeigetafel lesen. Das scheinbar Unmögliche war Realität geworden.
17:11 stand es nach 30 Minuten und Jaron Siewert hatte schon nach 23 Minuten zwei Auszeiten genommen, in denen er die Seinen aufforderte, weniger hektisch zu spielen, die Ballverluste zu reduzieren und sich zu konzentrieren. Er sprach zu tauben Ohren! Die Spieler des Turn-und Sportvereins Essen-Margarethenhöhe konnten Siewerts Worten keine Taten folgen lassen.

Dabei hatten sie gut begonnen. 3:5 führten die Gäste nach sieben Minuten. Immer wieder gelang es ihnen, Tim Zechel am Kreis in Position zu bringen. Der Kreisläufer warf neun der 17 Essener Tore. Ein Beleg dafür, dass Talentiert-Trainer Siewert mit dem Rest der Truppe in Abwehr und Angriff nicht zufrieden sein konnte. Im WocheENDspiegel hatte er noch vor dem EHV gewarnt: “Sie haben eine gute Kooperation zwischen Rückraum und Kreis und lassen dabei den Ball schnell laufen.”

Wie gefährlich diese Mischung für Gegner sein kann, zeigte sich in zehn magischen Minuten, in denen die Erzgebirger aus dem 3:5 ein 10:5 machen konnten.

Die Gründe:

Bengt Bornhorns Gefährlichkeit am Kreis hat sich herumgesprochen, die Abwehrspieler achten verstärkt auf ihn.
So werden die Rückraum-Werfer später angegriffen, was zu Toren von Adrian Kammlodt (9) und Gabriel De Santis (5) führte. Darüber hinaus bekommt Benas Petreikis Raum für 1:1 Aktionen, die zu sechs Treffern führten
UND: Bornhorns Siebenmeter-Effektivität lag wieder bei 100 Prozent. Fünf seiner neun Tore warf er vom Strich.

Adrian Kammlodt warf beim Siegen gegen Tabellenführer TUSEM Essen neun Tore. Foto: Manja Gehlert.

All das sprach an diesem Voradvents-Samstag für den EHV Aue und hätte doch allein nichts genützt. Denn hinter einem starken Mittelblock Roch/Lux stand mit Erik Töpfer der Matchwinner im Tor. Zehn Angriffe des TUSEM stoppte der Mann im gelben Pullover mit seinen Paraden – und mit jeder wuchs die Angst der Schützen vor dem Torwart. So hieß es in der 23. Minute 13:9 und zur Pause 17:11 für den EHV Aue. Bornhorn hatte einen Siebenmeter versenkt und Töpfer auch den letzten Angriff in Halbzeit eins entschärft.

Dem WochenENDspiegel verrät der EHV-Torhüter: “Ich schaue mir immer zwei oder drei Spiele der Gegner an, achte auf Anlaufbewegungen und erstelle mir aus meinen Beobachtungen Wurfbilder.”
Sind die Werfer im Spiel dann in Bedrängnis oder körperlich mit mehr bei 100 Prozent ist es wahrscheinlich, dass sie instinktiv diese Wurfvarianten wählen. Ein Plus für den Keeper. “Das nützt aber alles nichts, wenn die Abwehr nicht gut steht. Es gibt immer konkrete Absprachen. Zum Beispiel, dass man eher die Außenspieler werfen lässt als die Halben oder den Kreisläufer.

Wenn Wurfbilder, Abwehr und Absprechen perfekt passen, kommen solche Spiele wie gegen Essen heraus”, erklärt Töpfer, der auf breitem Fuß lebt, die Größe 47/48 hat und deshalb mit Schuhen der spanischen Marke “Munich” spielt. “Ich habe nicht nur große, sondern auch breite Füße. Im TV bin ich dann auf dieses Modell aufmerksam geworden”, so der Torhüter des EHV Aue, der noch eine Besonderheit hat: “Ich gehe vor jedem Spiel spazieren. Es tut mir gut, wenn ich nochmal frische Luft tanken kann.”

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Gegen Essen hat das wieder funktioniert. Töpfer spielte wie die ganze Mannschaft bärenstark. Sein Trainer Stephan Swat: “Es war ein großes Spiel von uns, an das sich das Team und unsere Fans sicher noch lange erinnern werden. Jeder meiner Jungs ist heute mit dem festen Willen in die Halle gekommen, den Tabellenführer zu stürzen. So sind wir auch aufgetreten. Der 7:0-Lauf in der ersten Halbzeit hat dann die letzten Prozente gegeben, wirklich zu glauben, das schaffen zu können. Wir haben dann mit allem was wir haben den Vorsprung verteidigt.”

Noch einen Trick hatte Jaron Siewert in petto: Er nahm den Torhüter eine Viertelstunde vor Schluss vom Feld, ließ den TUSEM mit sieben Spielern angreifen. Swat erklärte in der Pressekonferenz: “Aber auch das haben die Jungs wahnsinnig gut und mit viel Engagement verteidigt.” So geriet die Führung auch in der 2. Halbzeit nicht in Gefahr. Zum Player of the Match wurde Adrian Kammlodt gewählt. Der lobte die Fans: “Es war wie bei schon einigen Heimspielen hier. Gefühlt stehen wir zu acht auf dem Feld. Das hat uns mega getragen und Essen auch beeinflusst.”

Der TUSEM-Coach nahm es langgesichtig hin, verzog auch keine Miene, als Rüdiger Jurke ihm Räucherkerzchen und eine Erzgebirgssalami mit auf dem Weg gab und sich über eine 44 Meter lange LED-Werbebande freute, die beim nächsten Heimspiel des EHV am 21. Dezember gegen den TuS Lübbecke präsentiert werden wird.

Nicht einmal der Respekt, den EHV-Manager Rüdiger Jurke ihm, Siewert, zollte, weil er in so jungen Trainerjahren schon so erfolgreich ist, konnten den TUSEM-Coach erheitern.
Er hofft, dass sich sein Team wieder fängt und die EHV-Spieler, -Verantwortlichen und -Fans hoffen, dass sie jetzt am Freitag in Rimpar wieder erfolgreich sein werden.

Die Vorschau auf das Spiel gegen die Wölfe lesen Sie auf www.wochenendspiegel.de

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