Der Steuermann geht von Bord!

Bertram Höfer Foto: privat

Bertram Höfer
Foto: privat

 

“Eine Familie müssen wir sein, dann haben wir Erfolg”

Als die Sektion Fußball Bertram Höfer 1990 bittet, im Vorstand des entstehenden FC Wismut Aue mitzuarbeiten, stimmt Bertram Höfer prompt zu. Obwohl er damals beruflich mit dem Aufbau des Verbands der Nord-Ostdeutschen Textilindustrie (vti) eine Riesenarbeit bewältigen muss und ohne zu ahnen, wie sehr sich sein Leben durch das Fußballehrenamt ändern würde. Erst als Schatzmeister und als stellvertretender Vorsitzender im Vorstand sowie bis heute im Aufsichtsrat engagiert sich der gebürtige Zschorlauer für seine „Veilchen”. Zur Mitgliederversammlung des FC Erzgebirge Ende November will er den Staffelstab in jüngere Hände legen. Mit dem 63-Jährigen aus Jahnsdorf-Leukersdorf sprach Olaf Seifert für www.wochenendspiegel.de

Einmal Aue, immer Aue. Den Satz hörte ich häufig von Ihnen, war er 1990 das Aufbruchsignal?
Ja, ohne Frage. Und für die Handvoll Mitstreiter, mit denen wir zusammen vor 25 Jahren versuchten, den Auer Traditionsverein zu retten, ist dieser Satz heute so aktuell wie damals. Nur dass in der Wendezeit noch viel Mut, Optimismus und Kraft nötig waren, denn der Verein stand vor dem Aus. Nach dem Abstieg aus der Oberliga und der nach dem Skandalspiel in Zwickau verpassten Rückkehr traf uns der angekündigte Rückzug der Wismut GmbH sehr hart. Finanziell stand der Verein damit vor dem Nichts und auch sportlich standen wir nach dem Abgang vieler guter Spieler vor dem totalen Neuanfang. Warnungen mit dem Tenor „Wer sich auf so ein Geschäft einlässt, muss verrückt sein” waren nicht zu überhören, zumal die erstellte Eröffnungsbilanz für das Jahr 1991 eine ernüchternde Bilanzsumme ergab. Zukunftsängste plagten die Menschen; viele wurden arbeitslos, gingen in die Altbundesländer oder gründeten, so wie ich selbst, Unternehmen. Und wer hat in solcher Zeit noch Kraft, Geld, aber vor allem Zeit und Lust auf Fußball?

Sie hatten Mut, Lust, waren – positiv – verrückt. Und ein paar andere, wie Sie sagen, auch. Warum?
Als Beispiele möchte ich Leute wie Martin Henselin, Roland May, unseren damaligen Geschäftsführer Lothar Schmiedel oder auch Herbert Ischt nennen, bei denen, wie bei mir, seit Kindertagen lila Blut in den Adern fließt. All die Genannten sind Männer der ersten Stunde und den Veilchen bis heute in verschiedenen Funktionen verbunden. Das dürfte so ziemlich einmalig sein im deutschen Fußball, ebenso wie die wohl einmalige Kontinuität in der Besetzung unserer Gremien. Diese Leute hielten in guten und schwierigen Zeiten zum Verein und wussten, dass es 1991/92 fünf vor zwölf war. Es gelang in dieser Zeit, weitere Mitstreiter für den Verein zu gewinnen, die über Jahre und Jahrzehnte dem Verein die Treue hielten, ob Bernd Friedrich, Bernd Zimmermann, Klaus Gerber, unsere Mannschaftsärzte Dr. Winkler beziehungsweise Dr. Leichsenring, Peter Junghans oder Peter Koch, um nur einige zu nennen. Mit Lutz Lindemann wurde im Frühjahr 1992 ein Trainer-Feuerwehrmann gewonnen, der viele Jahre Großes für unseren Verein leistete und einige Jahre später dann auch als Sportdirektor für uns tätig war.
Das tägliche Klinkenputzen war eine der dringendsten Aufgaben und nach den Präsidenten Dr. Horst Richter und Gerd Uhlmann konnten wir die Gebrüder Uwe und Helge Leonhardt für ein Engagement gewinnen. Die damit verbundene Kontinuität in der Gremienarbeit unseres Vereins, so die langjährige Viererbesetzung im Vorstand (Anm. d. Red.: neben Bertram Höfer
Uwe Leonhardt, Dieter Schremmer und Günther Großmann) und die insbesondere dank Martin Henselin erreichte Unterstützung durch die regionale Politik – namentlich die Landräte Heinz-Günter Krauß, Karl Matko und Frank Vogel – ermöglichten die positive Entwicklung unserer Veilchen. Denen, die in der damaligen Zeit Verantwortung übernahmen, ist hohe Achtung zu zollen, ebenso wie den erfolgreichen Präsidenten des FC Erzgebirge  Uwe Leonhardt, Bernd Keller und dem langjährigen Auer Urgestein Lothar Lässig. Wobei ich mir sicher bin, dass Helge Leonhardt genau in dieser Tradition den Verein heute führt.

Was waren Meilensteine in dem Vierteljahrhundert?
Natürlich waren es die Aufstiege in die 2. Bundesliga 2003 und 2010, die uns wohl so recht keiner zutraute und als „Wunder von Aue” in die Fußballgeschichte eingegangen sind. Insbesondere die Zusammenarbeit mit  Erfolgstrainer Gerd Schädlich, die letztlich zum ersten Aufstieg 2003 führte, ist für mich die schönste Zeit und der beste Lohn für mein Engagement. Großartig natürlich auch der zweite Aufstieg 2010 mit Rico Schmitt, die erreichten drei Sachsenpokalsiege, spektakuläre Erfolge gegen große Favoriten wie in Karlsruhe, Köln oder Aachen oder auch  unser Pokalsieg 2012 gegen Eintracht Frankfurt. Auf insgesamt zehn Jahre 2. Bundesliga dürfen wir alle sehr stolz sein und auch unsere Rolle in der jetzigen 3. Liga lässt mich hoffen.
Ein Meilenstein für die Entwicklung unseres Vereins ist ebenso die Gründung des „Förderkreises FC Erzgebirge Aue” 1993. Von damals 16 Gründungsmitgliedern wuchs unsere Sponsorenfamilie auf jetzt rund 270 an. Und auch die Umbenennung in FC Erzgebirge Aue 1992 als klare Botschaft: Wir, der Verein, sind Erzgebirge – aber immer in der Tradition unserer BSG Wismut Aue! Genau mit dieser Einstellung ist es gelungen, den Bau des neuen Sparkassen-Erzgebirgsstadions auf den Weg zu bringen. Wenn wir es vielleicht Ende 2017 einweihen können, wird wieder ein großer Meilenstein für unseren Verein gesetzt, wobei wir auch die Einweihung unseres neuen Fußballinternats für das Nachwuchsleistungszentrum nicht vergessen wollen.

Gab es einen Moment, wo Sie hinwerfen wollten?
Eigentlich nie. Freilich denkt man immer auch an bittere Niederlagen, vom „Skandalspiel” gegen Zwickau 1991 bis zu den Abstiegen aus der 2. Bundesliga 2008 und 2015. Der Rücktritt meines Freundes Gerd Schädlich Ende 2007 zählt dazu. Wirtschaftlich schwierige Phasen, so wie Ende 2010, als nur die Erzgebirgssparkasse und einige andere Sponsoren das Überleben des Vereins sicherten, blieben nicht aus. Auch Streit unter Freunden und Partnern im Verein, obwohl man die Probleme vernünftig und fair hätte lösen können, zählen dazu. Aus diesen Fehlern sollten wir lernen.

Welche Erfahrungen aus 25 Jahren sind Ihnen wichtig?
Wir beim FC Erzgebirge hatten immer dann Erfolg, wenn wir uns als eine große Familie präsentierten – und die müssen wir bleiben. Wir sollten auf unserem Weg alle mitnehmen. Streiten ja, aber intern und nach außen geschlossen! Nicht übereinander reden, sondern miteinander. Unterm Strich steht, dass das letzte Vierteljahrhundert eine Erfolgsgeschichte ist. Der FCE gehört zu den 50 besten Fußballklubs in Deutschland, genießt bundesweit Anerkennung und Sympathie. Darauf sind wir, die 1990 in hoffnungsloser Situation antraten, stolz, So, wie es unser langjähriger Freund Stefan Gerlach in unserer Hymne besingt: „…wir rissen das Ruder noch herum”.

Sie hatten zur letzten Mitgliederwahlversammlung angekündigt, 2015 nicht mehr für den Aufsichtsrat kandidieren zu wollen. Warum?
Die Entscheidung steht und ist Teil meiner Lebensplanung. Ich werde auch keine andere Funktion beim FC Erzgebirge annehmen. Wir haben genügend bewährte, engagierte und jüngere Menschen im Verein, die die Arbeit auch in meinem Sinne  fortsetzen werden. Aber natürlich bleibt mein vti weiterhin Sponsor und natürlich werde ich meinen Veilchen als Zuschauer, Mitglied und, wo immer ich bin, als Botschafter treu bleiben. Denn: „Einmal Aue, immer Aue!”

Sie wünschen sich zum Abschied…?
Dass im Verein so gearbeitet wird, dass es in nicht gar zu ferner Zukunft,
möglichst schon im neuen Sparkassen-Erzgebirgsstadion, wieder heißt:
2. Liga, Aue ist dabei!

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