Die Angst der Wirte

Spitzenkoch Benjamin Unger (17 Punkte Gault Millau) vom Hotel Blauer Engel in Aue unterstützt die Initiative „Leere Stühle“. Foto: Uwe Zenker

Wirte fordern: Mehrwertsteuer runter! Kurzarbeitergeld rauf! Konkrete Pläne!

Von Sven Günther
Region. Jeder Stuhl ist ein plakativer Protest! Sachsens Gastwirte stellten in Dresden hunderte Stühle vor die Frauenkirche, deckten eine festliche Tafel. Eine Tafel, an die sich kein einziger Gast setzte. Es ist die Angst der Wirte! Sie fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.
Einer der Mitinitiatoren der Initiative „Leere Stühle“ ist Benjamin Unger, der 17-Punkte-Küchenchef (Gault Millau) vom Hotel Blauer Engel in Aue. Er sagt: „Inzwischen macht sich in der Branche Existenzangst breit und viele Gastwirte stehen mit dem Rücken zur Wand. Die Politik ist in der Pflicht, uns zu helfen.
Es ist nicht in Ordnung, dass Restaurants geschlossen bleiben müssen, obwohl es in den meisten Fällen kein Problem wäre, den Mindestabstand und die hygienischen Voraussetzungen einzuhalten.
Aber statt uns unter die Arme zu greifen, werden wir von den Politikern mit Füßen getreten. Und ich rede hier von 2,5 Millionen Beschäftigten!“
Dresdner Gastronomen haben jetzt die Interessengemeinschaft „Leere Stühle“ ins Leben gerufen, der sich auch Benjamin Unger angeschlossen hat. „Die Allgemeinverfügung stellt einen Existenzen vernichtenden Eingriff dar und entzieht uns jegliche Einnahmequelle ohne irgendeinen Entschädigungsanspruch bei weiter laufenden Betriebsausgaben, Investitionstilgungen und anderen Liquiditätsabflüssen.“

Die Forderungen:

1. Erweiterung des Bundeszuschusses „Soforthilfe“ als ergänzende Landeszuschüsse für Unternehmen auch mit mehr als 10 Mitarbeitern
2. Klarstellung zum Soforthilfe-Zuschuss
3. Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auf 90 Prozent
4. Einführung von 7 Prozent Mehrwertsteuer für Gastgewerbe

Benjamin Unger: „Wenn wir nicht riskieren wollen, dass eine große Anzahl von Gaststätten untergeht, muss der Staat die Hilfsprogramme ausweiten, dabei auch die Kosten für den Lebensunterhalt einbeziehen. Wovon sollen Gastronomen denn leben, wenn sie keine Einnahmen haben?

Auch eine Erhöhung des Kurzarbeitergeldes für unsere Branche ist zwingend, weil bei den Angestellten nicht nur das Gehalt, sondern auch das Trinkgeld, die Sonn- und Feiertagszuschläge wegfallen, die ebenfalls zum Bestreiten des Lebensunterhalts verwendet worden sind.
Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent ab dem Tag der Wiedereröffnung würde dem Gastgewerbe helfen, die aufgenommenen Kredite leichter zurückzahlen zu können.“

Schon seit Oktober fordert die DEHOGA in einer Petition den Mehrwertsteuersatz für die Gastronomie. Ziel der Petition mit dem Titel „Es ist fünf nach zwölf! Rettet unsere Gasthäuser! Für mehr Porzellan statt Plastik!“ ist es, den reduzierten Mehrwertsteuersatz für Essen einzuführen, unabhängig davon, wie zubereitet, wo gekauft und wie gegessen. „Wir erwarten, dass Essen steuerlich gleich behandelt wird. Es ist für uns eine Frage der Steuergerechtigkeit, der Wertschätzung und der Zukunftssicherung unserer Familienbetriebe und Restaurants“, erklärt Sachsens Hauptgeschäftsführer DEHOGA-Präsident Axel Klein.

Hier geht es zur Petition

Wie Benjamin Unger ist auch Gaston Deckert, der Wirt des Restaurants auf dem Pöhlberg bei Annaberg-Buchholz betroffen. Auch er schimpft: „Herrliches Wetter und mein Biergarten ist leer. Es ist zum Verzweifeln. Ohne Probleme könnten wir hier die Hygiene-Bedingungen einhalten. Und wir könnten dafür sorgen, dass die Menschen ein wenig Abwechslung haben, einige schöne Stunden mit Spaziergängen und anschließender Einkehr verbringen könnten.“

Auch er appelliert an die Politiker: „Wir sind die Ersten gewesen, die schließen mussen, werden wohl die Letzten sein, die wieder öffnen können. Aus Dresden und Berlin kommt gar nichts. Es muss endlich einen konkreten Ablaufplan geben, an dem wir uns orientieren können. Die Einnahmen brechen ja teilweise komplett weg. Die Einführung des Mehrwertsteuersatzes von sieben Prozent ist zwingend notwendig. Dazu muss es weitere Hilfspakete für die Gastronomie geben, damit nicht alles zusammenbricht.“

Paul Deckert sitzt bei herllichem Wetter allein in wunderschönen Biergarten auf dem Pöhlberg. Sein Vater Gaston Deckert ist der Chef des Restaurants. Foto: Sven Günther

In Bärenstein ist Randy Reichel zornig. Der Chef des Eventhauses Bärenstein: „Es kümmert überhaupt niemand, was aus uns wird. Mir bricht eine Veranstaltung nach der nächsten weg. Ich kann aber auch keine neuen Events planen, weil einfach nicht gesagt wird, wie es jetzt weitergehen sollen.
Dass die Politik eine ganze Branche einfach links liegen lässt, ist eine Frechheit. Es geht hier doch nicht nur um die Wirte, sondern auch um tausende Angestellte und ein Stück deutscher Kultur. Ich finde es fahrlässig, dass die Politiker riskieren, das einfach eingehen zu lassen. Fest steht, dass es ohne massive Hilfe viele Gaststätten nicht überleben werden.“

Randy Reichel. In seinem Eventhaus in Bärenstein geht nichts mehr. Foto: privat

Ebenfalls in der Branche tätig ist Till Schwabe, u.a. Betreiber der Tanzbar Schwarz Weiss in Annaberg-Buchholz. Ihn trifft es gleich dreifach, da er auch sein Sonnenstudio City Sun nicht öffnen und er keine Veranstaltungen durchführen darf. Entsprechend verärgert sagt er: „Da hat man sich als Selbständiger über Jahre mehrere Berufsstandbeine aufgebaut, um über die Runden zu kommen. Und plötzlich wird einem der Boden unter den Füßen weg gezogen und über Monate hinweg das Arbeiten verboten. Das ist eine Katastrophe ohne jegliche Verhältnismäßigkeit. Welche Politiker, die das verantworten, verlieren durch die Krise nur einen Cent ihres Einkommens? Die Verordnungen erstrecken sich über einen Zeitraum, den nicht viele überstehen werden.“

Till Schwabe. Sein Bar ist zu, sein Sonnenstudio auch und Veranstaltungen kann er auch nicht durchführen. Foto: André Kaiser

Wie andere Gastronomen ist auch der Plauener Kult-Wirt Peter Schöberlein betroffen, der mit der „Bier-Elektrischen“ in der Stadt unterwegs ist. Der Fahrgastraum wurde mit 6 Tischen für 18 Sitzplätze ausgestattet.
Seit der Einweihung am 3.10.1991 kann das technische Denkmal der Plauener Straßenbahn für besondere Anlässe gemietet werden, Jetzt steht auch dieser Wagen still und Schöberlein ist verärgert: „Wir mussen natürlich alle Veranstaltungen absagen. Jetzt fehlen uns die Einnahmen komplett, die Kosten laufen aber komplett weiter. Ganz schlimm ist, dass kein Politiker sagen kann, wann es wieder richtig losgeht! Die Einführung des Mehrwertsteuersatzes von sieben Prozent wäre wirklich hilfreich.“

Ausgebremst! Peter Schöberlein kann in seiner „Bier-elektrischen“ in Plauen nicht mehr zapfen. Foto: Igor Pastierovic

Forderungen, die auch Benjamin Unger stellt. Der Spitzenkoch aus Aue: „Ich finde die extremen Maßnahmen aufgrund der Zahlen für nicht angebracht. Natürlich ist die Gesundheit das höchste Gut. Aber gerade die Gastwirte sind ohne Probleme in der Lage, Richtlinien einzuhalten, die das Risiko minimieren. Restaurants haben keine Lobbyisten, die mit Schmiergeldkoffern unterwegs sind. Großer Dank gilt den Dresdner Kollegen, die die Aktion ‚Leere Stühle‘ ins Leben gerufen haben. Wir müssen jetzt einfach deutliche Zeichen setzen.“

Zeichen wie die leeren Stühle vor der Dresdner Frauenkirche.

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