Dr. Jana Pinka (DIE LINKE): „Meine Partei steht für einen sozial-ökologischen Umbau!”

Dr. Jana Pinka (DIE LINKE) im Gespräch mit Wochenendspiegel-Chefredakteur Sven Günther.
Foto: Peter Kuckenburg

Trommeln für die Sachsenwahl mit Dr. Jana Pinka

Von Sven Günther
Region. Es wird eine Richtungswahl! Selten war der Gang zur Urne spannender, als er am 1. September sein wird. Bleibt die CDU stärkste Kraft in Sachsen? Wenn Ja, mit wem kann sie regieren? Wie stark wird die AfD, gewinnt sie vielleicht sogar? Was wird aus der schwächelnden SPD und den in Sachsen gegen den Trend eher schwachen Grünen? Gelingt in einem rot-rot-grünen Dreierbund ein Regierungswechsel? Welche Rolle wird die FDP einnehmen? Können die Freien Wähler  wie in Bayern eine Rolle spielen?

Wer sich traut, darf für sich trommeln! Dieses Angebot macht der WocheENDspiegel sächsischen Landtagskandidaten. Sie beantworten kritische Fragen unserer Journalisten.

Heute: Dr. Jana Pinka, Landtagsabgeordnete und – kandidatin aus Freiberg. Die Geologin hat zwei Kinder und zwei Enkel. Sie liest gern, kegelt und Besucht Rockkonzerte.

Hier geht es zum Trommel-Wirbel von Dr. Jana Pinka

Sie tragen einen Doktortitel der Naturwissenschaften. Was zog Sie vom Messen und Wissen zum Vermuten und Glauben in der Politik?

Als Naturwissenschaftlerin weiß ich zum Beispiel, dass die Ressourcen dieser Erde endlich sind – das wusste übrigens auch bereits schon 1713 unser geschätzter Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz. Und auch die Messwerte für die Arsenbelastung im Erzgebirge oder die Schadstoffgehalte in der Spree kenne ich aus dem Effeff. Damit den Menschen in diesen betroffenen Gebieten aber geholfen wird, also in den beiden Fällen auch für deren Enkel die Region noch lebenswert ist, muss sich etwas ändern. Und geändert wird insbesondere in der Politik. In der Tat aber noch zu oft auf Basis von wissens- und logikfreien Glaubenssätzen, siehe die Äußerungen der AfD zur Leugnung des Klimawandels.

In der Wissenschaft analysiert man ein Problem und löst es. In der Politik könnte man den Eindruck gewinnen, dass man ein Problem analysiert und dann darüber diskutiert – und die Lösung wird immer wieder verschoben. Nicht einmal Plastiktüren können verboten werden, obwohl doch alle sagen, sie seien schlecht für die Umwelt.

Ich bin dazu bereit, Probleme zu lösen und nicht ewig zu diskutieren, bin jemand, der Sachen gern anpackt und regelt. Gern auch als Ministerin! Dazu brauchen wir aber eine Mehrheit. Am 1. September gibt es die Möglichkeit, sich für uns und entsprechende praktische Lösungen zu entscheiden.

Der von der LINKEN propagierte Demokratische Sozialismus ist ja auch eine Theorie…, nur dass sie praktisch nicht funktioniert. Siehe DDR. Sind die Menschen nicht gut genug für Ihre Welt?

Die DDR war ein sozialistischer, aber kein demokratischer Staat. Wie ein sozialistischer Staat demokratischer gemacht werden kann, dafür gab es damals viele Vorschläge. Leider ging das im Anschluss-Fieber alles unter. Schade. Aber als LINKE glauben (!) wir ja an das Gute im Menschen und lassen nicht locker beim Umbau der BRD zu einer sozialeren, wenn Sie mögen sozialistischeren Demokratie. Oder soll der Kapitalismus etwa schon das Ende vom Lied sein?

Was sollte kommen?

Wie man es nennt, spielt keine Rolle. Von mir aus Sozialismus. In jedem Fall muss es ein Gesellschaftssystem sein, an dem alle teilhaben. Wir müssen die Bürger mitnehmen, mehr Volksdemokratie und weniger Parlamentsdemokratie werden. Vor allem beim Thema Schutz unserer Umwelt ist das wichtig. Ich sehe da eine zunehmende Bereitschaft der Menschen, sich einzubringen.
Aber auch bei der Digitalisierung müssen wir darauf achten, dass Empathie und Solidarität nicht verloren gehen.

Laut Ihrer Biografie sind Sie seit 2009 Mitarbeiterin der G.E.O.S. Ingenieurgesellschaft mbH. Dazu Stadträtin, Kreisrätin, Aufsichtsrätin und sitzen im Landtag. Sie haben zwei Kinder, zwei Enkel, lesen und kegeln und besuchen Rockkonzerte. Wissenschaftlich betrachtet hat ein Tag 24 Stunden – Ihrer müsste theoretisch deutlich länger sein. Oder welche Dinge machen Sie nur so nebenbei?

Von früh bis abends bin ich für die Themen Ressourcen, Umwelt- und Naturschutz bis hin zum Strukturwandel in den Kohleregionen unterwegs, als Vertreterin aller Sächsinnen und Sachsen im Landtag. Für meine Region und meine Heimatstadt Freiberg kommt dann nochmal eine ordentliche Latte an Themen und Projekten mit drauf: Hochschule, Bildung, Kultur, Verkehr, Migration… Das mache ich als Abgeordnete, aber auch als Stadt- und in Zukunft als Kreisrätin, je nach Zusammenhang und lokalem Bezug. Und ich mache es mit Leib und Seele, gründlich recherchiert und manchmal für einige sogar zu hartnäckig. Leider bleibt mir dann oft nicht mehr viel Zeit für Familie, Haushalt und Hobbys, und ohne die Unterstützung meiner Familie wäre noch weniger Zeit übrig. Auch für mein Unternehmen konnte ich deshalb in den letzten Jahren nur in kleinerem Umfang tätig werden. Diese Tätigkeit ist mir aber trotzdem sehr wichtig, damit ich den Praxisbezug in meine politische Arbeit mit einfließen lassen kann. Manchmal wundere ich mich auch, wie voll so ein Tag ist. Die Erklärung ist also: Nicht mein Tag ist länger, sondern mein Arbeitstag.

Welche Konzerte haben Sie in letzter Zeit besucht?

Im Musiktheater waren meine Favoriten der letzten Jahre das Musical „Jekyll und Hyde“ und die Oper „Der Konsul“. Beides Inszenierungen des Mittelsächsischen Theaters Freiberg. Ich versuche ebenso den Sinfoniekonzerten, so es mein Arbeitstag zulässt, in der Nikolaikirche zuzuhören. Als Schirmherrin der 45. Freiberger Jazztage war in diesem Zusammenhang im April 2019 das Konzert „Jazz meets Klassik“ mit den Uraufführungen von Daniel Freiberg und Andy Miles sowie der Soloklarinettistin Anja Bachmann für mich ein absoluter Höhepunkt. Ich bin aber auch ein großer Blues-Fan. Gerne gehe ich in die Veranstaltungen „Jazz & Blues“ im Freiberger Brauhof. Und in meinem Autoradio läuft eigentlich immer die Musik meines Lieblingsgitarristen Rory Gallagher.

Im Übrigen verschenkte ich auch mehrfach Theaterkarten an Hilfsbedürftige oder Jugendliche, denn leider ist es einem Teil von Menschen in unserer Gesellschaft finanziell nicht möglich, an Kultur teilzuhaben.

Sie sind Umweltpolitische Sprecherin Ihrer Fraktion, setzen sich für Birkhuhn und Biene ein. Eine Grundsatzfrage: Lieber Birkhühner als neue Hotels und Lifte oder Firmenansiedlungen im Erzgebirge?

Die Biene umfliegt das Hotel, findet aber nicht mehr ausreichend Pollen auf Äckern und Wiesen, dafür aber Pflanzengift. Die übrig gebliebenen Birkhühner können Sie fast schon an zwei Händen abzählen. Da ist eher die Forstwirtschaft gefragt. Aktuell kann das Birkhuhn „vor lauter Bäumen“ oft nicht mal abheben. Das heißt nicht, dass der Wald dafür abgeholzt werden soll, aber die wenigen Lichtungen, auf denen diese seltenen Tiere leben, können wenigstens frei gelassen werden. Und der Schutz unserer Natur und Umwelt schließt nicht aus, im Erzgebirge neue Firmen anzusiedeln und Hotels zu bauen, die in unsere Landschaft passen. Wir brauchen naturnahen Tourismus im Erzgebirge, keine Bettenburgen.

Kann extrem ambitionierter Umweltschutz in Sachsen die Welt retten, wenn es seit 25 Jahren nicht gelingt, den Katzendreckgestank aus Tschechien einzudämmen. Geschweige denn, Atomkraftwerke abzuschalten oder neue Liftbauten im böhmischen Erzgebirge zu bremsen, wie es am Fichtelberg üblich ist?

Was heißt extrem ambitionierter Klimaschutz? Sachsen kann die Welt nicht retten, aber wir müssen zumindest auch hier anfangen, umzudenken. Das sollte allen Sachsen bewusst sein. Verharmlosung, Leugnung und Egoismus bringen uns nicht weiter. Wir haben Verantwortung für die Zukunft der nachfolgenden Generationen und müssen endlich über den eigenen Tellerrand hinaussehen. Unsere Jugend scheint das begriffen zu haben.

Leider sind die Ursachen für den Katzendreckgestank noch nicht abschließend aufgeklärt, aber er lässt mit Sicherheit die Felder nicht verdorren und die Flüsse nicht austrocknen. Und die versiegelten Flächen sowie die darauf stehenden Liftbauten schaden wohl eher unseren Schutzgütern Wasser, Boden, Flora und Fauna.

Umwelt und Klima sind Ihre Kernthemen. Wieso sind Sie eigentlich nicht bei den GRÜNEN?

Ich war schon in der SED, später in der PDS und habe in der LINKEN meine politische Heimat gefunden. Umweltschutz und Klimafragen spielen auch bei uns eine wichtige Rolle. Unter anderem auch, weil es eine Frage der Gerechtigkeit ist.

Befürchten Sie als Vertreterin der Partei der Proletarier nicht, mit grünen Klimapositionen Ihre Kernwählerschaft – die Arbeiter – zu verlieren?

Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat es ja mal treffend ausgedrückt: No jobs on a dead planet. Oder hat der WochENDspiegel die Option auf einen Umzug auf den Mars? Meine Partei steht für einen sozial-ökologischen Umbau der Gesellschaft. Wir sind die einzige Partei, die Möglichkeiten des Klimaschutzes und die soziale Perspektive für die Arbeiterschaft, beispielsweise in der Lausitz, aufgezeigt hat. Abgelehnt haben die Vorschläge CDU und SPD, fragen Sie also lieber diese Parteien, was im Strukturwandel beim Braunkohleausstieg aus den Menschen wird!

Protestpartei sind Sie jedenfalls in Sachsen nicht mehr, oder?

Doch. Kommt halt nur darauf an, für oder gegen was protestiert wird.

Trotzdem bleibt festzuhalten, dass die AfD Oppositions-Partei Nummer 1 ist. Was macht die LINKE falsch? Ist Ihre Partei nicht linkspopulistisch genug oder gibt es inzwischen zu wenig alte SED-Kader als mögliche Wähler?

Im aktuellen Landtag und auch während der letzten Legislaturperioden waren und sind wir die Opposition Nr. 1. Ich meine hier anhand der Wahlergebnisse und der aktuellen Sitzverteilung. Oder sprechen Sie eher von Gefühl, Vermuten und Glauben? Interessant wäre doch, wie das die immer wieder totgesagte und totgeschriebene LINKE geschafft hat. Und das alles trotz problematischen DDR-Biographien, die bei den anderen Parteien (auch bei der AfD) ja niemals und nicht vorkamen, oder?
Populismus ist nicht unbedingt mein Stil und auch nicht der der LINKEN. Wir arbeiten lieber mit belegten Fakten und fundierten Argumenten. Das ist wesentlich schwerer als nur Gefühle, Vermutungen und Glauben zu suggerieren.

Mietpreisdeckel, Gemeinschaftsschulen oder die Anerkennung von Lebensleistungen – SPD und LINKE verfolgen ähnliche Ziele. Wenn man noch ein wenig GRÜN beimischt, könnte es nach der Wahl zur Mehrheit reichen. Wollen Sie lieber regieren oder doch weiter opponieren?

Zunächst wollen wir die Regierung okkupieren und dann wohl erstmals in der Regierung opponieren, das heißt, die Richtlinienkompetenz als Politiker zurückerobern, denn: Wenn eine Regierung OHNE die CDU zustande kommt, dann müssen wir erst einmal mit einer Staatsverwaltung, also Behörden, zusammenarbeiten, die seit 30 Jahren CDU-dominiert ist. Ich stelle mir das sehr spannend vor, so wie eine geotechnische Erkundung in unbekanntem Gelände. Sehr anspruchsvoll, aber machbar. Mein Arbeitstag würde dann wohl auch wieder deutlich länger sein.

Hier finden Sie die Interviews mit

Philipp Hartewig (FDP)

Peter Wilhelm Patt (CDU)

Gerald Otto (CDU)

Jörg Vieweg (SPD)

Rico Gebhardt (DIE LINKE)

Tino Günther (FDP)

 

 

 

 

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