Dulig: Handwerk wird bei der Jugend eine Renaissance erfahren

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig. Foto: SMWA

 

WOCHENENDSPIEGEL:
Als gelernter Maurer müssten Sie ein besonderes offenes Ohr für die Belange des Handwerks haben. Verstehen Sie den Unmut, den die immer mehr um sich greifende Bürokratie (Stichwort Dokumentationspflicht, Fördermittelanträge) vor allem bei kleinen Firmen auslöst?

MARTIN DULIG:
Es gab wohl noch nie eine Zeit, in der man nicht über die Belastung durch zu viel Bürokratie klagte. Deshalb ist es wichtig, dass wir jetzt vor allem mit Hilfe der Digitalisierung zu tatsächlichen Vereinfachungen kommen, um die Last für kleine und mittelständische Unternehmen – und gerade unser Handwerk – zu minimieren. Wobei jede Regelung natürlich immer einen Grund hat, weswegen sie erlassen wurde.

WOCHENENDSPIEGEL:
Der Abbau der Bürokratie ist eine ständig gerufene Parole in Wahlkämpfen. Nur eine Parole…?

MARTIN DULIG:
Man sollte nicht über Bürokratieabbau reden, sondern ihn konkret betreiben! Wir haben in Sachsen mit diversen Kommissionen Vorschläge erarbeitet, wie wir unsere Förderverfahren vereinfachen. Die EU hat ihre Förderverfahren vereinfacht. Trotzdem kommen immer neue Bestimmungen dazu. Deshalb müssen wir die Verfahren auch mit Hilfe der Digitalisierung weiter so vereinfachen, dass die Last nicht beim Unternehmen liegt und die Bürokratie auf ein vertretbares Maß reduziert wird.

WOCHENENDSPIEGEL:
Wie ist aus Ihrer Sicht die staatliche Unterstützung für Handwerks-Firmen im Zuge der Corona-Pandemie gelaufen?

MARTIN DULIG:
Der Staat hatte und hat die zentrale Aufgabe, Existenzen zu sichern. Das haben wir in Sachsen mit Hilfe des Darlehensprogramms „Sachsen hilft sofort“ umgesetzt. Der Bund, welcher gerade die kleinen und mittelständischen Unternehmen in den Blick genommen hat, gewährte Zuschüsse in Höhe von 9.000 bzw. 15.000 Euro für die ersten Monate im Jahr 2020. Mit der November- und Dezemberhilfe sowie der Überbrückungshilfe III hat der Bund in der zweiten Welle der Pandemie weitere Hilfsprogramme eingeführt. Sie helfen, vor allem die Fixkosten zu finanzieren.

Es ist nach wie vor bedauerlich, dass auch meine Forderung nach der Anrechnung des sogenannten Unternehmenslohns vom Bund nicht aufgenommen wurde – auch wenn mit der Überbrückungshilfe III jetzt das erste Mal, zumindest teilweise, auch eine solche Möglichkeit geschaffen wurde. Ich weiß, dass die Hilfen nicht alle Probleme der Unternehmen lösen. Aber sie helfen, die Probleme abzufedern. Unsere Aufgabe muss es sein, etwa mit guten Investitionsprogrammen zusätzliche Konjunkturanreize und damit neue Perspektiven für unsere Handwerker und Mittelständler zu schaffen.

WOCHENENDSPIEGEL:
Nachwuchssorgen plagen viele Handwerks-Firmen in Sachsen. Warum wollen sich unsere Jugendlichen die Finger nicht mehr schmutzig machen oder aus welchen Gründen heraus, sehen sie den sprichwörtlichen „goldenen Boden“ nicht?

MARTIN DULIG:
Obwohl die Digitalisierung die Art, wie wir wirtschaften und arbeiten, verändert, glaube ich an die Attraktivität des Handwerks. Kunden werden sich entscheiden müssen: Will ich Handarbeit erwerben oder ein Möbelstück aus dem 3D-Drucker? Eine gute Ausbildung und der Meister gewährleisten Qualität – das Bewusstsein dafür wird wieder wachsen. Deshalb bin ich fest überzeugt: Das Handwerk wird auch bei der Jugend eine Renaissance erfahren.

Auf „Nummer sicher“ zu gehen, indem man ein Angestelltenverhältnis sucht, ist menschlich nachvollziehbar. Es muss deshalb gelingen, die Vielfalt und Attraktivität von körperlicher, händischer und schöpferischer Arbeit darzustellen – und zwar so attraktiv, dass junge Menschen Lust bekommen, sich für die tollen Möglichkeiten des Handwerks zu öffnen. Das ist nicht nur die Aufgabe des Staates, sondern auch der Unternehmen selbst.

Auch im Handwerk müssen sich die Arbeitsbedingungen mit den eigenen Vorstellungen von Familie und Freizeit in Einklang bringen lassen. Und von der Arbeit muss auch ein Handwerker gut leben können. Neben guten Löhnen ist der Gesundheits- und Arbeitsschutz daher ein weiterer wichtiger Faktor. Spätestens in der Pandemie haben wohl alle verstanden, dass das ein entscheidendes Thema ist.

WOCHENENDSPIEGEL:
Wie kann die Staatsregierung dazu beitragen, dass das Handwerk so attraktiv erscheint, wie es tatsächlich ist?

MARTIN DULIG:
Es ist eine gemeinschaftliche Aufgabe, die man nicht an den Staat delegieren kann. Die Unternehmen müssen zunächst eigene Wege finden, wie sie die Arbeit attraktiv gestalten und welche Angebote sie an die junge Generation machen. Es geht nicht darum, die akademische Ausbildung schlechtzumachen, sondern die Duale Ausbildung aufzuwerten. Das bedeutet eben auch, die Erfolgsgeschichten zu erzählen, die mit einer Ausbildung im Handwerksbereich verbunden sind. Mit seiner Ausbildung kann man den Meister machen und damit die Hochschulreife erreichen. Die mit einer Ausbildung erlangten Fertigkeiten lassen sich vielfältig anwenden. Und wenn man gut ist, lässt sich selbstverständlich gutes Geld verdienen.

Sachsen steht dabei an der Seite der Unternehmen. Über verschiedenste Programme fördert der Freistaat die Unternehmen und Beschäftigten: vom Ausbildungs-BAföG über die Förderung von E-Business oder neuer Ideen zur Fachkräftegewinnung bis hin zur Innovationsförderung oder beispielsweise der Weiterbildung im Betrieb. Sachsen braucht sein Handwerk. Wir weisen immer wieder darauf hin, welche hervorragende Tradition das Handwerkerland Sachsen hat, wie vielfältig es ist und welche Chancen es bietet. Bei meiner Aktion „Deine Arbeit, meine Arbeit“ war ich selbst jeweils einen Tag lang als Dachdecker, Bäcker und Maurer tätig. Ich habe die harte, aber erfüllende Arbeit kennengelernt – und für die breite Öffentlichkeit sichtbar gemacht.

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