Ein Land feiert Silberhochzeit

Ringe wurden vor 25 Jahren nicht getauscht, Unterschriften besiegelten die „Ehe“ von Deutscher Demokratischer Republik und Bundesrepublik Deutschland zu einem gesamtdeutschen Staat. Foto: pixelio/Montage

Ringe wurden vor 25 Jahren nicht getauscht, Unterschriften besiegelten die „Ehe“ von Deutscher Demokratischer Republik und Bundesrepublik Deutschland zu einem gesamtdeutschen Staat. Foto: pixelio/Montage

Region. Deutschland feiert Silberhochzeit. Am morgigen Samstag, dem 3. Oktober 2015, vor genau 25 Jahren wurden die DDR und die BRD zu einem Land vereint und firmierten ab dem 3. Oktober 1990 als Bundesrepublik Deutschland.
Nach einer vier Jahrzehnte andauernden Trennung, wurde zusammen gefügt, was schon ursprünglich zusammen gehörte.
Doch mit unserem Land ist es wie in jeder durchschnittlichen deutschen Ehe:

Es gibt gute Zeiten und schlechte Zeiten, sympathische Eigenschaften beider Partner und Dinge, die einen auch nach 25 Jahren gemeinsamem Leben immer noch stören. War es eine Liebeshochzeit oder doch eher arrangierte Zweckehe?

WochenENDspiegel hat sich auf den Weg gemacht, um Menschen aus der Region zu fragen: Wie haben Sie die „Eheschließung“ damals erlebt, wie ist es ihnen seit dem ergangen und welches Fazit ziehen sie nach 25 Jahren?

Erinnerungen an den 3. Oktober 1990

 

Karl Clauss Dietel. Foto: ihst

Karl Clauss Dietel. Foto: ihst

Karl Clauss Dietel, Gestalter der DDR und Träger des Bundesdesignpreises 2015:

Ich führe seit Jahrzehnten Tagebuch und kann deshalb auch den 2./3. Oktober genau nachvollziehen. Der Einband des Tagebuches ist weiß-grün, die Farben von Sachsen. Denn ich habe mich nicht er nach 1990 als Sachse verstanden, sondern immer. Mit Hilfe meines Tagesbuches erinnere ich mich an diese Zeit.

Eigentlich habe ich das gemacht, was ich zu DDR-Zeiten und auch heute noch mache, ich habe  gearbeitet. Mit dem Lkw-Hersteller Robur Zittau habe ich das Gestaltungskonzept des Lkw LD economy im Hinblick auf den harten Wettbewerb auf dem BRD-Markt überarbeitet.

Ich habe auch die Ereignisse genauestens notiert. Der Eintrag für den 2. Oktober schließt mit den Worten „Ende und neue Hoffnung – ein zwiespältiges Gefühl.“ Übrigens war an beiden Tagen bestes Herbstwetter. Ab dem 4. Oktober setzte starker Regen ein. Vielleicht ein Omen: Von der Traufe in den Regen?

 

Albrecht Buttolo. Foto uw

Albrecht Buttolo. Foto uw

Albrecht Buttolo, ehemaliger Sächsischer Staatsminister des Inneren:

Es ist ein Geschenk. Mit der Wiedervereinigung ist ein Traum wahr geworden. Das Ereignis brachte jede Menge Veränderungen für das Land und seine Bürger. Ich bin stolz, die Wiedervereinigung miterlebt und 19 Jahre in der Politik aktiv mitgearbeitet zu haben.

 

Wolfgang Lötzsch. Foto: Gedenkort Kaßberg-Gefängnis

Wolfgang Lötzsch. Foto: Gedenkort Kaßberg-Gefängnis

Wolfgang Lötzsch, Radprofi der DDR und inhaftiert im Kaßberg-Gefängnis

Für mich ist der 3. Oktober in vielerlei Hinsicht wichtig und das nicht nur 1990. 1977 wurde ich nach zehnmonatiger Haft am 3. Oktober aus dem Kaßberg-Gefängnis entlassen. 1995 erhielt ich von Bundespräsident Roman Herzog das Bundesverdienstkreuz und 2013 wurde ich angefragt, ob ich den Nachwuchsbereich des ESV Lok Zwickau übernehme.

Nicht zuletzt ist natürlich der 3. Oktober 1990 der wichtigste Tag in meinem Leben. Die Repressalien hatten ein Ende. Ich konnte endlich den Sport so ausleben, wie es gewollte hatte. Ich konnte nochmal sportlich die große weite Welt sehen, auch wenn ich aufgrund des Alters nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen konnte.

Dennoch war die Zeit nach 1990 ein Erlebnis. Was ich an dem Tag genau gemacht habe weiß ich nicht mehr, aber ich schätze ich bin Rad gefahren. Am 5. Oktober sind wir erster Gesamtdeutscher Sieger im Mannschaftswettbewerb über 100 Kilometer bei den Deutschen Radmeisterschaften geworden.

Dietmar Mothes. Foto: HWK

Dietmar Mothes. Foto: HWK

Dietmar Mothes, Präsident der Handwerkskammer Chemnitz:

Den 3. Oktober 1990 habe ich mit meiner Familie in einer Gaststätte gefeiert. Mein Eindruck damals: Die Menschen waren hoffnungsfroh, es herrschte eine riesige Euphorie. Alle warteten aber auch darauf, dass sich das Versprechen der blühenden Landschaften möglichst rasch erfüllt.

Heute wissen wir, dass sich dieses Versprechen anders erfüllt hat, als es damals klang, und dass es nicht überall und für jeden in Erfüllung gegangen ist. Aber 25 Jahre nach der Wiedervereinigung geht es dem Handwerk in der Region Chemnitz gut. Wir haben unsere Rolle gefunden, gesellschaftlich wie wirtschaftlich.

 

Maik Reinhardt. Foto: Gedenkort Kaßberg-Gefängnis

Maik Reinhardt. Foto: Gedenkort Kaßberg-Gefängnis

Maik Reinhardt, politisch Inhaftierter u.a. im Kaßberg-Gefängnis:

Von der Wende 1989 haben wir im Gefängnis kaum etwas mitbekommen. Wir haben gespürt, dass etwas nicht stimmte, als Wachschutz im Leipziger Gefängnis erhöht wurde. Durch ein illegales Radio haben wir zeitversetzt von den Ereignissen in der DDR erfahren. Es war eine bewegende Zeit, man wusste nie, was am nächsten Tag passiert.

Gerade am 9. November 89 war die Situation schwierig. Das Wachpersonal wusste nicht, wie es mit uns umgehen sollte. Früh wurden noch Amnestierungsanträge abgelehnt und abends fiel die Mauer.

Am 16. November wurde ich entlassen. Den 3. Oktober 1990 habe ich in Hamburg verbracht und dort mit Freunden aus Dresden gefeiert. Es war für mich einer der bedeutensten Tage. Damit war der Grund, weshalb ich die DDR verlassen haben, verschwunden und ich kehrte wieder zurück in die Heimat.

Von Cindy Haase/Stephanie Ihle

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