Eine Million Besucher in 20 Jahren

Kleine wie große Besucher bekommen seit 20 Jahren einen erlebnisreichen Einblick in verschiedenste Handwerksberufe der Region. Foto: TVE/Frank Graetz. Foto: TVE/B. März

Jedes Jahr am 3. Sonntag im Oktober öffnen sich die Türen von über 120 Werkstätten und Manufakturen unterschiedlicher Gewerke. So auch in diesem Jahr, wenn Besucher von Groß bis Klein zum Tag des Traditionellen Handwerks am 20. Oktober zum Staunen und Entdecken in insgesamt 126 teilnehmenden Handwerksbetrieben eingeladen sind. Mit dem Tag bekommen die BesucherInnen bereits seit 20 Jahren eine einzigartige Gelegenheit – die es so auch nur in der Montanregion Erzgebirge/Krušnohorí gibt – den Handwerkern über die Schultern zu schauen. Was hinter der Erfolgsgeschichte der Veranstaltung steckt und was sich nun durch den Erhalt des UNESCO-Welterbes für den Tag womöglich ändert, verrät Birgit Drechsler vom Tourismusverband Erzgebirge e.V. anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Traditionsveranstaltung im Interview mit WochenENDspiegel.

WochenENDspiegel: Seit 20 Jahren findet der Tag des Traditionellen Handwerks statt. Was macht den Erfolg der Veranstaltung so besonders?
Birgit Drechsler: Der Tag des traditionellen Handwerks im Erzgebirge ist eine in Deutschlands Tourismusregionen einmalige Veranstaltung dieser Art. Der Erfolg des Tages ist sicher darin zu sehen, dass dieser Tag nicht zentral auf einem Marktplatz stattfindet, sondern die Besucher in die Werkstatt gehen und dort dem Meister über die Schulter schauen und die einmalige Atmosphäre spüren können. Dies ist auf einem Handwerkermarkt so nicht gegeben, da kann der Handwerker zwar seine Hobelbank hinstellen oder etwas vorführen, aber es ist eben nicht dasselbe wie in der Werkstatt.

Wie hat sich die Veranstaltung über die Jahre weiterentwickelt?
In den ersten Jahren wurde zumeist nur Handwerk vorgeführt, mittlerweile gestalten die Handwerker spannende Aktivitäten für Groß und Klein rund um die Vorführungen. Die Besucher können vielerorts selbst einmal Hand anlegen und sich ausprobieren, es gibt spezielle Angebote für Kinder, Ausstellungen, Musik und auch für das leibliche Wohl ist gesorgt. Für Kinder ist dieser Tag auch eine tolle Möglichkeit, schon mal das eine oder andere Weihnachtsgeschenk zu basteln. Das Vorführen von Handwerk ist Bedingung für die Teilnahme an diesem Tag, das Rahmenprogramm kann von jedem Teilnehmer selbst bestimmt werden und ist sicher auch abhängig von den Gegebenheiten vor Ort.

Erfreut sich die Veranstaltung auch an überregioalen Interesse?
Natürlich ist es für den Erfolg auch entscheidend, dass der Tag im gesamten Einzugsgebiet des Erzgebirges stattfindet, also von Altenberg bis Schneeberg und von Oberwiesenthal bis Hainichen. Dadurch werden auch Besucher aus den angrenzenden Regionen (Dresden, Vogtland, Leipziger Region, aber auch aus dem Berliner Raum) eher zu einem Tagesausflug oder Kurzurlaub angeregt. Zudem verteilen sich die Besucher auch auf größerem Raum und können so entspannter die Vorführungen und den Tag erleben als auf einem zentralen Platz. Der Tag des traditionellen Handwerks hat sich zu einem Erlebnistag für die ganze Familie entwickelt. Für viele Handwerker aber auch Besucher ist dieser Tag bereits fest in ihrem Terminkalender eingeplant. Zudem findet er im Oktober statt – einer Zeit also in der viele Volksfeste in den Orten vorbei sind.

Inwieweit lässt sich die Erfolgsgeschichte auch anhand der Anzahl der BesucherInnen, TeilnehmerInnen und Betriebe ablesen?
Wir haben seit vielen Jahren 120 – 130 Teilnehmer am Tag des traditionellen Handwerks. Viele Handwerker sind bereits seit 15-20 Jahre dabei. Es gibt in jedem Jahr auch neue Teilnehmer, aber eben auch welche, die nur ein- oder zweimal dabei sind. (Insgesamt waren es 505 unterschiedliche Handwerksunternehmen, die sich in den 20 Jahren beteiligt haben). Die Besucherzahlen haben sich in den letzten Jahren in etwa bei 50.000 jährlich eingepegelt, das sind in 20 Jahren immerhin ca. 1.000.000 Besucher – das ist schon eine beachtliche Zahl.

Welche Bedeutung hat der Tag für die Region seit Beginn?
Der Tag hat für die Region und den Tourismus eine große Bedeutung. Zum einen lockt er viele Gäste nicht nur aus der näheren Umgebung an, was natürlich auch für die Hotellerie (Kurzurlauber) und Gastronomie positiv ist, zum anderen zeigt er den Besuchern, wieviel (Hand)Arbeit in der Entstehung eines Produktes steckt und damit auch letztendlich der Preis gerechtfertigt ist. In der heutigen Zeit wird es für viele Unternehmen zunehmend schwieriger, geeignete Auszubildende zu finden. Und da kann dieser Tag auch einen kleinen Beitrag leisten, Jugendlichen einen kleinen Einblick in Handwerksunternehmen zu geben und vielleicht dazu beitragen, dass der eine oder andere sich entscheidet, einen handwerklichen Beruf zu erlernen.
Die Veranstaltung ist auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Wenn die Besucher beim Handwerker Ideen für Geschenke oder für das eigene Zuhause bekommen und diese dann auch z. B. in der Weihnachtszeit realisieren, dann ist das ein positiver Effekt dieses Tages.

Gibt es Pläne für die Zukunft?
1999 wurde im Erzgebirge die Idee geboren, interessierten Gästen einen Einblick in die vielfältigen traditionellen Handwerkstechniken zu bieten. Und so wurde im Jahre 2000 der 1. Tag des traditionellen Handwerks im Erzgebirge durchgeführt. Die Resonanz war von Anfang an sowohl bei den Handwerkern als auch bei den Besuchern überwältigend.
Ich denke, solange sowohl Handwerker als auch Besucher diesen Tag annehmen und mitgestalten, wird es ihn auch weiterhin geben, denn er hat sich auf jeden Fall bewährt und bringt den Besuchern unsere erzgebirgischen Traditionen näher. Man merkt es auch deutlich daran, dass vielerorts der Tag des Handwerks auf das gesamte Wochenende erweitert/ausgedehnt wird.

Ist dann auch eine Erweiterung des Tages für andere nächstgelegene Regionen mit Traditionshandwerk, wie z.B. dem Vogtland vorgesehen?
In der Region Vogtland nehmen offiziell keine Unternehmen am Tag des traditionellen Handwerks teil. Schönheide und Stützengrün – die beiden am westlichsten Rand gelegenen Kommunen gehören ja noch zum Erzgebirgskreis. Allerdings haben wir viele Besucher aus dem Vogtlandkreis und dem Landkreis Zwickau, die die Handwerksunternehmen im Erzgebirge an diesem Tag besuchen. Eine Ausdehnung des Tages des traditionellen Handwerks auf angrenzende Destinationen ist derzeit aber nicht geplant.

Die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoŕí gehört seit diesem Jahr zum UNESCO-Welterbe. Erhoffen Sie sich dadurch einen weiteren Push für den Tag?
Auf jeden Fall. Durch die Aufnahme in die Welterbeliste wird die Region mehr an Bekanntheit und Aufmerksamkeit gewinnen. Die Ernennung der Montanregion Erzgebirge/Krušnohorí zum UNESCO-Welterbe, war am 6. Juli. Da waren die Vorbereitungen für den Tag des traditionellen Handwerks bereits abgeschlossen und auch das Programmheft war bereits gedruckt. Für das kommende Jahr werden wir uns Gedanken machen, wie wir den Tag des traditionellen Handwerks um den Punkt Welterbe ergänzen, denn die erzgebirgische Volkskunst ist eng mit dem Bergbau verbunden. Generell wird der Tourismusverband Erzgebirge e.V. das Prädikat „UNESCO-Welterbe“ in seine Marketingstrategie bzw. in sein Produktportfolio einbinden. Die Titelverleihung war der Beginn eines Prozesses, aber auch Motivation und Chance zugleich, die Montanregion als eine lebendige, sich weiter entwickelnde Kulturlandschaft von außergewöhnlichem universellem Wert für das Erbe der Menschheit zu erhalten.

Vielen Dank für das Gespräch!

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