FCE-Präsident Helge Leonhardt: „Wer anfängt zu träumen, fängt an zu spinnen!“

Helge Leonhardt spricht im WochenENDspiegel über die Hinrunde, den Plan 2023, die Zusammenarbeit mit Dirk Schuster und Spartak Moskau. Fotos: FC Erzgebirge Aue

Helge Leonhardt: Gefühl, Glücksgriffe & Schusters alte Schule

Von Sven Günther
Novo Sancti Petri, das malerische Städtchen an der andalusischen Atlantikküste. Der Ort, an dem sich der FC Erzgebirge Aue auf die weitere Rückrunde vorbereitet.

Helge Leonhardt, der Präsident des FC Erzgebirge Aue sitzt auf der Terrasse des Trainingslager-Hotels, als ihn der Anruf des WochenENDspiegel erreicht. „Die Bedingungen sind hier optimal. Wir haben einen Volltreffer gelandet,“ sagt er und ergänzt: „Einen Volltreffer, von denen es im Jahr 2020 hoffentlich noch einige geben wird.“

Der FCE bleibt bis zum 17. Januar in Spanien, testet am 14. Januar gegen die SpVgg Unterhaching. Nach einem weiteren Testspiel geht es für die Mannschaft am 28. Januar in Wiesbaden mit der Rückrunde weiter. Mit 29 Punkten liegen die Veilchen auf dem fünften Platz.

Wenn der Präsident auf die Tabelle schaut, lächelt er. „Es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass wir im Wintertrainingslager die Mannschaft nicht umkrempeln müssen, sondern sie stabilisieren und auf ihrem Weg ermutigen können“, sagt Helge Leonhardt und verrät: „Ich hatte diesmal schon zu Beginn der Saison ein gutes Gefühl.“
Ein Gefühl, das sich auf Fakten stützt. Der FCE konnte die Leistungsträger halten, sich gezielt verstärken. Leonhardt: „Dabei hatten wir auch etwas Glück, waren nach den Verletzungen von Steve Breitkreuz und Malcolm Cacutalua gezwungen, in der Defensive zu reagieren. Mit Sören Gonther und Marko Mihojevic haben wir Glücksgriffe gemacht.“

Gonther kannten der Präsident und sein Team aus Dresden, Mihojevic von Videos. „Ich haben ihn dann in Belgrad spielen gesehen, konnte mit ihm sprechen und wusste: Denn will ich haben“, erinnert sich Leonhardt, der den „Den-will-ich-haben-Satz“ auch bei Sören Gonther sprach. Der FCE-Chef traf ihn im Beisein seiner Assistentin in einem Kaffee in Dresden zum Gespräch. Danach waren sie voll überzeugt .

Leonhardt: „Auch durch diese beiden Spieler konnten wir die Defensive so stärken, dass unsere Jungs vorn mutig spielen können.“ Er nennt Jan Hochscheidt, er nennt Dimitrij „Dima“ Nazarov – aber eigentlich denkt und meint der Präsident das ganze Team, die ganze Mannschaft.

Eine Mannschaft, die durch Trainer Dirk Schuster einen neuen Impuls und den letzten Kick bekommen hat. Bei seinem Namen wird der nüchterne Unternehmer Leonhardt fast schwärmerisch: „Er hat die Zeichen der Zeit erkannt, lässt die Mannschaft teilweise dreimal täglich trainieren, weil er weiß, dass es zu einer extrem guten Fitness keine Alternativen gibt. Ich liebe Trainer, die den Laptop in die Ecke schmeißen und stattdessen auf die Körper der Spieler achten. Das ist alte Schule, bei denen es zunächst um die Grundlagen geht, auf denen man aufbauen kann.“

Grundlagen. Die legt der Präsident und die Verantwortlichen beim FCE mit dem Plan 2023. Die Verträge mit den Leistungsträgern wurden bis dahin verlängert, damit ein Fundament geschaffen, von dem aus weiter agiert wird. Leonhardt: „Wir müssen immer die Wirtschaftlichkeit im Auge behalten. Die Marktwerte für Spieler steigen Jahr für Jahr , darauf haben wir reagiert, rechtzeitig verlängert. Nun können wir die Mannschaft punktuell verstärken, junge Spieler ausbilden, die dann auch verkauft werden können.“

Eine Situation, die den Präsidenten gelassen, aber nicht selbstzufrieden macht. „Es ist ein Unterschied, ob man im Winter die halbe Mannschaft aus Not wechseln muss oder gezielt über eine oder zwei Verstärkungen nachdenken kann. Nachdem Hikmet Ciftci nach Kaiserslautern gewechselt ist, werden wir vielleicht Filip Kusic noch verleihen und einen oder zwei Spieler verpflichten.“

Der erste ist Aue-Boss Jacob Rasmussen, der vom AC Florenz ausgeliehen wird. Laut transfermarkt.de hat er einen Marktwert von 3,5 Millionen Euro, stammt aus der Nachwuchsabteilung von Schalke 04 und stand bei St. Pauli unter Vertrag, ohne für die Profis gespielt zu haben.
Helge Leonhardt sagte der „Bild“: „Die Verhandlungen mit Florenz waren hart, aber wir haben eine gute Einigung erzielt. Jacob Rasmussen ist ein sehr talentierter Spieler, der uns sofort weiterhelfen kann. (…) Wir haben ihn schon länger beobachtet und sind froh, dass es mit der Verpflichtung geklappt hat. Jetzt wollen wir ihn schnell im Team integrieren. Für ihn gilt das Leistungsprinzip genauso wie für alle anderen Spieler.“

Vertrag unterschrieben! Jacob Rasmussen kommt aus Florenz.

Die Verpflichtung ist ein weiterer Schritt, dass Team ständig weiterzuentwickeln, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren. Leonhardt: „Wer anfängt zu träumen, fängt an zu spinnen! Wir haben allen Grund, bodenständig und demütig zu bleiben. Es ist aber auch klar, dass wir auf Sicht zu einer stabilen Zweitligamannschaft werden wollen, die nicht jede Saison bis zum Ende um den Klassenerhalt zittern muss.“

Auf diesem Weg sucht der Macher aus dem Erzgebirge Unterstützung in der Welt. „Wer weiterkommen will, darf nicht nur rund um den Kirchturm denken,“ sagt Leonhardt, der strategische Partnerschaften knüpft. PAOK Saloniki in Griechenland, Roter Stern Belgrad in Serbien, Spartak Moskau in Russland. Dort trainiert Ex-Aue-Coach Domeniko Tedesco, dort kennt er den Vorstandschef Tomas Zorn, ein in Berlin lebender Deutschrusse Leonhardt: „Diese Zusammenarbeit kommt über geschäftliche und persönliche Kontakte zustande, über Netzwerke. Die habe ich, sodass wir auf Augenhöhe miteinander sprechen können, uns gegenseitig schätzen und in Zukunft auch gegenseitig helfen werden. Ich sehe da einiges Potenzial.“

Nachvollziehbar. Vor allem, wenn man weiß, dass der Chef von Spartak Moskau Wagit Alekperow ist. Der Aserbaidschaner ist Hauptaktionär des Lukoil-Konzerns (99 Mrd. Umsatz/Jahr, 100.000 Jobs). Helge Leonhardt: „Das ist echtes Big Businnes. Da kann man sich in etwa die Größe möglicher Chancen ausrechnen. Und auch mit ihm kann man ganz normal sprechen. Andere kämen weder an seinen Sekretärinnen, geschweige denn an seinen Bodyguards vorbei.“

Spricht es und geht von der Terrasse im schönen Novo Sancti Petri zum Training der Mannschaft und freut sich, dass er als Stabilisator und Motivator aber nicht als Krisenmanager die Tage in Spanien mit Gesprächen Sponsorentreffen im Süden Spaniens verbringen kann.

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