Fußball, Kommerz und Fankultur: Leute, wir haben ein Problem – ein Kommentar zur Situation

Barcelona würde sich am liebsten Mesut Özil ins Boot holen – welche Summen dabei fließen, darüber kann man nur spekulieren. Als Neymar vor einigen Wochen den Verein wechseln wollte, tobte nicht nur die Fußballwelt, sondern tatsächlich die halbe Welt, über die wahnwitzige Summe, die hierbei floss – dabei steht Ousmane Dembélé, der von Dortmund zu Barcelona wechselte, mit einer Summe von 105 Millionen Euro nicht wirklich weit hintenan – wenn man im Bereich dreistelliger Millionensummen kommt, wird die Luft verdammt dünn. Doch man muss nicht auf solche Summen schauen, um überdeutlich zu erkennen, der Fußball hat ein gewaltiges Problem, das schon fast einer tektonischen Plattenverschiebung gleicht. Ein Kommentar.

Ein Schal, macht vierzig Euro, bitte. Gerade der Handel mit Fanartikeln bzw. deren Preise zeigt, wie krass das Kommerzialisierungslevel geworden ist. Foto: fotolia.com © wip-studio

Die beklatschte Raffgier

Dieses Problem ist so groß, dass es egal ist, aus welcher Richtung man das Pferd aufzäumt. Doch fangen wir mal oben an. Die meisten dürften sich an das Sammelsurium der Raffgier namens Football-Leaks erinnern. Abgesehen von Spielergehältern und deren Tricksereien zur Steuervermeidung, was kam dabei heraus? Dass der gesamte Spitzenfußball, angefangen bei den großen Funktionären bis hinunter zu den Beratern eigentlich nur eines kennt: Scheffeln, was das Zeug hält.

Aus der freien Wirtschaft sind ähnliche Verhaltensmuster bekannt oder werden zumindest vermutet – doch wenn Vorstandsgehälter durch die Decke gehen oder irgendwelche Schweinereien betrieben werden, kann man sicher sein, dass es wenigstens noch einen kleinen Haufen Wütender auf die Straßen treibt. Beim Fußball hingegen große Fragezeichen. Das soll keiner antikapitalistischen „Entglasungskultur“ das Wort reden, Gewalt gibt es rund um den Ball auch so schon genug. Aber die Zuschauerzahlen allein in der Bundesliga sprechen eine deutliche Sprache. Wenn an einem Spieltag mal ein Stadion nicht ausverkauft ist, ist das für TV-Kommentatoren schon eine erwähnenswerte Besonderheit. Zuhause bleiben? Protest zeigen? Nee, dann lieber am Stammtisch oder auf Facebook meckern. Dass das keinen Teamchef, keinen Großaktionär und erst recht keinen FIFA- oder UEFA-Funktionär aufrüttelt, ist verständlich.

Die Fans sind’s gewöhnt

Ein Bier, eine Bockwurst, Klacks Senf und eine Scheibe Brot – acht Euro auf den Tresen gelegt und ab auf die Tribüne. Das mutet nur demjenigen schräg an, der noch nie in einem Bundesligastadion war. Doch leider zeigt sich darin auch: Die Fans haben sich offenbar mit der Lage abgefunden oder ignorieren sie schlichtweg. Würde eine Imbissbude solche Preise aufrufen, könnte der Besitzer die Füße hochlegen – zu ihm käme niemand.

Gestern Westfalenstadion, heute „Signal-Iduna-Park“. Die finanziellen Verlockungen des Sponsorentums kennen leider kaum Grenzen – auch keine geographischen. Foto: fotolia.com © sehbaer_nrw

Und es geht weiter: Trikots, Schals, der gesamte Fanartikel-Zirkus sind ein erstklassiger Indikator für den Zustand des Fußballs. Wer Fan ist und das nach außen tragen will, der muss verdammt tief in die Tasche greifen – denn für etwas, was nicht mehr als ein bedrucktes T-Shirt aus Funktionsstoff ist, ruft beispielsweise der Fanshop des FC Bayern satte 89,95€ auf. Wirklich billiger sind aber auch die Konkurrenten nicht: Köln will 79,99, Mönchengladbach vier Cent weniger. Und selbst die als „Kommerz-Kings“ verschrienen Leipziger geben sich mit 84,95 Euro nicht viel.

Nun kann man viel diskutieren. Das Magazin 11Freunde glaubt auch, dass bei den Fans so langsam der Topf überkocht.  Fakt ist aber, dass ein Sport, in dem die Fans nach wie vor bereitwillig solche Summen bezahlen, nicht wirklich gesunden kann. Im Gegenteil. So mancher Funktionär dürfte gerade durch die Fan-Umsätze auch noch ermutigt werden: „Lasst die Presse und die Außenstehenden doch meckern. Bei uns ist alles in Butter“.

Zu Gast bei Freunden

Fußball ist, von der kleinsten Ascheplatzliga bis zur WM, ein Sport, der vom Ranking lebt. Wer besser ist, wird belohnt. Eigentlich ein einfaches Prinzip, das seit Jahrzehnten funktioniert. Doch je weiter man nach oben schaut, desto schwieriger scheint es zu werden, es umzusetzen. Stichwort WM und EM. Bei beiden Matches gehen die Zahlen der teilnehmenden Teams und ausgetragener Spiele nach oben. FIFA-Chef Infantino würde gar am liebsten eine WM mit 48 Mannschaften sehen.

Die Argumente sind dabei immer dieselben: Mehr Spiele, mehr Spannung und vor allem mehr Fankultur. In Wirklichkeit geht es auch hier um Geld. Mehr Spiele gleich mehr Konzessionen, mehr Verkäufe, mehr Übertragungsrechte. Die 48-Mann-WM würde, so schätzt die FIFA, 6,5 Milliarden Dollar in die Kasse spülen – bei der 2014er-WM waren es 2,4 Milliarden. Warum anstrengen, fragt sich dann so mancher Teamchef. Man kommt ja auch mit Halbgas in die Endrunde – wie die Qualität der Spiele dann aussehen wird, darf man sich ausmalen. Nur so viel: Die Vorrunde der 2016er EM war mit 1,92 Treffern pro Partie eines der torärmsten Turniere in der Geschichte des Profifußballs – rein zufällig war vorher die Anzahl der Teams auf 24 und die der Spiele auf 51 erhöht worden.

Darunter leidet die Fairness. Denn je mehr Mannschaften auf diese Weise künstlich „endrundenwürdig“ gemacht werden, desto mehr wird die Leistung verwässert. Und desto mehr leiden auch die Fans. Natürlich ist es schön, wenn bei einer solchen XXL-WM oder –EM mehr internationale Fankultur aufeinandertrifft. Aber zu welchem Preis? Will ein Fan aus Afrika, Asien oder Südamerika wirklich seine letzten Cents zusammenkratzen, nur um dann zu sehen, dass seine eigentlich nicht Endrunden-fitte Mannschaft gleich im ersten Spiel buchstäblich zusammengeschlagen wird?

Der einzige Grund für mehr WM-Teilnehmer ist der Verkauf zusätzlicher Rechte, Karten, Fanartikel. Um den Sport geht es dabei keineswegs. Foto: fotolia.com © Africa Studio

Zwar ist es eine Illusion, dass im Profifußball nur die nackte sportliche Power zählt und nicht auch Finanzkraft, es ist leider nicht so. Aber wenn ein Team, das zu den Top-Ten der Welt gehört, in einem WM-Turnier mit der Nummer 42 der Weltrangliste konfrontiert wird, dann hat das weder mit der im Fußball so vielzitierten Fairness zu tun, noch mit Leistung – und die Fans werden obendrein auch noch verraten, denn in den allermeisten Fällen entwickeln sich solche Partien zu klassischen Schützenfesten, wie 2001, als Australien Amerikanisch-Samoa mit 31:0 vom Platz demütigte. Das hätten sich sowohl die Fans als auch die Spieler Samoas anders ausgemalt.

Einsicht? Woher denn?

Oben hui, unten pfui. Es verwundert nicht, dass in Zeiten der Top-Gehälter für den Amateurbereich bestenfalls Krümel vom Tisch fallen. Dazu muss man nicht einmal die Praktiken selbst kritisieren. Es reicht schon, wenn man erkennt, wie viele Ehrenamtliche sich Woche für Woche auf den unzähligen Ascheplätzen buchstäblich die Knochen verbiegen – mit etwas Glück gibt es vom DFB dann einen warmen Händedruck.

Es kann so nicht weitergehen

Das Beenden der Lizenzversteigerungen an Pay-TV-Sender wäre ein Anfang, denn dadurch wird Fußball auch außerhalb des Stadions zur Bezahlveranstaltung. Foto: fotolia.com © José 16

Wer bis hierhin aus dem zustimmenden Nicken nicht mehr herauskam, der wird einsehen, dass es so nicht weitergehen kann. Denn wie eine Börsenblase wird auch der Fußball sonst spektakulär explodieren. Und daran kann keinem gelegen sein, der den Sport liebt. Deshalb an dieser Stelle ein paar Ideen für einen kontrollierten Druckabbau, von dem das allermeiste wirklich global durchgesetzt werden müsste.

  • Das Ende der Kommerzialisierungsspirale. Das bedeutet Kastrierung des Sponsorensystems auf eine bindende jährliche und geringe Gesamtsumme.
  • Ende des Funktionärswesens. Regelmäßiger Austausch, damit keine Seilschaften entstehen können.
  • Internationale Deckelung von Spielergehältern und Transfersummen
  • Festgelegte Maximalsummen, die Jährlich in den Verein investiert werden dürfen
  • Überarbeitung der 50+1-Regel und die Anwendung in allen internationalen Top-Ligen
  • Reduktion der EM- und WM-Endrunden auf 16 (EM) bzw. 32 Teams maximal
  • Verbot von Börsengängen der Fußballvereine

Zugegeben, das mag zunächst nach einer scharfen Planwirtschaft klingen. Doch auf einen groben Klotz gehört in diesem Fall auch ein grober Keil. Der Profifußball ist längst zu ausgeufert, um ihn noch mit sanften Maßnahmen in Bahnen zu lenken.

Ein wichtiger Punkt wurde aber noch nicht genannt: Die Fans. Denn würden die sich mal dazu entschließen, an nur einem Bundesliga-Wochenende nicht ins Stadion zu gehen, kein Pay-TV einzuschalten, sondern einfach das nächste unterklassige Turnier einen Ort weiter zu besuchen, würde der ganze Kommerz-Zirkus auf einen Schlag kippen.

Ausbildungsstellen in Deiner Region

Facebook