Herr Kretschmer, was ist Heimat für Sie?

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer gab dem WochenENDspiegel ein Interview zum Thema „Willkommen in der Heimat. Foto: CDU

MP Michael Kretschmer: Heimat ist Geborgenheit

Von Sven Günther
Sachsen. Heimat, Bodenständigkeit, Tradition. Begriffe, die Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer mit Inhalt füllt. Dem WochenENDspiegel gab er zum Thema „Willkommen in der Heimat“ anlässlich des Pendleraktionstages am 27. Dezember im Kulturhaus Aue und am 28. Dezember im GDZ Annaberg-Buchholz (jeweils 10 bis 14 Uhr)  dieses Interview.

Herr Kretschmer, was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat ist für mich das Gefühl von Geborgenheit, meine Familie, Freunde, Erinnerungen und Verbundenheit. Sie braucht ein Fundament, z.B. Sprache, Kultur, Geschichte, und ist selbst ein starkes Fundament – für Neues, für Weltoffenheit, für Empathie. Für mich steckt überall in Sachsen Heimat. Ich freue mich auch wie die vielen Sachsen überall jeden Tag mit ihrem Engagement dazu beitragen, zum Beispiel in Vereinen, beim Sport, bei den Bergparaden oder im Trachtenverein, dass unsere Heimat lebenswert bleibt.

In den Großstädten in den alten Ländern wird zum Teil deutlich mehr verdient, kulturell, sportlich etc. mehr geboten. Warum sollte man trotzdem darüber nachdenken, in Leipzig, Dresden, Chemnitz oder Zwickau zu arbeiten?

Dass in vergleichbaren westdeutschen Großstädten mehr geboten wird als in Sachsen, bezweifle ich. Schauen Sie in die Messestadt Leipzig mit Erstligafußball vom RB, ins kulturelle Elbflorenz nach Dresden oder nach Chemnitz, der Stadt der Moderne. Nicht zu vergessen Zwickau, die Stadt der Autobauer. Sachsen ist ein wunderschönes Land und seine Großstädte strahlen weit über die Grenzen hinaus. Das belegen auch die stetig steigenden Zahlen der Gäste die unseren Freistaat besuchen.

Kunst, Kultur, Tradition und Moderne sind hier zu Hause. Aber auch die weichen Faktoren wie das flächendeckende Angebot an Kindertageseinrichtungen, Spitzenreiter im Bildungsmonitor, günstige Mieten oder auch die vergleichsweise niedrigeren Lebenshaltungskosten machen Sachsen lebens- und liebenswert. In den vergangen Jahren haben sich viele Unternehmen hier angesiedelt oder ihre Standorte ausgebaut und somit zahlreiche Arbeitsplätze in Produktion und Forschung geschaffen. Wir werden auch weiterhin alles daran setzen, dass die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen in Sachsen immer besser werden.

Sie haben immer betont, dass der ländliche Raum Ihnen am Herzen liegt. Jetzt mal ehrlich: Der wurde in den letzten Jahren mit gehobener Politikernase aber sträflich übersehen. Oder?

Nein, das sehe ich nicht so. Der ländliche Raum ist das Kraftreservoir des Freistaats Sachsen und kann mit einer hervorragenden Lebensqualität punkten. Etwa die Hälfte der Sachsen lebt hier und ein Großteil der Unternehmen und Arbeitsplätze sind hier angesiedelt. Die Schwarzmalerei gegen den ländlichen Raum hat mit dem Lebensgefühl der Menschen vor Ort wenig gemein. Auf das bisher Erreichte können wir alle stolz sein.
Wir unterstützen den ländlichen Raum bereits seit Anfang der 90er Jahre beispielsweise über das Europäische Entwicklungsprogramm für den ländlichen Raum, aber auch durch Bundes- und Landesmittel. Allein seit 2014 haben wir über LEADER 427 Mio. Euro für den ländlichen Raum eigenverantwortlich zur Verfügung gestellt. Das macht sonst kein Land und keine Region in ganz Europa! Hinzu kommen der Breitbandausbau, weitere Investitionen in die Infrastruktur und unser „Ideenwettbewerb ländlicher Raum“. Ich bin zuversichtlich, dass wir damit Engagement und Initiativen vor Ort anschieben, die in den Dörfern und Städten Zukunft und Zusammenhalt geben.

Gerade Unternehmen im ländlichen Raum klagen über Fachkräftemangel. Wie kann die Staatsregierung hier helfen, was müssen die Firmen selbst tun?

Hier müssen Wirtschaft und Politik gemeinsam anpacken. Schön ist die Aktion „Schau rein“, denn sie bietet Praktika an, mit denen gerade junge Menschen für Unternehmen interessiert werden können. In Sachsen setzen wir vor allem auf eine gute Erreichbarkeit, den Ausbau der Infrastruktur und optimale Berufsberatung. Denn Mobilität, Digitalisierung und Fachkräfteförderung gehören zu den Schwerpunkten unserer Politik für den ländlichen Raum. Zudem haben wir in diesem Jahr die Berufsberatung an Oberschulen und an Gymnasien verstärkt, sodass Praxisberater über die passende Berufsausbildung informieren.

Wird das Thema Sicherheit, z.B. ist das Erzgebirge der deutsche Landkreis mit der geringsten Kriminalität, ein Standortfaktor?

Wir leben in Deutschland in einem sicheren Land. Darum beneiden uns viele Länder. Der Erzgebirgskreis gehört zu den sichersten Kreisen im Freistaat. Mit dem Personalaufwuchs bei der sächsischen Polizei in den nächsten Jahren werden wir diese Sicherheit weiter stärken.

Eine Frage, die Gutmenschen und Weltretter empören wird: Ist es nicht sogar ein Standort-Vorteil, dass der Anteil an ausländischen Mitbürgern ein geringer ist?

Die Frage ist nicht, ob ein bestimmter Ausländeranteil ein Standortvor- oder -nachteil ist, sondern wie es uns gelingt, dass die besten Fachleute und die klügsten Köpfe zu uns kommen. Sachsen muss attraktiv sein für Ausländer, die hier arbeiten und sich für eine erfolgreiche Entwicklung unseres Landes einbringen wollen.
Für Sachsen gewinnt die gezielte Anwerbung von qualifizierten Fachkräften wegen des demografischen Wandels zunehmend an Bedeutung. Fachkräfte kommen aber nur, wenn sie hier positiv aufgenommen werden. Dies gilt für international agierende Firmen wie für Klein- und mittelständische Unternehmen gleichermaßen. Natürlich müssen die ausländischen Fachkräfte willens und in der Lage sein, sich in Kultur, Gesellschaft und Rechtsstaat zu integrieren.

Das EU-Förderprogramm SN-CZ (189 Mio Euro) soll über 2020 hinaus hinausgehen. Werden wir nicht immer abhängiger von europäischen Fördermitteln?

Das Kooperationsprogramm Freistaat Sachsen – Tschechische Republik 2014-2020 ist der Turbo für die Umsetzung gemeinsamer deutsch-tschechischer Projekte entlang der Grenze zwischen beiden Ländern. Davon profitieren beide Seiten erheblich.
Für das Kooperationsprogramm wurden aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung fast 160 Mio. Euro bereitgestellt. Diese Mittel sind fast vollständig mit grenzüberschreitenden Projekten gebunden. Auch das bestätigt die Attraktivität des Programmes. Ich freue mich, dass das äußerst erfolgreiche Programm auch nach dem Jahr 2020 fortgeführt werden soll.

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