Herz-Patient DDR!

Grafik: pixabay.com/Deutsche Herzgesellschaft/Sven Günther

Grafik: pixabay.com/Deutsche Herzgesellschaft/Sven Günther

Das metabolische Syndrom

Von Sven Günther.
Die Zahlen sind aktuell, aber längst nicht neu! Nimmt man die Werte der Todesfälle nach Herzkrankheiten, die gerade veröffentlich wurden,  und überträgt sie auf eine Deutschlandkarte – dann ersteht die DDR wieder auf… Die fünf Bundesländer Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg führen die Tabelle bei den Herztoten an. Auch im Erzgebirgskreis sind Herzerkrankungen Todesursache Nummer 1. Täglich sterben hier fast sieben Menschen daran. Der Grund: Das metabolische Syndrom!
Fachleute fassen unter diesem Begriff die vier Hauptrisiken für Herzerkrankungen zusammen: Rauchen, Zucker, Übergewicht und Bluthochdruck! Seit Jahren beschäftigt sich Professor Andreas Stang, der Leiter des Zentrums für Klinische Epidemiologie der Uniklinik Essen mit dem Phänomen, sagt WochenSpiegel: „Wir kennen diese Zahlen seit der Wende. Ich habe zehn Jahre in Sachsen-Anhalt gearbeitet, mir die Gründe genau angesehen.“
Gründe, die Stang den Politikern ungeschminkt mitteilte: Die Menschen im Osten sind dicker, rauchen mehr, haben höhere Blutdruckwerte und sind öfter zuckerkrank. Professor Stang: „Das liegt eindeutig an sozialen Faktoren. Je ärmer eine Gesellschaft ist, desto schlechter ernährt sie sich, desto ungesünder lebt sie.“ Die höhere Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern wirkt wie ein Katalysator „Empirische Studien belegen den Zusammenhang von weniger Einkommen und schlechter Ernährung. Daran gibt es keinen Zweifel.“

Professor Andreas Stang erforschte die hohe Herz-Sterblichkeit im Osten Foto:

Professor Andreas Stang erforschte die hohe Herz-Sterblichkeit im Osten
Foto:

In seiner Arbeit „Kardiovaskuläre Risikofaktoren im Bundesvergleich“ hat Professor Stang die hohe Herz-Sterberate in Sachsen-Anhalt erforscht, schreibt: „Für alle Risikofaktoren lagen im Bundeslandvergleich die Prävalenzen in Sachsen-Anhalt auf Rangplatz 1–2. Sachsen-Anhalt ist unter den Spitzenreitern bezüglich des Anteils an Schulabgängern ohne Abschluss (14,1 Prozent), und der Anteil von Personen mit (Fach-)Hochschulreife war 2011 niedriger als in jedem anderen Bundesland (19,2 Prozent). Die Arbeitslosigkeit war mit 11,5 Prozent im Jahr 2012 eine der höchsten bundesweit. Auch unter Berücksichtigung von ungenau bezeichneten und unbekannten Todesursachen kann die hohe Mortalität
der ischämischen Herzkrankheit in Sachsen-Anhalt (153,3 pro 100 000) nicht als Artefakt interpretiert werden.“Populärwissenschaftlich: Die hohe Sterbeziffer ist kein Zufall.
In seiner Arbeit belegen die neuen Bundesländer in allen vier Feldern des metabolischen Syndroms, das auch als „Tödliches Quartett“ bezeichnet wird, die ersten fünf Plätze. Stang: „Ich konnte darlegen, das ungünstige soziale Faktoren in der ersten Ebene zu ungünstigen individuellen Verhaltensweisen in Ebene 2 führen, die dann in Ebene 3 biomedizinische Risikofaktoren und schließlich Herzkrankheiten zur Folge haben.“
Die von vielen Experten als Ursache für die hohe Herzsterblichkeit angeführte schwächere Versorgungsdichte mit Herzspezialisten, lässt Professor Stang nicht gelten. „Natürlich gibt es auf dem ‚flachen Land‘ weniger Spezialisten, ist das Rettungssystem dünner und bei Notfällen geht es um Minuten“, sagt der Mediziner. „Die Tatsache, dass Krebserkrankungen in Sachsen-Anhalt Risikofaktor Nummer 1 sind, eine Krankheit, bei der es nicht um Schnelligkeit geht, zeigt, dass die sozialen Faktoren bei den Herzkrankheiten ganz klar die entscheidende Rolle spielen.“
Sein Fazit: Will man die DDR von der Karte der Herztoten entfernen, gibt es nur eine Medizin: Die Politiker müssen die soziale Situation im Osten verbessern.

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