„Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen“

Stefan Weber (1942-2015) im Türmer-Kostüm auf dem Hohen Turm in Chemnitz. Fotos (3): oha/Archiv

„Hört Ihr Leut’ und lasst Euch sagen“ – Worte, die sicherlich vielen Chemnitzerinnen und Chemnitzer noch lange Zeit im Gedächtnis bleiben werden. Worte, die wohl auch mit kaum jemand anderem in Verbindung stehen, als mit ihm: Stefan Weber (1942-2015). Im schwarzen Habit gekleidet und mit seinen fundierten Kenntnissen zur Historie der Stadt repräsentierte er über Jahre hinweg das Amt des Türmers wie kein anderer. Am 15. Mai 2020 war sein fünfter Todestag.

Stefan Weber war das Gesicht der Stadt. Ein Gesicht, das nicht nur in den Köpfen der Menschen bleibt, sondern überdies auch im figürlichen Glockenspiel am Rathaus verewigt wurde. Kaum ein Chemnitzer ist so häufig fotografiert und gefilmt worden wie der Türmer Stefan Weber. Bis zuletzt leitete er voller Leidenschaft Führungen durch das Rathaus. Anlässlich seines 70. Geburtstages erhielt Stefan Weber außerdem den Ehrenpreis der Stadt Chemnitz. Wir wollen wir noch einmal gemeinsam mit Chemnitzerinnen und Chemnitzer an das große Wirken des Türmers Stefan Weber erinnern.

„Er fehlt mir wirklich sehr“, sagt Sebastian Thieswald. Der damalige Leiter des SenVital Senioren- und Pflegezentrum „Niklasberg“ in Chemnitz erinnert sich noch ganz genau an seine erste Begegnung mit Türmer Stefan Weber. Sein Interesse galt der Namensfindung der Pflegeeinrichtung, wie er erzählt. „Und wenn man etwas über die Stadtgeschichte erfahren wollte, war Stefan, damals noch Herr Weber, der Erste, auf dem man stieß“, so Thieswald.

Erstmals getroffen haben sich beide in der Wohnung von Stefan Weber, die sich damals im Turm der Chemnitzer Schlosskirche befand. „Es war 15 Uhr und es standen eine Flasche Wein und eine Kerze auf dem Tisch“, lacht er. „Stefan freute sich, dass sich jemand, der wie ich neu in Chemnitz war, sofort etwas über die Historie wissen wollte. Und so saßen wir einige Stunden, die Flasche Wein war später leer (lacht), und ich war beeindruckt von seinen Erfahrungen und seinem Wissen. Von Augenzeugen, die den Bombenangriff überlebt haben, bis hin zu sich selbst, wie er aus seinem Zimmer auf die ehemalige Nikolaikirche blicken konnte.“

Ab diesem Tag habe der Chemnitzer Türmer Stefan Weber in Thieswald das Feuer für die Chemnitzer Stadtgeschichte entfacht. „Und das auf eine Art und Weise, dass ich bis zu seinem traurigen und frühen Abbleben niemand anderes gefunden habe, der so für die Stadt Chemnitz gebrannt hat wie er und dafür mit jeder Faser seines Körpers gelebt hat.“ Für Sebastian Thieswald Grund genug, gemeinsam mit dem Förderverein Niklasberg den lange Zeit verloren geglaubten historischen Stadtteil in einer Daueraustellung im SenVital Chemnitz Niklasberg zu revitalisieren und somit für die Stadt Chemnitz einen weiteren, attraktiven Anziehungspunkt zu schaffen.

Noch heute ist die Ausstellung im Foyer zu sehen, (Achtung: corona-bedingt vorrübergehend geschlossen). Das Besondere: ein Audio-Guide, der persönlich vom Chemnitzer Türmer Stefan Weber eingesprochen wurde. Der gebürtige Niklasberger hatte den Verein über Jahre hinweg maßgeblich geprägt. Es war sein Stadtteil, für den er sich mit vielen Ideen und bemerkenswertem Einsatz engagierte. „Sein Erbe wird somit durch den Förderverein auch in seinem Sinne weitergeführt“, sagt Thieswald.

Wenn sich Jörg Petzold, derzeitiger SenVital-Residenzleiter an den damaligen Chemnitzer Türmer Stefan Weber erinnert, ist das getreu dem Motto: „Man sieht sich immer zweimal im Leben“, wie er sagt. „Das erste Mal, wo ich ihn erlebt habe war bei einer Führung „in seinem Arbeitsbereich“ als Türmer der Stadt Chemnitz incl. Rathausbegehung. Schon damals gefiel mir seine stringente Art und sein Loblied auf seine Stadt Chemnitz. Nichts ahnend, dass sich unsere Wege noch mehrfach kreuzen werden“, erklärt Petzold. Beim zweiten Mal war Jörg Petzold bereits Einrichtungsleiter im SenVital Niklasberg. Auch zu diesem Zeitpunkt wusste er: „Mich beeindruckte weiterhin sein überaus großes Wissen und ich hörte ihm gern bei Vorträgen im Haus zu. Er verstand es perfekt, immer wieder etwas Neues zu erzählen bzw. in seine Vorträge einzubauen.“

Jörg Petzold und Sebastian Thieswald schätzen bis heute das Leben und Wirken des Türmers Stefan Weber.

Über die Dauerausstellung ist er als Vorstandsmitglied im Fördervein Niklasberg deshalb besonders stolz. „Der Verein führt nach dem Tod Stefan Webers seine Arbeit in seinem Sinn und im Andenken an ihn weiter“, so Petzold. „Völlig überrascht und getroffen war ich von seinem plötzlichen Tod, was auch einen großen Verlust einer Persönlichkeit für Chemnitz darstellte.“
Schätzungsweise über 200.000 Gäste führte Stefan Weber über sein Renteneintrittsalter hinaus durch das Rathaus, um ihnen vom Hohen Turm aus die Vorzüge seiner Heimatstadt zu erläutern. Schon als Jugendlicher hatte er sich intensiv mit der Stadtgeschichte auseinandergesetzt, sammelte Bilder und Dokumente. Viele Jahre später stellte er uneigennützig auch historisch wertvolle Dokumente aus seinem persönlichen Besitz der Öffentlichkeit zur Verfügung. Sein Wirken verstand er wie auch die Zunft, der Weber angehörte, als Traditionspflege. Bei den jährlichen Treffen der Europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft repräsentierte er Chemnitz als ausgezeichneter Botschafter.

Im Jahr 2003 zollte ihm die Europäische Nachtwächter- und Türmerzunft daher auch großen Respekt, in dem sie das 18. Europäisches Nachtwächter- und Türmertreffen 2003 sowie das Türmertreffen 2011 in seiner Heimatstadt Chemnitz veranstalteten. Zunftmeister Johannes Thier erinnert sich: „Die Europäische Nachtwächter- und Türmerzunft ist Stefan Weber zu großem Dank verpflichtet, denn er hat für die Zunft etwas Besonderes geschaffen: Er hat den Text unserer Hymne auf eine Ziegenhaut geschrieben und stilvoll ausgemalt. Diese Idee von ihm ist jährlich unser Geschenk an den jeweils gastgebenden Ort eines Zunfttreffens.“

Was jedoch nicht alle wussten, Stefan Weber war ein talentierter Maler. Viele Stadtansichten sind Beispiel dafür wie auch seine markante Schrift, mit der er bereits seit 1992 Einträgen ins Goldene Buch der Stadt eine kunst- und würdevolle Form verleiht. Aber auch in der historischen Ausstellung auf dem Niklasberg hängt ein großes Bild, das er gemalt hat.

Hier noch einmal der Stefan Webers Türmerruf:

 

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