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Artikel von: Sven Günther
11.11.2022

Hoffentlich müssen Sie diesen Brief nie lesen…

Ein Brief für die Zukunft

Von Sven Günther
Zwickau. Wer diesen Brief liest, macht es mit zitternden Händen und Tränen in den Augen. Es sind 36 Zeilen an eine Mutter, die ihr Kind in die neue Babyklappe des Heinrich-Braun-Krankenhauses legen will.

Im Schreiben heißt es: „Offensichtlich befinden Sie sich in einer Ihnen ausweglos erscheinenden Situation, die es Ihnen unmöglich macht, Ihr Kind bei sich zu behalten. Bitte bedenken Sie jedoch, dass all dies Ihrem Kind nicht die wirkliche Mutter bzw. Eltern ersetzen kann. Sie haben die Möglichkeit, sich an verschiedene Organisationen zu wenden, die Ihnen mit persönlicher Unterstützung und Rat zur Seite stehen.“

Dann richten sich die Gedanken in die Zukunft: „Für Ihr Kind wird es einmal von großer Bedeutung sein zu erfahren, woher es kommt und wer seine leiblichen Eltern sind. Dies ist elementar für seine gesunde seelische Entwicklung. Es kann zudem sein, dass Ihr Kind einmal auf Hilfe von leiblichen Verwandten angewiesen ist (z. B. Knochenmark- oder Organspende).“

Und später weiter: „Wenn Sie erfahren möchten, was mit Ihrem Kind passiert ist oder wenn Sie später mit ihm Kontakt aufnehmen möchten, wenden Sie sich bitte an das Jugendamt in Zwickau. Die beiliegende Identifikationskarte für die Mutter/Eltern nehmen Sie bitte mit. Sie hilft Ihnen und dem Jugendamt, Sie als Mutter/Eltern des Kindes zu identifizieren.“

Ob die Mutter in ihre scheinbar ausweglosen Lage davon Gebrauch machen wird? Man kann es nur hoffen, dass sie es tut, ehe sie die Babyklappe schließt.

Die ehemalige Zwickauer Stadträtin Christiane Drechsel (Bürger für Zwickau), hat sich jahrelang dafür eingesetzt, dass Zwickau eine Babyklappe bekommt. Foto: BfZ

Dafür, dass es diese Möglichkeit gibt, hat sich die ehemalige Zwickauer Stadträtin Christiane Drechsel (Bürger für Zwickau) jahrelang eingesetzt. „Ich freue mich sehr über diese Nachricht und die professionelle Umsetzung, auch wenn es lange gedauert hat“, sagt sie und hofft, dass sich Tragödien wie in den Jahren 2016 und 2017 vermeiden lassen.

„Damit ist der Punkt ‚Babyklappe‘ zum Schutz des Lebens, von unserer Wahlprogrammliste erfüllt“, sagt Fraktionsvorsitzender Christopher Kühn und ergänzt: „Der Versuch, eine Anschubfinanzierung über den Bürgerhaushalt zu erreichen, hatte keinen Erfolg. Deshalb ein herzliches Dankeschön an den Geschäftsführer Herrn Glaß und den Aufsichtsrat. Denn es ist eine freiwillige Leistung des Klinikums, eine Babyklappe als Ergänzung zur vertraulichen Geburt anzubieten. Ab sofort ist Jeder aufgerufen, die Babyklappe bekannt zu machen, um Betroffene in ausweglos erscheinenden Situationen zu erreichen.“

Vertrauliche Geburt? Bei ihr Geburt bringen Frauen ihr Kind medizinisch sicher bei einer Hebamme oder im Krankenhaus zur Welt, ohne ihre Identität zu offenbaren.

Im Rahmen der vertraulichen Geburt ist es nur erforderlich, dass AUSSCHLIESSLICH die Beraterin die Identität ihrer Klientin feststellt und in einem sogenannten „Herkunftsnachweis“ vermerkt. Er wird in einem versiegelten Umschlag an das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BaFzA) weitergeleitet und dort sicher verwahrt.
Er sichert das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft. Dieses Recht kann das Kind erstmals mit Vollendung des 16. Lebensjahres ausüben, d. h. den Herkunftsnachweis einsehen. Möchte die Mutter das nicht, kann sie entsprechende Einwände bei der Schwangerenberatungsstelle erklären.

Hier finden Sie den Brief aus der Babyklappe

Im Heinrich-Braun-Klinikum Zwickau gibt es seit einigen Tagen die lang ersehnte Babyklappe.