Keimzeits Kling Klang-Geheimnis

Norbert Leisegang und Kai Suttner vor dem Wasserschloss in Klaffenbach. Der Keimzeitsänger war am Sonntag in der Reihe „Hautnah“ zu erleben, sprach über sich und die Band. Motto: Intimes mit Abstand! Wegen der Corona-Regeln mussten die Zuschauer entsprechend weit auseinander sitzen. Foto: Dirk Tscherner

Norberts leiser Klang

Von Sven Günther
Chemnitz. Nein, für diesen Deal fehlte dem Schelm der letzte Mut! Nichts war es mit einer Tanz-Einlage in Ballett-Strumpfhosen des bewegungsuntalentierten Sängers Norbert Leisegang zu Keimzeits größtem Hit, den im Gegenzug der unmusikalische Moderator Kai Suttner hätte im Hof des Wasserschlosses Klaffenbach am regnerischen Sonntagabend singen sollen.
Kling-Klang, der Keimzeit-Ohrwurm war eines der Themen, die Leisegang und Suttner in der Gesprächsreihe „Hautnah“ launig besprachen. Leise Unterhaltung mit Tiefgang. Hintergründig. Hörenswert. Der Bandleader als sich selbst mit Gitarre begleitender Solist, der seine Geschichte und Band-Geschichten dem Publikum unaufgeregt nahebrachte.
Nichts, was eingefleischte Keimzeit-Enthusiasten nicht schon gehört oder gelesen hätten. Vieles, das durchschnittliche Fans überrascht die Brauen heben ließ. Leisegang sprach von den bandsponsorenden Eltern, die Geld für Instrumente, aber nicht für Verstärker gaben.
Er berichtete über Schwester Marion, die (wie die Brüder Hartmut und Roland) zur Ursprungsbesetzung der Band gehörte und sich einst weigerte, seine, Norberts, Lieder zu singen. Argument: „Das sind Texte eines Jungen. Ich bin ein Mädchen!“ Der Bruder sah es ein, griff selbst zum Mikrofon.
Die Zuhörer erfuhren im Regen, dass 1987 Auftrittsverbote aufgrund nachreisender Fans und der Joblosigkeit Leisegangs drohten. Was für den Musiker damals in Sachen Berufsausübung in Ordnung war, sieht er heute anders, plädiert für ein Musikstudium, das professionell arbeitende Künstler absolvieren müssten.
Kai Suttner, der auch Tourmanager der Puhdys war, entlockte dem Keimzeit-Frontmann ein Loblied auf den Film „Die Legende von Paul und Paula“ inklusive Puhdys-Hits („Geh zu ihr“, „Wenn ein Mensch lebt“).
Nach gut 30 Minuten Gespräch griff Leisegang erstmals zur Gitarre, spielte „Irrenhaus“ und „Der fliegende Teppich“ von der neuen CD „Das Schloss“. Ein Titel, der ohne Duett-Partner Martin Weigel (verließ Keimzeit Ende 2019) an Klarheit verliert, musikalisch aber reizvoll bleibt.
Musikalisch reizvoll. Eine Beschreibung die Norbert Leisegang für den größten Keimzeit-Hit „Kling Klang“ nie verwenden würde. Im Gegenteil. Die Band sperrte sich samt Frontmann 1983 den Song mit auf die Platte „Bunte Scherben“ zu nehmen, die im Studio der City-Protagonisten Fritz Puppel und Toni Krahl produziert wurde.
Leisegang. „Der Titel klang uns zu schlageresk, zu kommerziell und wir spielten ihn ohne Begeisterung ein. Es war erstaunlich, dass Produzent Ralf Bostelmann-Böhme ihn uns so abnahm. Wir ahnten ja nicht, was er vorhatte. Als wir Kling Klang dann abgemischt das erste Mal hörten, waren wir entsetzt, weil es sich anhörte, als wenn ihn eine andere Band spielte. SO wollten wir ihn in keinem Fall auf einer Keimzeitplatte haben!!“
Es gab einen Kompromiss! Die Band produzierte im Berliner Vielklangstudium mit David Young (Element of Crime) eine zweite Variante, die ebenfalls auf der Scheibe zu hören ist – aber nur dort! Sie setzte sich niemals durch, während Bostelmann-Böhmes Kling Klang DER Keimzeit-Hit schlechthin wurde und die Popularität der Band verantwortet.
Selbst ein Ballett zu den Titeln gibt es, das in Gera von Silvana Schröder hinreißend inszeniert wurde und bei dem die Band live auf der Bühne steht.
Musizierend, nicht tanzend! So gab es auch keine Choreografie, als Norbert Leisegang am Ende „Singapur“ und „Seeigel“ spielte, die Zuschauer mit einem letzten leisen Kling Klang in den späten Abend verabschiedete…

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