Klinikchef Koch: Corona-Kritiker verstehe ich nicht!

Marcel Koch ist seit 1. Januar Geschäftsführer der Krankenhaus-Gesundheitsholding Erzgebirge. Im WochenENDspiegel spricht er über Fachkräfte, Krankenhaus-Strukturen, Corona und die Bertelsmann-Studie, nach der 600 Kliniken in Deutschland genügen würden. Foto: privat

Der Gesundheits-Manager

Von Sven Günther
Erzgebirge.Vier Kliniken (Stollberg, Annaberg, Zschopau, Olbenhau), 1000 Betten, mehr als 280 Ärzte, 900 Pflege-Mitarbeiter. Dazu drei Medizinische Versorungszentren, die Sozialbetriebe Mittleres Erzgebirge, das Kur- und Gesundheitszentrum Warmbad Wolkenstein,l die ADG Annaberger Dienstleistungsgesellschaft mbH und die Krankenhausservicegesellschaft Stollberg mbH – Die Krankenhaus-Gesundheitsholding Erzgebirge ist einer der größten Arbeitgeber der Region. Seit dem 1. Januar führt Marcel Koch die Geschäfte.
Aufgrund seiner letzten beruflichen Tätigkeit als Chef der HELIOS-KLINIK in Aue ist er mit der Region bestens vertraut. Zuvor war Koch u. a. Leiter der Helios-Klinik Rottweil sowie als stellvertretender Krankenhausdirektor am Klinikum Haldensleben und mehrere Jahre als Betriebsleiter der Krankenhäuser in Freudenstadt tätig gewesen.

Dem WochenENDspiegel gab er folgendes Interview

Seit dem 1. Januar stehen Sie an der Spitze der Krankenhausgesellschaft des Erzgebirgskreises. In welcher Verfassung haben Sie die Kliniken vorgefunden?

Alle Kliniken sind infrastrukturell sehr gut aufgestellt und verfügen über eine gute Ausstattung. Die Mitarbeiter aller Häuser habe ich als sehr motiviert und fachlich kompetent kennengelernt. Aufgrund der Historie der verschiedenen Standorte in drei ehemaligen Landkreisen ist weiterhin zu erkennen, dass die Häuser organisatorisch unterschiedlich aufgebaut und die Verantwortlichkeiten dementsprechend teils unterschiedlich geregelt sind.

Welche Aufgaben stehen für Sie jetzt an erster Stelle, bis wann sollen sie erledigt sein?

Entsprechend meiner bisherigen Einblicke steht für mich die Vereinheitlichung der Organisationsform und der Verwaltung an erster Stelle. Bis Mitte des Jahres werde ich dies in enger Zusammenarbeit mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der verschiedenen Abteilungen und Häuser vorantreiben und die wichtigsten Schritte auf den Weg bringen, sodass wir zum Zeitpunkt der Fusion der Gesellschaft gut aufgestellt sind.

Kann das seit März gültige Fachkräftezuwanderungsgesetz die personelle Situation an den Kliniken verbessern? Wie viele Ärzte bzw. Pflegekräfte aus dem Ausland gibt es an den Kliniken schon jetzt und woher kommen sie?

Das neue Gesetz kann eine Chance und eine zusätzliche Möglichkeit sein, um dem anhaltenden Fachkräftemangel im Gesundheitsbereich zu begegnen. Allerdings liegt es auch in unserer Verantwortung, qualifiziertes medizinisches Personal neu auszubilden und zu befähigen.
In den Kliniken Annaberg sowie Zschopau und Olbernhau liegt der Anteil von aus dem Ausland stammenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im ärztlichen Dienst bei jeweils etwas über einem Drittel.
Im Pflegedienst liegt der Anteil hier deutlich niedriger bei jeweils unter einem Prozent aller Pflegekräfte. In Stollberg gibt es keine ausländischen Beschäftigten im Pflegedienst, bei den Ärztinnen und Ärzten stammt etwa die Hälfte der Beschäftigten aus dem Ausland.

Laut einer Bertelsmann-Studie sollte die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland von 1400 auf 600 reduziert werden, was zu einer Verbesserung der Versorgung führen würde. Was halten Sie von diesen Ergebnissen?

Ich schätze es als unrealistisch ein, mit 600 Krankenhausstandorten eine flächendeckende Versorgung in Deutschland zu gewährleisten. Wenn man die vorhandenen Kliniken als Verbünde in etwa 600 Zentren zusammenschließen würde, wäre dies eher denkbar.
In diesen Zentren könnten medizinische Leistungen gebündelt und abgestimmt werden. Dies kann zu einer Verbesserung der medizinischen Qualität beitragen. Aber allein die Schließung von Krankenhäusern führt nicht zu einer Verbesserung der Versorgungsqualität.

Eine Frage zur aktuellen Situation. Wie schätzen Sie Leistungen zur Bewältigung der Krise in den Krankenhäusern ein?

Von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aller Kliniken wird in dieser schwierigen Zeit Herausragendes geleistet. Sie gehen sowohl an ihre physischen als auch psychischen Belastungsgrenzen, um die Krise zu bewältigen. Die tagtägliche Belastung der Pflegekräfte und Ärzte ist enorm hoch, da es sich bei COVID-19 um ein zunächst unbekanntes und nach wie vor nicht vollständig erforschtes Krankheitsbild handelt, welches eine hohe Zahl von Todesfällen verursacht. Zudem steigt durch die hohe Erkrankungsrate beim Personal die Arbeitslast für die verbleibenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusätzlich. Hinzu kommt die erhöhte Aufmerksamkeit und oft kritische Betrachtung von außen, die leider immer wieder mit teils unqualifizierten Äußerungen einhergeht.

Insgesamt zeigt das Krankenhauspersonal eine herausragende Einsatzbereitschaft. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen füreinander ein und die Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen – der Ärzteschaft und des Pflegepersonals – hat sich erheblich verbessert. Die Motivation der Belegschaft ist weiterhin hoch, aber natürlich sind alle froh, wenn die pandemische Lage sich wieder beruhigt.

Sie haben in privaten Kliniken in verantwortlicher Position gearbeitet, übernehmen jetzt Verantwortung in einer staatlichen Krankenhausgesellschaft. Wo liegen die Unterschiede?

Ich habe in der Vergangenheit alle Trägerformen kennengelernt und war in Krankenhäusern mit privater, konfessioneller und kommunaler Trägerschaft tätig. Die Unterschiede bei den kommunalen Häusern liegen hauptsächlich im Unternehmensziel und in der Ausrichtung sowie in der Aufsichtsratsstruktur.
Das zentrale Unternehmensziel in meiner neuen Position ist ganz klar darauf ausgerichtet, ein nachhaltiges Konzept für die bestmögliche medizinische Versorgung der gesamten Bevölkerung im Erzgebirgskreis zu entwickeln und umzusetzen. Dabei spielt natürlich auch der Aspekt der Wirtschaftlichkeit eine Rolle, ausschlaggebendes Kriterium ist jedoch die medizinische Qualität und die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung für alle Bürgerinnen und Bürger.

Verstehen Sie auch Kritiker? Sie argumentieren: Von zwei Millionen Infizierten müssen zehn Prozent klinisch behandelt werden. 200.000 Patienten bei 83 Millionen Einwohnern sind 0,24 Prozent! Und sie fragen: Aus welchen Gründen bringen 0,24 Prozent unser Gesundheitssystem an die Belastbarkeitsgrenze?

Nein, ich kann diese Kritiker nicht verstehen, da die aktuelle Situation dramatisch ist – was bereits vielfach aufgezeigt wurde. Die Zahl der klinisch zu behandelnden Fälle liegt nur deshalb in diesem gerade noch handhabbaren Bereich, weil von der Bundes- und den Landesregierungen frühzeitig harte Maßnahmen ergriffen wurden. Es handelt sich hier um eine außergewöhnliche Belastung für das Gesundheitssystem, weil es zu einem gebündelten Auftreten desselben Krankheitsbildes kommt, welches im Falle von COVID-19 mit einem hohen Isolierungsaufwand und einer langen Liegedauer in den Krankenhäusern einhergeht.
Man darf dabei nicht vergessen, dass ein isolierter, beatmeter Covid19-Patient auf der Intensivstation einen mindestens 5-fach höheren Arbeits- und Zeitaufwand bedeutet, als ein nicht-isolierter Patient auf Normalstation. Selbst auf den Isolierstationen mit nichtbeatmeten Patienten ist die Arbeitslast immer noch mindestens doppelt so hoch.
Zudem ist die Erkrankungsrate beim medizinischen Personal hoch, was die Situation zusätzlich erschwert. Üblicherweise verteilt sich eine Ausfallquote von etwa 20 bis 25 Prozent beim medizinischen Personal über ein gesamtes Jahr. Zum Vergleich: Im letzten Herbst lag der Personalausfall bei durchschnittlich 30 bis 35 Prozent auf einmal.

Jobs in Deiner Region

Facebook