Landrat Vogel: Mut haben und Gegenwind aushalten

 

Frank Vogel. Nach 14 Jahren endet mit den Neuwahlen am 12. Juni sein Amt als Landrat des Erzgebirgskreises. Foto: STUDIO2 MEDIA.

ERZ-Landrat Vogel fordert Altersgrenze für staatliche Führungskräfte

Erzgebirge. Im eigentlichen Wortsinn ist er ein Tausendsassa. Erzgebirgs-Landrat Frank Vogel. Unzählige Veranstaltungen hat er besucht, unendliche viele Hände geschüttelt, tausende Entscheidungen getroffen. Jetzt hört er auf, kann aus Altersgründen nicht mehr gewählt werden. Dem Magazin PREMISSIMA gab er ein Interview, das auch der WochenENDspiegel veröffentlicht.

Am 12. Juni 2022 wird der neue Landrat des Erzgebirgskreises gewählt. Für Sie beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Was hat Sie in Ihrer Amtszeit am meisten gefreut und was am meisten geärgert?

Mit Eintritt in den Ruhestand am 1. August 2022 enden für mich zugleich 32 Jahre Kommunalpolitik in verantwortlicher Position. Dabei waren die letzten 14 Jahre, in denen ich das Amt des Landrates im Erzgebirgskreis begleiten durfte, zweifelsohne die spannendste und mitunter auch aufregendste Zeit. Es gibt vieles, woran ich mich gerne erinnere. Hervorzuheben ist da für mich beispielsweise die große Geschlossenheit, mit der der Kreistag, den ich kraft Gesetzes als Vorsitzender leiten durfte, von Anfang an handelte. Keine regionalen Eifersüchteleien, keine Neiddiskussionen, immer den gesamten Erzgebirgskreis im Blick. Damit legten die Damen und Herren Kreisräte der ersten Wahlperiode den Grundstein für das schnelle Zusammenwachsen der vier Altlandkreise. Wir schufen damit Rahmenbedingungen für eine gute wirtschaftliche Entwicklung unserer Region.

Die zum 1. Januar 2012 vollzogene Fusion der drei „Altsparkassen” zur Erzgebirgssparkasse war ein ebensolcher Meilenstein. Damit entstand nicht nur die viertgrößte Sparkasse Ostdeutschlands, sondern vor allem ein leistungsfähiger Finanzpartner für Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen gleichermaßen. Dieser Prozess hatte auch Schließungen von Filialen zur Folge. Das ­konnten die ­Kunden zurecht misslich finden, jedoch stand dabei stets der Erhalt der Leistungsfähigkeit unserer Sparkasse insgesamt im Vordergrund. Das ganze Sparkassen- beziehungsweise Bankenwesen in Deutschland muss sich den Herausforderungen dieser Zeit stellen. Hier wirken letztlich Mechanismen auf den Finanzmärkten, die wir nicht zu entscheiden haben, denen wir aber ausgesetzt sind.

Zu nennen ist weiterhin die im vergangenen Jahr getroffene Entscheidung zur Fusion unserer vier sich in Landkreisträgerschaft befindlichen Krankenhäuser Annaberg, Stollberg, Zschopau und Olbernhau zum Erzgebirgsklinikum. Damit entstand ein großes kommunales Klinikum mit über 2.200 hochqualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und 1.000 stationären Betten, das als Dienstleister für die Gesundheit der Erzgebirgerinnen und Erzgebirger und Aufrechterhaltung unserer Lebensqualität fungiert. Auch das ist eine zukunftsorientierte Entscheidung für den Erhalt des Gesundheitswesens im ländlichen Raum und macht dieses attraktiv für benötigte Fachkräfte. Viele Kreisstraßenbauprojekte, erhebliche Investitionen in den in unserer Trägerschaft befindlichen Berufs- und Förderschulen und Gymnasien einschließlich der dazu gehörenden Sporthallen und Freiluftanlagen, der Bau des Erzgebirgsstadions aus Eigenmitteln – wir sind der einzige Landkreis deutschlandweit, der Investor und Eigentümer einer solchen Immobilie ist – runden den Gesamtblick ab. Insgesamt kommt da schon ein dreistelliger Millionenbetrag zusammen. Die Aufzählung ließe sich sicherlich noch fortsetzen.

Welche Entscheidung würden Sie heute nicht mehr oder anders treffen?

Alle Entscheidungen traf ich immer auf den zum jeweiligen Zeitpunkt bekannten Fakten, unter Beachtung und Abwägung der Rahmenbedingungen und nach gründlicher Überlegung. Dabei gingen diesen Entscheidungen durchaus auch Gespräche und Diskussionen im politischen Raum voraus. Lebendige Kommunalpolitik heißt, offen zu sein für Kompromisse, den eigenen Blickwinkel schärfen beziehungsweise auch ändern, wenn sich bessere Alternativen anbieten. Insofern ist es in meinen Augen müßig, heute darüber nachzudenken, welche Entscheidung hätte anders getroffen werden können. Wichtig war und ist mir immer, dass Entscheidungen getroffen weden. Keine Entscheidung zu treffen, ist oftmals ein noch viel größerer Fehler und bedeutet Stillstand.

Aus welchen Gründen folgten Sie nie den Einladungen, sich an den Kabinettstisch zu setzen?

Kommunalpolitik finde ich spannender. Als direkt gewählter Landrat, wie das in Sachsen der Fall ist, hat man unmittelbaren Kontakt zur Bürgerschaft und vor allem auch zu den Unternehmen. Das eröffnet einem unterschiedlichste Sichtweisen, stellt einen vor verschiedenartige Herausforderungen, erfordert Entscheidungsfreude und Mut und zieht so auch ein hohes Maß an Verantwortung nach sich. Oft bekommt man ein direktes Feedback aus der Bürgerschaft, wird direkt angesprochen, muss Rede und Antwort stehen. Wegducken geht nicht. Das macht Kommunalpolitik abwechslungsreich, interessant und einzigartig.

Konzentrieren Sie sich auf Ihren Ruhestand oder reizt Sie eine Aufgabe in der Landespolitik?

Nein. Für mich ist es seit langem klar, dass ich mich mit meinem Ausscheiden aus dem Amt auch aus der aktiven Politik, gleich ob auf kommunaler oder Landesebene, zurückziehe. Es gibt quasi auch ein Leben nach der Politik.

Finden Sie es in Ordnung, dass es ein „Rentenalter” für Bürgermeister und Landräte gibt?

Ja, denn alles hat seine Zeit. Jetzt sind Jüngere gefordert, ihre Ideen zur weiteren Gestaltung unserer Heimatregion zu entwickeln und dafür Verantwortung zu übernehmen. Unklar bleibt mir allerdings, warum eine Regelaltersgrenze nur auf kommunaler Ebene gilt und nicht auch bei staatlichen Führungspositionen. Für derartige Funktionen kann es eigentlich nur eine Altersgrenze geben. Alles andere ist nicht nachvollziehbar, geht am Zeitgeist vorbei und führt ein Stück weit zu Unverständnis.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger in schweren Zeiten mit auf den Weg?

Mit der Übernahme dieses Amtes tritt man heraus aus der schützenden Gruppe politischer Weggefährten und steht gerade in „stürmischen Zeiten” oftmals ziemlich allein da. Da heißt es Mut zu haben und standhaft zu bleiben, auch wenn einem der Gegenwind einmal kräftiger ins Gesicht bläst.
Nicht zu verhehlen ist in diesem Zusammenhang, dass Amtsträger heute auch persönlichen Anfeindungen gegenüberstehen. Das ist eine Entwicklung, die ich mit Sorge betrachte. Hier muss mit allen rechtsstaatlichen Mitteln gegengesteuert werden, um Menschen, die in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen ­wollen, wirksam zu schützen. Bundes- und Landespolitik müssen hierzu noch mehr tun.

Sicher wird Ihr Ruhestand ein Unruhestand. Verraten Sie uns Ihre Zukunftspläne?

Große Zukunftspläne habe ich nicht. Ich lasse mich überraschen, was die Zeit an anderen Herausforderungen so mit sich bringt. Langweilig wird mir aber bestimmt nicht. Es gibt zum Beispiel viele schöne Ecken in unserem Erzgebirge, die ich mir in Ruhe noch einmal anschauen möchte. Unter anderem interessieren mich die Tausender des Erzgebirges. Auch bringe ich mich gerne noch in einigen Vereinen und Verbänden ein. Und im Winter hoffe ich auf Schnee, um dann auch mit Skiern wieder einmal unterwegs sein zu können.

Es fragten Sven Günther und Uwe Tippner

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