Lebensrettendes Fingerspitzengefühl

Christine Kanetzki ist eine von rund 50 blinden Frauen und Männern von „Discovering Hands“, die in Deutschland Brustkrebs ertasten – um ein vielfaches genauer, als es die Mammografie kann. Viele Krankenkassen erkennen die Untersuchung an und übernehmen die Kosten. Bald untersucht sie Patientinnen im MVZ der Paracelsus-Klinik Reichenbach. Fotos: discovering hands/privat

Blinde Frau ertastet Brustkrebs

Von Sven Günther
Region. Ihre Hände sind empfindlicher als jeder Sensor, ihr Fingerspitzengefühl rettet Leben. Christine Kanetzki (44) ist seit 15 Jahren blind, hatte Bürokauffrau gelernt, nach ihren drei Kindern (heute 21, 19 und 18 Jahre alt) bekam sie aber keinen Job mehr. Sie erinnert sich: „Damals hörte ich von der Organisation ‚Discovering Hands‘, die Blinde für die Krebsvorsorge ausbilden. Der Fachbegriff heißt Taktilographie. Ich war begeistert, bestand einen schwierigen Aufnahmetest und absolvierte eine neun Monate dauernde Qualifizierung.“
Seit 2014 tastet sie Auffälligkeiten, wird ab Februar immer mittwochs von 9 bis 16 Uhr auch im MVZ der Paracelsus-Klinik Reichenbach im Team von Frauenärztin Dr. Annett Feist mitarbeiten. Christine Kanetzki: „Dazu bin ich montags bei Frau Dr. Guth in Plauen, dienstags und donnerstag in Zwickau bei Frau Dr. Wißen in den Praxen, untersuche dort Patienten.“

Bezahlt wird sie von „Discovering Hands“, bekommt etwas mehr als den Mindestlohn – und rettet fast täglich Leben. Die Medizinisch-Taktile Untersucherin sagt leise: „Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht erfühle. Daran sieht man, wie wichtig die Vorsorge ist.“ 30 bis 50 Minutern dauert die Tastuntersuchung in drei Tiefenschichten der Brust.

Eine Vorsorge, die genauer ist als die Mammografie. „Ich spüre Veränderungen, wenn Sie nur fünf Millimeter groß sind. Die Mammografie ’sieht‘ sie erst ab etwa einem Zentimeter“, erklärt die Frau, die mit ihrem blinden Mann auf einem Bauernhof lebt, sechs Kühe, einen Bullen, vier Schafe und Hasen versorgt. Sie ergänzt: „Zum Glück erkennen inzwischen viele Krankenkassen unsere Leistung an, erstatten die Kosten von maximal 58 Euro.“

Christine Kanetzki

Im MVZ Reichenbach freut man sich auf die Unterstützung. „Wir haben mit Christine Kanetzki ein wirkungsvolles und nebenwirkungsfreies zusätzliches Diagnoseverfahren. Ich sehe in dieser Methode eine hilfreiche und sensible Ergänzung zu der üblichen Tastuntersuchung. Die Taktilographie stellt keinen Ersatz für das Mammographie-Screening oder die Sonographie der Brustdrüse dar, wird aber gerade von Patientinnen mit ‚Apparateangst‘ gern angenommen. Bei einem abklärungsbedürftigen Tastbefund stellt sich die Patientin immer zuerst bei ihrem behandelnden Frauenarzt vor“ erklärt Dr. Annett Feist.

Jede siebte Frau erhält im Laufe ihres Lebens eine Brustkrebsdiagnose. Das Mammakarzinom ist die häufigste Krebsart bei Frauen. Die gute Nachricht: Brustkrebs ist heilbar, wenn er frühzeitig erkannt wird. Denn nicht der Tumor in der Brust ist lebensbedrohlich, sondern seine Metastasen, wenn er bereits in den Körper gestreut hat.

Das MVZ der Paracelsus-Klinik Reichenbach bietet ab Februar jeder interessierten Frau mit der Taktilographie eine neue Untersuchungsmethode zur Brustkrebsfrüherkennung an. Termine für die Sprechstunde (Mittwoch von 9.00 – 15.00 Uhr) können ab sofort unter der Telefonnummer 03765 54-2401 individuell vereinbart werden.

Christine Kanetzki ist eine von rund 50 blinden Frauen und Männern von „Discovering Hands“, die in Deutschland Brustkrebs ertasten – um ein vielfaches genauer, als es die Mammografie kann. Viele Krankenkassen erkennen die Untersuchung an und übernehmen die Kosten. Bald untersucht sie Patientinnen im MVZ der Paracelsus-Klinik Reichenbach. Fotos: discovering hands/privat

INFO Taktilographie:
94 Prozent der Patientinnen würden die Taktilographie erneut wahrnehmen, 99 Prozent weiterempfehlen. (Quelle: dicovering hands)
Die Taktilographie als zusätzliche Diagnosemethode ist in jedem Alter sinnvoll: Für Frauen ab 50 bietet sie in Kombination mit dem Mammographie-Screening und der jährlichen Untersuchung durch den Gynäkologen eine optimale Früherkennung. Jüngeren Frauen bietet sie umso mehr Sicherheit.

Eine Studie des Brustforschungszentrum der Universität Erlangen ergab, dass die Patientinnen äußerst zufrieden mit der MTU-Untersuchung sind. Sie schätzen die Ausführlichkeit und die Zuwendung der MTUs sehr. Eine wichtige Rolle spielt auch die psychologische Betreuung der Patientinnen.
Das Unternehmen discovering hands (www.discovering-hands.de) hat dieses Tätigkeitsfeld entwickelt und durch wissenschaftliche Studien die Wirksamkeit der Taktilographie bestätigen lassen. Bereits 29 gesetzliche und alle privaten Krankenkassen übernehmen die Kosten. Anderweitig versicherte Frauen können sie als IGeL-Leistung wahrnehmen.

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