Lehrer Biedenkopf und die Chefs

Kurt Biedenkopf mit Jürgen Huß. Foto: Sven Günther

Biedenkopf: Sachverstand regnet es nicht!

Von Sven Günther
Neudorf. Sie saßen dicht zusammen, hörten aufmerksam zu, als der prominente Gast in der „Leffelstub“ seine Sicht auf die Dinge erläuterte. Kurt Biedenkopf. Sachsens Ministerpräsident von 1990 bis 2002. CDU-Urgestein. Mit seinen 88 Jahren noch immer rege und vital. Noch immer ein Querdenker. Am Samstag war er auf Einladung von Jürgen Huß (Maschinenbau, Räucherkerzenherstellung) im Erzgebirge, hatte Ehefrau Ingrid an seiner Seite.
Eine Einladung, die nicht unkompliziert war. Huß musste Biedenkopf schon früh am Morgen in Torgau vom Tag der Sachsen abholen, organisierte 15 Uhr die Rückreise per Taxi.
Dafür gab es rund 90 Minuten Gedankenaustausch zwischen Politiker und Unternehmern. Biedenkopf: „Wenn mich jemand nach meinem Beruf fragt, sage ich: Lehrer. Der Grund: Ich erkläre den Leuten gern Zusammenhänge.“

90 Minuten drängten sich die erzgebirgischen Unternehmer und Lokalpolitiker um den ehemaligen Ministerpräsidenten Sachsens, sagten ihm, welche Probleme es gibt. Überalterung der Gesellschaft, überbordende Bürokratie, Nachfolge-Problematik in kleinen Firmen.
Mit am Tisch: Jürgen Huß, Geschäftsführer Huß Maschinenbau und Huß Räucherkerzen-Produktion, Ralf Viehweg (Geschäftsführer Spielwaren Viehweg), Bürgermeister Andreas Schmiedel, Dieter Flade (stellv. Bürgermeister), Pfarrer Sebastian Mann, Andrè Schmiedel (Chef der Drechslerei Schmiedel Neudorf), der ehemalige Bürgermeister Udo Ott, Joachim Reuther (Werkleiter Handtmann Frohnau), Marco Tausch (Chef Automatendrechslerei Crottendorf) und Andreas Heidler (Chef Spanndecken Cranzahl).

Ungemütliche Fragen in gemütlicher Runde. Kurt Biedenkopf zu Gast im Erzgebirge. Foto: Sven Günther

 

Einschätzungen der Chefs

Die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft wurde angeprangert. Die einen (Arbeiter) schuften für geringen Lohn, die anderen (z.B: Showstars) scheffelten das Geld.
Die Menschen würden im Prinzip hier bleiben, wenn die Rahmenbedingungen (Geld, Kitaplätze, Sicherheit) stimmen und sie sich hier eine Existenz aufbauen könnten.
Die Politik ändert nichts, weil sie dann eigene Besitzstände aufgeben würde.

Immer wieder wurde der fehlende Sachverstand aufseiten der Politiker bemängelt, die Gesetze erließen, deren bürokratische Auswirkungen sie nicht überblicken würden. Beispiel: Die neue Datenschutzverordnung, die für kleine Firmen nicht zu händeln sei. Beispiel Energiewende, die energieintensive Branchen schädigen würde.
Biedenkopf: „Sachverstand regnet es nicht! Ich kann Ihnen nur empfehlen, die Politiker des Wahlkreises einzuladen, mit ihnen zu sprechen und zu fragen, was konkret sie für die Unternehmen tun können.“
Der CDU-Querdenker scheut sich auch vor einer Debatte mit der AfD nicht. Im Gegenteil. Biedenkopf: „Das sind hochbegabte Demagogen, die man nur mit Fakten entlarven kann. Wer sie verteufelt, macht sie stark. Deshalb ist es Schwachsinn, nach einer Verfassungsschutzkontrolle zu rufen.“

Biedenkopfs Gedanken

Zum Thema Familie:
Es ist ein dramatischer Fehler, dass man nicht erkennt, dass man in Familien investieren muss.“
Konkret auf einen Hinweis von Ralf Viehweg, die Mehrwertsteuer auf Babyartikel auf sieben Prozent (wie für Tiernahrung) zu senken: „Diese Idee werde ich Michael Kretschmer mitteilen.“

Zum Thema Politik
„Abgeordnete haben in großem Umfang keine Informationen, weil die Führung sie nicht einfordert. Deshalb ist es wichtig, die Abgeordneten einzuladen und nicht nur die Sorgen vorzutragen, sondern auch darüber zu diskutieren, wie man sie überwinden kann. Dann muss die Partei entscheiden und die ist in diesen Zusammenhängen nicht sehr intelligent und in ihrem Denken sehr kurzfristig. Das liegt an den vier Jahren einer Legislaturperiode.
Laden Sie an einen Tisch wie hier einen CDU-, einen FDP- und einen SPD-Mann ein und fragen Sie sie, was sie als Abgeordnete im Parlament bewegen können. Wenn von denen dann keiner etwas sagt, was dem Unternehmer hilft, kann man sie nicht wählen.“

Zum Thema Erderwärmung:
„Das größte Problem ist die Erwärmung der Erde. Und die Erwärmung der Erde können wir nicht kontrollieren. Die Vorstellung, wir seien in der Lage, die Temperaturen global durch Maßnahmen der Menschen zu beeinflussen, ist schlichter Unfug.“

Zu Sachsen:
„Wir müssen die Bevölkerung in Sachsen ermutigen, dass, was in Sachsen geschieht, nicht zu akzeptieren. Sondern es als ihre Aufgabe zu sehen, dass das wieder anderes wird. Wenn die Menschen in Sachsen nicht verstehen, dass sie die Macht haben, wieder den richtigen Weg einzuschlagen, und dafür Anstrengungen leisten, dann wird es schwierig.
Ich habe vor zehn oder zwölf Jahren gesagt, Sachsen seien immun gegen Rechtsradikalismus. Dabei bleibe ich. Die Sachsen habe einen erstaunlich vernünftigen Sinn. Eine Art und Weise realistisch mit dem Leben umzugehen, die ich erstaunlich finde.“

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