Lehrerverbeamtung: Wie einst der Haubitz wollte…

Unruhe-Minister Haubitz und die Lehrerverbeamtung…

Von Sven Günther

Er war wie ein böser Geist zwischen die Politiker gefahren. Schuldirektor Haubitz forderte, aus dem Nichts und ohne eingetrichterte Partei-Disziplin zu Sachsens Kultusminister befördert, die Lehrer im Freistaat zu verbeamten. Das war am 15. November 2017.

Ein Erdbeben im Regierungsviertel. Man fühle sich hintergangen, der Schritt sei nicht finanzierbar, Verhärtete Fronten zwischen Finanz- und Bildungsminister, Rücktrittsforderungen wurden laut. Der damals noch designierte Regierungschef Kretschmer sprach von suboptimalem Vorgehen, Aufregung hier, Empörung dort…

Dazu ein Kommentar des WochenENDspiegel vom 18. Dezember

Der Geist, den sie riefen…
Von Sven Günther
Da haben sich die alten Hexenmeister der sächsischen Politik ein für sie gefährliches Früchtchen ins Haus geholt. Kaum hatten sie dem Schuldirektor Haubitz ministeriale Macht in die Hand gegeben, dreht der doch tatsächlich das walle walle Wasser der Verbeamtung von Lehrern auf.
Rauschender Applaus auf den Schulkorridoren im Freistaat, Heulen und Zähneklappern bei christlich demokratischen Politikern: „Wie kann der Kerl es bloß wagen…“ – „Hat doch gar keine Ahnung von Politik…“ – „Ungeheuerlich!“ – „Was erlauben Haubitz!?“
So schimpfen sie, die neuen Kollegen des kecken Kultusministers und wünschen ihn sich schnellst möglich in die Reihen der Direktoren zurück. Weg soll er bleiben von den Debattierzirkeln und Verhandlungstischen, dieser Haubitz. Dieser Praktiker, der mit seinem Hang zum Pragmatismus komplex scheinendes Politikerdenken konterkariert. „O du Ausgeburt der Hölle! Soll das ganze Haus ersaufen? Seh ich über jede Schwelle doch schon Wasserströme laufen…“
Man wünschte sich, es würde in nachgoethischen Zeiten kein allmächtiger Hexenmeister kommen, der die von Haubitz ausgelösten Schwälle bremse. Statt dessen müsste das entsetzliche Gewässer der Verbeamtung das ganze antiquierte Föderalismusdenken aus dem Haus fluten und dafür sorgen, dass die Politiker begreifen, dass Bildung ein staatstragendes Gut ist. STAATStragend! Nicht LÄNDERtragend!
Es ist Irrsinn, wenn sich Hessen und Bayern und Sachsen und Berliner etc. Pädagogen abluchsen. Es ist falsch, wenn es unterschiedliche Lehrpläne gibt. Es ist nicht hinzunehmen, wenn im reichen Deutschland, das seinen ganzen Reichtum einzig und allein gebildeten und fleißigen Menschen verdankt, im Zusammenhang mit Bildung das Wort „Finanzierbarkeit“ fällt.
Nein, wir müssen uns ein exzellentes Niveau schon in Kitas, an Schulen und Universitäten etwas kosten lassen. Ich hoffe, dass der gerufene Unruhegeist Haubitz die Politiker nie mehr loslässt und dazu beiträgt, dass unser Bildungssystem gründlich von Schwachstellen gereinigt wird. Koste es, was es wolle.

Schließlich gab Frank Haubitz auf, trat wieder zurück ins Glied der gesichtslosen Schuldirektoren. Dazu ein Kommentar des WochenENDspiegel vom 2. Januar

Die neue frohe Botschaft
Von Sven Günther
Sicher, es sollte ein Gag sein. Ein Späßchen des Bundesaußenministers Sigmar Gabriel während eines Truppenbesuches vor Soldaten in Masar-i-Scharif, Afghanisten. Auflockern sollte der Satz die Stimmung. Aufhorchen ließ er aber die Schar der Politikverdrossenen…
„Die größte Gefahr für einen Politiker ist, wenn die Leute merken, es läuft alles ohne uns. Das ist eine wirkliche Gefahr. In Belgien ging es zwei Jahre lang total gut ohne Regierung“, sprach der dünner gewordene SPD-Politiker ins Mikrofon – und hat vielleicht kurz vor Weihnachten eine neue frohe Botschaft verkündet?
Gabriels Satz heißt: Welche Problemsau Politiker in Berlin auch immer durchs Dorf treiben, darüber mit sorgenfaltigen Gesichtern klagen, uns glauben machen wollend, das Ende der Welt – mindestens aber das von Deutschland – stehe unmittelbar bevor: Es ist nicht wirklich wichtig! Der Bäcker um die Ecke wird deshalb nicht schließen.
Bleibt man bei dieser Sichtweise, ich räume ein, sie trägt fatalistische Züge, erklärt sich einiges.
Zum Beispiel die Bürokratie, die Probleme und Ärger verursacht. Zwei fünf Kilo schwere Aktenordner für einen Straßen-Fördermittelantrag (siehe rechs)… Jetzt kann Sachsens neuer Herrscher Kretschmer hingehen und dafür sorgen, dass dieses Prozedere vereinfacht wird. Würde er dies schaffen, würde er tatsächlich den irrsinnigen Beamten-Genehmigungs-Prüf-Begutachtungs-Apparat schlank machen – er müsste einen Orden bekommen und alle hätten vergessen, dass es die Politiker selbst waren, die diesen ganzen Apparat erst aufgebaut haben und ihn wuchern ließen.
Selbst ein Problem schaffen, um es dann zu lösen. Ein beliebter Politiker-Kniff, aktuell zu sehen am unsäglichen Lehrermangel in Sachsen. Der wurde ohne jeden Zweifel von der sächsischen Staatsregierung verursacht, weil man Geburtenraten und Altersstruktur der Pädagogen nicht in Zusammenhang bringen konnte.
Es wird nicht lange dauern, bis sich die Staatsregierung als glänzender Löser dieses Problems präsentieren wird. Ein Auftritt, der von den Politikern zelebriert werden wird. Da will man sich die Show nicht von einem parteilosen Schuldirektor stehlen lassen…In diesem Punkt verstehen die Politiker keinen Spaß.

Und die Moral von der Geschicht?
Sachsens neuer Kultusminister Christian Piwarz bei der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Chemnitz
Zitat: „Um all die genannten Ziele umzusetzen, brauchen wir jedoch ausreichend gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer. Dafür ist das Handlungsprogramm der Staatsregierung und damit die Entscheidung für die Verbeamtung von Lehrern essentiell. Nur so können wir im bundesweiten Wettbewerb um ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer wieder mitmischen. Und dann kann es auch gelingen, das Niveau unseres  erfolgreichen,  anerkannten  sächsischen Bildungssystems halten zu können und gleichzeitig an neue Anforderungen anzupassen.“

Gratulation Herr Haubitz…

 

2 Antworten auf Lehrerverbeamtung: Wie einst der Haubitz wollte…

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