“Mit den Menschen auf emotionaler Achterbahn” – Interview mit Trauerredner Carsten Riedel

Carsten Riedel ist seit 2013 als Trauerredner tätig. Foto: Privat

Anlässlich zum Tag des Friedhofes am 15 Juni 2019 auf dem Hauptfriedhof in Zwickau sprach WochenENDspiegel-Redakteurin Judith Hauße mit Carsten Riedel. Er ist seit 2013 als Redner international auf Trauerfeiern unterwegs. Im Interview verrät er, wie er dazu kam, welche Herausforderungen der Job mit sich bringt und vieles mehr.

Judith Hauße: Für viele Menschen ist Trauer ein Tabu-Thema. Was hat dich daher dazu bewogen, Trauerredner zu werden?
Carsten Riedel: Die Gründe dafür waren persönliche Erlebnisse. Denn ich selbst bin bereits in Kreisen meiner Familie und Freunde mit dem Thema Trauer schon einige Male konfrontiert worden. Ausschlaggebend für meine Entscheidung war aber besonders eine ganz bestimmte Trauerfeier. Dort hatte ich das Gefühl, der Redner wusste überhaupt nichts über die verstorbene Person, so dass ich mich währenddessen immer wieder fragte, von wem spricht er da eigentlich? Und genau in diesem Moment wusste ich, das kann ich besser, vor allem aufgrund meiner bisher eigens erlebten sowie beruflichen Erfahrungen als Mensch auf der Bühne.

Wie war für dich die Anfangszeit als Trauerredner?
Begonnen hat alles aus einem Zufall heraus. Damals fragten mich Freunde, ob ich nicht die Rede für ihren verstorbenen Angehörigen halten könne. Dies tat ich nach einigem Zögern dann auch – mit Erfolg. Denn alle fanden es gut, woraufhin dann auch u.a. ein Bestattungsinstitut auf mich aufmerksam wurde. Danach war ich zunächst erst einmal hin und wieder als Trauerredner unterwegs. Jedoch ist man in diesem Job immer mittendrin in der Traurigkeit der Menschen, so dass auch bei mir der Moment kam, als mir die Trauer der anderen näher ging als erwartet. Daraufhin musste ich mir für einen gewissen Zeitraum eine Pause von allem nehmen.

Was hat dich aber dennoch bewogen, weiter zu machen?
Es kam der Punkt in meinem Leben, an dem ich mich beruflich weiterentwickeln wollte. Ich absolvierte eine Ausbildung zum Trainer im Bereich der Erwachsenenbildung , woraufhin die Idee kam, selbst Seminare für Menschen die Trauerreden halten wollen und Bestatter, die diesen Service in ihrem Unternehmen anbieten möchten, ins Leben zu rufen. Inzwischen veranstalte ich diese mehrfach im Jahr. Parallel dazu halte ich aber selbst auch wieder seit einigen Jahren Trauerreden, weil ich in meiner Ausbildung auch Techniken der emotionalen Abgrenzung erlernt habe.

Welche Funktion hat für dich eine Trauerfeier?
Bevor ich die Trauerrede verfasse, treffe ich die Angehörigen im Vorfeld. Denn man begleitet die Leute in einer sehr schwierigen Situation, in der sie sich oft unsicher und überfordert fühlen. Da ist es umso wichtiger, ein Vertrauen aufzubauen und ein offenes Ohr für die Geschichten über den Verstorbenen zu haben, Geschichten, die das wunderbare Leben geschrieben hat.
Auf der Trauerfeier selbst ist es dann für mich wichtig, die trauernden Gäste zu empfangen sowie alle nach der Rede zum Grab zu begleiten und in vielen Fällen wo es gewünscht ist, sage ich dort auch noch einmal etwas. Die Trauerfeier hilft dabei Abschied zu nehmen und zu begreifen, dass ein geliebter Mensch nicht mehr da ist.

Was macht für dich eine gelungene Trauerrede aus?
Jeder Trauerredner hat seinen eigenen Stil. Jedoch sollte von Anfang an zwischen ihm und den Angehörigen eine Sympathie bestehen. Weil die Trauernden sich oft erst gegenüber einem Redner öffnen, wenn das nötige Vertrauen da ist. Denn es ist wichtig, sich über den Inhalt der Rede zu unterhalten, das heißt auch, der Redner sollte auch immer wissen, welche Geschichten er erzählen darf und welche nicht. So legt man mit jedem Vorgespräch, das mit den Hinterbliebenen gehalten wird, den Grundstein für eine gute Rede – sie ist ein Abbild des Lebens. Demgegenüber ist es aber auch wichtig, dass vor allem eigene Worte bzw. Zitate wiederkehren, die vorher im Gespräch gesagt wurden. Darüber hinaus ist Zeit ein entscheidender Faktor. Das bedeutet, die Rede sollte immer wieder auch Platz für kurze Pausen und des Innehaltens schaffen.

Wie wichtig ist dir Individualität in deinen Reden?
Jede Rede, die ich halte ist einzigartig – es gibt keine Trauerrede zweimal, weil auch das Leben einzigartig ist. Sie spiegelt immer das Wesen und die Persönlichkeit des Menschen wider, der gegangen ist. So kann trotz aller Trauer, u.a. auch Humor an einigen Stellen in der Rede eine große Rolle spielen, wenn der Verstorbene beispielsweise ein humorvoller und lebensfroher Mensch war. Daher ist es völlig in Ordnung, wenn die Leute während der Rede lachen oder schmunzeln. Denn oft erfahre ich im Vorgespräch mit den Angehörigen Pointen aus dem Leben des Verstorbenen, bei denen ich merke, während ich sie erzähle, dass den Trauernden in diesem Moment genau diese eine Geschichte noch einmal genau vor seinem geistigen Auge aufblitzt.

Gibt es etwas, was du immer nach deinen Reden machst, um das Erlebte für dich zu verarbeiten?
Das gibt es. Ich verabschiede mich von den Trauernden, gehe zurück ans Auto und lege mein Jacket und die Krawatte ab. Dann bin ich nicht mehr der Trauerredner, sondern einfach wieder Carsten Riedel. Sollte es mich aber weiterhin noch emotional aufwühlen, hilft mir oft ein Spaziergang mit meinem Hund oder ich gehe unter die Dusche und wasche den emotionalen Ballast im wahrsten Sinne von mir. Schließlich muss man als Trauerredner immer auch eine gewisse Balance halten, sprich die Trauer nie zu sehr an sich heranlassen, das gehört zur persönlichen Selbstfürsorge. Wichtig ist es gewisse Grenzen nicht zu überschreiten. Mitleid ist fehl am Platz – ich leide nicht mit – aber ich habe Mitgefühl und kann aus dem eigenen Erleben heraus empfinden, wie sich die Angehörigen fühlen und wie es ihnen gerade geht. Zuhören und Erinnerungen wecken, über das Leben und den Menschen reden, ist da eine sehr gute Medizin.

Hat dich der Job persönlich verändert?
Der Beruf als Redner, egal ob auf Hochzeiten oder Trauerfeiern, gibt mir persönlich sehr viel. Ich sehe inzwischen vieles mit anderen Augen und lerne täglich neues dazu. Ich schiebe im Leben nichts mehr auf, denn allzu oft höre ich: „Wir hätten gerne noch dies und jenes gemacht und haben es immer auf die Rente verschoben…“ Zudem liebe ich es zu schreiben, Reden zu halten und mich gemeinsam mit den Leuten auf eine emotionale „Achterbahn“ zu begeben. Bei jeder Rede, die ich halte, gebe ich auch etwas von mir und ich nehme wertvolle Erfahrungen mit. Das größte Lob für mich ist, wenn die Angehörigen hinterher zu mir kommen und sagen, dass Sie das Gefühl hatten, ich hätte die verstorbene Person schon sehr lange gekannt. Dann habe ich alles richtig gemacht.

Vielen Dank für das angenehme Gespräch!

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