Nichts zum Anfassen

Die Flößerei soll auf die internationale Liste des Immateriellen Kulturerbes gesetzt werden. Der Vogtländische Flößerverein Muldenberg unterstützt die Bewerbung
Foto: Kramer/VFM

Flößerei soll Kulturerbe werden

Von Sven Günther
Vogtland. Es sind Dinge, die man nicht in den Händen halten kann und doch prägen sie Generationen. Die Technik des chinesischen Scherenschnitts, der indische Chhau-Maskentanz, die arabische und türkische Kaffeekultur oder die Basler Fasnacht stehen auf der internationalen Liste des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Aus Deutschland sind es das Genossenschaftswesen, die Falknerei, der Orgelbau/die Orgelmusik und der Blaudruck.

Jetzt soll das Flößen mit aufgenommen werden. Mit im Boot: Lettland, Österreich, Polen, Spanien und Tschechien. Sie alle unterstützen die von der Bundesrepublik bei der UNESCO eingereichte Bewerbung.

„Ich freue mich, dass die UNESCO nun bald über die besondere Bedeutung der Flößerei entscheiden wird“, erklärt die Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission Maria Böhmer. „Dieses jahrhundertealte Handwerk hat unsere Gesellschaft geprägt. In ihm spiegelt sich unsere Wirtschaftsgeschichte. Denn ohne die Versorgung mit Floßholz wäre die Entwicklung vieler europäischer Städte nicht denkbar gewesen.“

Der Präsident der Internationalen Flößerei-Vereinigung kommt aus dem Vogtland. Bernd Kramer, der auch der Chef des Vogtländischen Flößervereins Muldenberg ist, sagt: „Wir arbeiten schon seit 13 Jahren an dem Projekt, seit drei Jahren laufen die intensiven Vorbereitungen.“
Im Gegensatz zum Titel UNESCO-Welterbe für die Montanregion Erzgebirge/Krušnohorí, dessen Beantragung staatlich unterstützt wurde, mehrere Millionen Euro gekostet hat, bereiteten die Flößer den Antrag ehrenamtlich vor.

Kramer: „Seit 2014 steht die Flößerei auf der deutschen Liste des Immateriellen Kulturerbes, jetzt wollen wir den nächsten Schritt machen. Schließlich stand schon in der Bibel, dass auf Euphrat und Tigris geflößt wurde. In allen Regionen der Erde kennt man diese alte Technik des Holztransports. 10.000 Jahre alte Funde von Flößen belegen das Alter.“

Vom möglichen UNESCO-Titel erhofft sich Kramer in erster Linie mehr Unterstützung. „Wenn es um Fördermittel oder Genehmigungen geht, ist es sicher ein Vorteil, wenn man zum Immateriellen Kulturerbe der Welt gehört“, sagt er und erklärt: „Heute zu flößen ist nicht einfach. Auf schiffbaren Flüssen ist es verboten, auf kleineren Wasserläufen gibt es hin und wieder Ärger mit den Anglern. Der Titel würde uns Kraft geben und wäre auch eine Auszeichnung für die ehrenamtliche Arbeit, die Flößer in vielen Ländern leisten.“

Hintergrund:

Die Flößerei ist der Transport von Holz auf dem Wasserweg. Seine Hochkonjunktur (Blütezeit) erlebte das Handwerk in Europa zwischen dem Mittelalter und der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nur durch die Flößerei gelang es, den damaligen Holzhunger zu stillen. Geflößt werden kann auf nahezu allen Gewässern, auf kleinen Bächen ebenso wie auf großen Flüssen. Teamwork spielt dabei eine besondere Rolle. Nur gemeinsam gelingt es den Flößerinnen und Flößern aus Holzstämmen Gefährte zu binden, die enorme Ausmaße annehmen können. So entstanden auch Flöße, die bis zu 600 Meter lang und 50 Meter breit waren.

Heute findet das alte Handwerk wieder zunehmend Verbreitung. Die Deutsche Flößerei-Vereinigung ist der Dachverband von etwa 2.100 Flößerinnen und Flößern, die in 26 Vereinen und Organisationen das alte Handwerk lebendig halten und weitergeben. Auf Flößerfesten und Floßfahrten, in Schulen und Kindergärten informieren sie über das kulturelle Erbe und die Bedeutung des Rohstoffs Holz in Vergangenheit und Zukunft.

Der Vogtländische Flößervereins Muldenberg pflegt die Scheitholzflößerei seit der Vereinsgründung 1993. Während des alljährlichen Flößerfestes wird gezeigt, wie in einem Teil des historischen Floßgrabensystems – welcher technisches Denkmal ist -, Scheit- und Brennholz für den Transport vorbereitet wird und wie es über eine Strecke von fast 200 km geflößt worden ist. Dazu gehören die Vorbereitung des Holzes, die Vermessung und die Zerteilung mit Säge und Axt, die Bereitstellung von ausreichend Wasser durch mehrere Floßteiche und schließlich das Flößen selbst sowie das Herausziehen aus dem Wasser und die richtige Lagerung.

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