“Pandemie ist keine Routine”

Bereits am ersten Tag bildeten sich vor der Corona-Ambulanz in der Messe Chemnitz die ersten Schlangen. Foto: Harry Härtel

Wie ausgestorben zeigte sich das Gelände vor der Corona-Ambulanz in der Messe Chemnitz. Foto: Judith Hauße

Dort, wo eigentlich in den kommenden Wochen auf Konzerten der Bär steppen sollte. Dort, wo Menschen sich über aktuelle Trends und Infos rund um Garten, Fashion oder Autos erkundigen wollten. Und genau dort, wo die Chemnitzer Profibasketballer ihre wohl spannendste Saison um den Aufstieg in die 1. Bundesliga angetreten wären. Dort eröffnete die Stadt Chemnitz am Dienstag ein Corona-Erstaufnahmezentrum. Dafür wurde die Messe Chemnitz umgebaut. Rund 140 Behandlungskabinen stehen seitdem aneinandergereiht in der Messehalle. „Bis zu zehn Hausarztpraxen können damit entlastet werden“, betont Dr. Thomas Grünewald, Leiter der Klinik für Infektions- und Tropenmedizin am Klinikum Chemnitz, der gemeinsam mit einem großen medizinischen Team aus allen drei örtlichen Krankenhausbetreibern, der Stadt sowie der Kassenärztlichen Vereinigung die Idee einer Corona-Ambulanz an der Neefestraße in die Tat umgesetzt hat.

Bereits am ersten Tag herrschte in der Erstaufnahme großer Andrang. Rund 220 Menschen sind an diesem Tag untersucht worden. Andere wiederum wurden ohne Test zurückgewiesen, da sie keinerlei Symptome zeigten oder in keinem Kontakt mit einem Infizierten standen. Denn nicht zuletzt legte die Stadt zuvor fest, wer in die Corona-Ambulanz kommen darf.

Von insgesamt 100 Menschen wurde am ersten Tag ein Rachenabstrich gemacht, bei den restlichen 100 Leuten seien keine Krankheitssymptome nachweisbar gewesen, wie Harald Uerlings, Leiter des Gesundheitsamtes in Chemnitz ein erstes Fazit zog. Bis zu 140 Untersuchungskabinen, davon 90 mit Stühlen und 50 mit Liegen befinden sich in der großen Messehalle.

Einzeln werden die Patienten vom medizinischen Team, das mit Schutzkleidung ausgestattetet ist, am Eingang abgeholt, Jeder bekommt eine Nummer, per Lautsprecher sowie über einen Monitor werden sie schließlich aufgerufen. Wer an der Reihe ist, muss sich zunächst am Eingangsbereich die Hände desinfizieren und seine Chipkarte abgeben. Im Anschluss geht es – wieder einzeln – in die Behandlungskabinen, wo ein Rachenabstrich gemacht wird. Ist das gemacht, geht es laut Auflage für sie zur Selbstisoloation direkt nach Hause, wo sie nach ein bis zwei Tagen telefonisch über das Ergebnis informiert werden.

Ein Aufenthalt in der Ambulanz, bis die Ergebnisse da sind, sei dementsprechend Dr. Thomas Grünewald zufolge nicht vorgesehen. „Bei ernsteren Krankheitsbildern werden die Personen direkt zu einem Arzt oder in eine Klinik verwiesen“, erklärt der Infektions- und Tropenmedizinleiter am Klinikum Chemnitz. Für den Chemnitzer OB-Kandidaten Lars Fassmann (parteilos) hätten die Verantwortlichen jedoch dabei ein kleines Detail übersehen. „Auf dem Weg der Risikopatienten zur Messehalle besteht die Gefahr, dass sich andere Menschen anstecken, z.B. im Bus oder als Taxifahrer“, so der IT-Unternehmer, der auf andere Alternativen verweist. „Sinnvoll wären gut belüftete Drive-In-Test-Zelte auf Parkplätzen im Stadtgebiet, wo man mit dem Auto hinfahren oder zur Not hinlaufen kann.“

Demgegenüber entgegnen andere Chemnitzer Politiker, wie die Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke sowie OB-Kandidatin Susanne Schaper, dass Gemeinschaftsprojekt der Chemnitzer Krankenhäuser, der Kassenärztlichen Vereinigung und dem Gesundheitsamt zu begrüßen. „Bürgerinnen und Bürger wissen nun sicher, wohin sie sich wenden können, wenn sie Symptome haben und aus Risikogebieten kommen oder Kontakt zu bereits Erkrankten haben“, so Schaper.

Für ihren Konkurrenten in der OB-Kandidatur Sven Schulze (SPD) könne sich die Stadt mit der Chemnitzer Corona-Ambulanz außerdem auf größere Fallzahlen einstellen. Zudem verweist Schulze darauf, dass damit die Ansteckungsgefahr durch verschiedene Vorkehrungen minimiert werde. „Wir arbeiten hier mit renommierten Experten unseres Klinikums zusammen. Jeder kann selbst mithelfen, in dem nur die wirklichen Krankheits- bzw. Kontaktfälle dort vorsprechen.“

Auch für Volkmar Zschocke, der für die Grünen ins Chemnitzer OB-Rennen geht, sei es wichtig, dass mit der Ambulanz für Corona-Verdachtsfälle die Ärzte und Krankenhäuser der Stadt entlastet werden. „Die Geschwindigkeit, mit der die Ambulanz in der Messe eingerichtet wurde, schafft Vertrauen in die Kooperation und Handlungsfähigkeit der zuständigen Behörden und Einrichtungen. Spekulationen über Sinn und Bedeutung dieser Einrichtung halte ich für überflüssig. Alles erfolgt transparent und gut begründet.“

Ulrich Oehme, AfD-Bundestagsabgeordnete und ebenfalls OB-Kandidat hingegen begrüße zwar die Einrichtung, für ihn komme sie jedoch zu spät. „Es ist schon länger bekannt, dass die Hausärzte mit der Situation überfordert sind, da es Ihnen an Schutzmaterialien und den erforderlichen Testsets fehlt“, so Oehme, der zudem die Testung ausschließlich von Personen, die in Risikogebieten waren oder in Kontakt mit Infizierten waren als unzureichend empfinde. „Selbst das RKI stellte fest, das möglicherweise nur jeder zehnte Infizierte erkannt wird“, so der AfD-Politiker.

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