Sachsenmeyer: Anputz

Die Menschheit scheint einen weitverbreiteten Hang zum Anputzen zu haben. Oder besser gesagt – einen Hang zur Verkleidung! Der Fassade wird nicht nur in der Architektur eine große Rolle zugebilligt. Mit einer attraktiven Fassade lässt sich mancher körperlicher Defekt übertünchen. Auch PKWs eignen sich durchaus als Fassade für ein marodes Innenleben. Außen hui, innen pfui!

Es dürfte kein Volk der Erde existieren, das kein Fest in seiner Kultur verankert hat, bei dem sich nicht alle verkleiden und anputzen müssen – bis zur totalen Erkennungsunmöglichkeit!

Man könnte von einer globalen Verbreitung der “Fassadomanie” sprechen!

Bei manchen dieser Feste reicht es aber auch schon aus, wenn man sich stark entblößt. Wichtig ist jedenfalls, dass die äußeren Hüllen nicht den alltäglichen Vorschriften und Sitten für die Bekleidung entsprechen.

In der Bundesrepublik kennt man den Maskenball, das Kostümfest, den normalen Fasching und dazu die feminine Variante des Weiberfasching, dann den Karneval, Christopher-Street-Day, Zombi-Walk, Wave-Gothic-Treffen oder die PEGIDA-Aufmärsche, wo erwachsenen Menschen ihre Masken ablegen und ihre wirklichen Larven zeigen.

Hier in unseren Breitengraden war, wenn ich mich recht erinnere, immer Fasching. Also, normaler Fasching. Die feminine Variante des Weiberfasching kam erst nach der Wende zu uns in den Osten geschwappt. Weiberfasching ist immer an einem Donnerstag gegen Ende Februar. Es ist kein gesetzlicher Feiertag. Inwieweit aktive Feministinnen und Frauenrechtlerinnen zu den Verfechterinnen des Weiberfaschings gehören, ist umstritten. Alice Schwarzer wurde in früheren Jahren allerdings oft bei solcherlei Festen gesichtet.

Bei Weiberfasching – habe ich mir berichten lassen – werden normale Frauen zu Hyänen. Sie rennen mit großen Scheren herum – besonders beliebt sind Gartenscheren der Marke ‘ Schnipp-schnappi’!-, und schneiden alles ab, was herunterhängt. Meistens soll es bei Schlipsen und Krawatten der Männer bleiben. Aber Vorsicht ist jedenfalls geboten!

Der normale Fasching war bei uns Kindern damals sehr beliebt. Wir gingen als Cowboys und Indianer. Ich war meistens Chinggachgoog, die dicke Schlange! Der Vorteil, den die Cowboys hatten, das war die Pistole, die mit zum Kostüm gehörte. Aber meine Eltern waren sehr pazifistisch eingestellt. Es gab schon beim Tomahwk, was zu Chinggachgook dazugehört, jedes mal große Auseinandersetzungen.

Die Liebe zum Anputzen ist mir bis heute geblieben. Und meine Gudste scheint da auch ganz nach mir zu kommen. Jeden Tag einen anderen Anputz! Zwei Tage hintereinander mit derselben Bluse ins Amt? Da könnten ja die Kolleginnen denken, wir wären ins Asoziale abgerutscht. Nein, meine Gudste, jeden Tag mit einem anderen Anputz.  Übrigens sehr zur Freude vom Bonprix-Modeversand! Oder Ulla Popken

Auch bestimmte männliche Berufsgruppen sind förmlich zum Anputz gezwungen. Bankangestellte und Manager ab einer gewissen Gehaltsstufe haben Anzug, Hemd Krawatte und geputzte Schuhe zu tragen. Und jeden Tag frisch! Die legen derartig viel Wert auf den Anputz – auf das Styling, oder Image! Ja, die putzen sich jeden Tag an, als wenn Sonntag wäre oder Pfingsten – jeden Tag wie die Pfingstochsen! Deswegen eignen sie sich auch besonders gut als Opfer beim Weiberfasching. Wegen der Krawatten!

Was bei mir den alltäglichen Anputz betrifft – damit falle ich nicht ins Beuteschema der Faschingsweiber.

Wenn ich mein Polo-Shirt vierzehn Tage getragen habe, habe ich mich ja gerade erst richtig eingewohnt in das Polo-Shirt. Und das müffelt dann auch noch nicht! Aber meine Gudste versucht mir meine Polo-Shirts immer schon weit vor der Müffelgrenze wegzunehmen und zwingt mir ein anderes Shirt auf, das ich eigentlich schon längst vergessen hatte.

Aber sobald es gewaschen ist und wieder auf Stapel liegt, ziehe ich es wieder an.

Nein, Shirts, die einmal im Stapel ganz unten liegen, haben keine Chance mehr, von mir jemals getragen zu werden. Das ist auch bei den Unterhosen so.

Bei den Drüberhosen kann es mal passieren, dass ich einen ungewollten Wechsel vollziehe, weil die ja so nebeneinander an der Stange hängen. Aber meistens zieh ich die an, die überm Stuhl hängt. Bis sie weg ist.

Wobei – nicht dass Sie denken! – Ich habe auch einen guten Anzug – mit passender Krawatte. Und ich weiß sogar, wo der hängt! Der hängt im Schlafzimmer in dem großen Schrank hinten ganz links! Und den zieh ich an – unter Androhung von Schlägen -, wenn mich meine Gudste zur Kultur treibt. Die Abnutzungserscheinungen halten sich bisher in Grenzen.

Eduard Sachsenmeyer

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