Sachsenmeyer: Busreisen

Von Kindesbeinen an fahre ich gerne mit dem Bus. Egal welche Sorte – Stadtbus, Trolleybus, Schulbus, Globus, Überlandbus, Reisebus… In einem Bus fühle ich mich geborgen. Man hat Blickkontakt zum Fahrer, wenn man möchte, und kann beobachten, was draußen vor sich geht und vor sich fährt. Und ein Bus, was ein großer Pluspunkt für den Bus ist, wird selten von anderen Verkehrsteilnehmern angerempelt oder umgestoßen, wie es den Radfahrern oft passiert.

Überhaupt zählt der Bus zu den sichersten Verkehrsmitteln – gleich hinter Paternoster! Auf tausend Unfalltote bei PKWs kommen lediglich drei Bustote!

Auf meinen Busreisen in den letzten Jahren war es nicht einer!

Außerdem ist Busfahren wesentlich umweltfreundlicher als Fliegen!

Und weite Busreisen, ins Ausland gar, haben eben auch noch etwas vom altehrwürdigen Reisen in früheren Zeiten, als man noch mit der Postkutsche reiste. Der Bus fährt ebenfalls fast direkt durch die Landschaften. Man kann beobachten, wie sich Vegetation und Architektur von Land zu Land verändern. Und am Steuer sitzt ein König! Seine Mätresse verkauft Kaffee, Würstchen und Bier.

Was das Busreisen etwas problematisch macht… also, das Busreisen mit einer Reisegruppe zu einem fernen Ziel und mit mehrtägiger Dauer, das sind die anderen Busreisenden.

Es sind erstens meistens genau solche alten Knacker, wie man selbst, aber zweitens auch teilweise ziemlich anstrengende Zeitgenossen und Genossinnen. Aber es ist schon interessant zu beobachten, wie die Leute, die sich größtenteils völlig fremd sind, miteinander umgehen und sich annähern. Ich habe Busreisen erlebt, wo die gesamte Reisegruppe am Ende eine sangesfreudige, trinkfeste und verschworene Truppe geworden war.

Häufiger aber ist eine gewisse gegenseitige Abschottung. Auch wenn Vorder- und Hinterleute nur maximal siebzig Zentimeter von dir entfernt sitzen, gelingt es problemlos, umfangreichere Kontakte zu vermeiden. Wenn man will!

Wenn man Kontakt sucht, ist es etwas anderes.

Ich suche meistens keinen Kontakt. Mir genügt der Kontakt zu meiner Gudsten, die ihrerseits den nötigen Kontakt mit den anderen der Reisegruppe pflegt, damit wir einigermaßen informiert sind, was angesagt ist, und nicht inmitten permanenter Fröhlichkeit vereinsamen. Anderseits will ich natürlich auch nicht für einen muffligen Griesgram gehalten werden. Da den richtigen Bogen zu kriegen, gelingt mir meistens dank meiner Gudsten, die von Natur aus nicht so konsequent schweigen kann, wie ich. Meine Gudste ist eine typische Frau und weiß nach einem dreiminütigem Gespräch mit einer anderen Frau, dass die eine schwache Blase und drei Enkel im Alter von vier, sieben und acht Jahren hat. Sollte der Begleiter der Gesprächspartnerin nicht der ihr angetrauter Ehemann sein, dann weiß das meine Gudste spätestens in der vierten Minute des Gespräches – inklusive seiner finanziellen Verhältnisse und seiner Beschwerden mit der Prostata.

Ich erfahre das dann natürlich von meiner Gudsten und habe dann Grund mich zu freuen, dass ich es nicht so mit der Prostata habe.

Wenn ich nicht wäre, wüsste meine Gudste am Ende einer Busreise von allen Mitreisenden alles! So wie die meisten Mitreisenden am Ende alles von allen wissen! Außer von mir! Ja, von mir wissen die nichts!

Meine Gudste habe ich dazu verdonnert, wenn sich einer nach mir erkundigen sollte, zu sagen: Der, der ist bald Rentner.

Das ist nicht gelogen und lässt alles offen. Ja, ich pflege auf Busreisen meine Anonymität! Und ich glaube, dass mich das in den Augen der anderen irgendwie interessant macht.

Wobei – bei der letzten weiten Busreise nach London, da sah ich mich gezwungen, zu einer mitreisenden Dame, die weniger mitreisend als nervtötend war, einen Kontakt herzustellen. Diese Dame aus den alten Bundesländern, was nicht nur ihr Dialekt verriet, sondern auch ihr enormes Sendungs- und Selbstbewusstsein, kommentierte ihrem senilen Begleiter alle Erscheinungen, die draußen beim Vorbeifahren erschienen mit gewichtigen Bemerkungen – “Dort, ein Mischwald!” oder “Zwischen den Dörfern gibt es bestimmt eine Straße.” oder “Das Kornfeld… das ist wahrscheinlich Gerste.” Die Fahrt dauerte zehn Stunden. Sechs Stunden kommentierte sie. Dann schlief sie zwei Stunden. Als sie erwachte, stellte ich den angekündigten Kontakt her, in dem ich lauthals sagte: “Jetzt hat die wahrhaftig zwei Stunden die Klappe gehalten!”

Wir wurden auf der restlichen Reise keine Freunde. Aber in den letzten beiden Stunden der Hinfahrt sagte sie keinen Piep mehr. Wenn ich mich nicht irre, hatte mir der senile Begleiter der Dame einen dankbaren Blick geschenkt.

Eduard  Sachsenmeyer

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