Sachsenmeyer: Das war knapp!

Ich war kürzlich in Griechenland. Mit meiner Gudsten. Oder umgedreht – meine Gudste war mit mir in Griechenland. Eine zehntägige Rundreise mit dem Bus. Abfahrt war am Busbahnhof an der Georgstraße. Nach reiflichen Überlegungen und finanziellen Abwägungen hatten wir uns entschieden, mit dem eigenen Auto in die Stadt zu fahren und das Auto dann im Parkhaus am Bahnhof abzustellen.

Das kommt billiger als mit einem Taxi, hatten wir recherchiert. Der Weg vom Busbahnhof zum Parkhaus ist keine hundert Meter weit. Einige Tage vorher hatte ich mir schon mal prognostisch die Einfahrt zum Parkhaus und die Preise angeschaut. Das Schild, auf welchem draufstand, dass ab zweiundzwanzig Uhr nur die vordere Einfahrt geöffnet ist, hatte ich übersehen. Unsere Abfahrtszeit war Null Uhr Fünfzig.

Als ich dann also am Abfahrtstag meine Gudste und das Gepäck am Busbahnhof ausgeladen hatte und dann das Auto im Parkhaus parken wollte, stand ich erstmal vor der verschlossenen Einfahrt. Nach kurzem Schreck las ich aber dann das Schild, dass die vordere Einfahrt geöffnet hat. Ich umfuhr den Block und kam zur vorderen Einfahrt an der Bahnhofstraße. Ich fuhr bis zur Schranke, ließ die Scheibe herunter, zog das Parkticket aus dem Automaten und fuhr, nachdem sich das Tor zum Parkhaus automatisch geöffnet hatte, ins Parkhaus hinein. Hinter mir schloss sich das Tor wieder. Ich hoffte inständig, dass es ich einen anderen Ausgang finden würde. Und es sei vorab gleich verraten – ich fand einen.

Parkplätze waren genügend vorhanden. Nach kurzer Qual der Wahl entschied ich mich für einen Platz und musste dreimal rangieren, bis ich einigermaßen gerade zwischen den Markierungen stand.

Ich legte das Parkticket – gut sichtbar für einen eventuell kontrollierenden Parkhausaufseher – auf das Armaturenbrett. Meine Führerscheinkarte und den Fahrzeugschein hatte ich im Handschuhfach deponiert. Auch den Wohnungsschlüssel. Ich wollte kein Risiko eingehen. Wie schnell kann man im Ausland zum Opfer eines Taschendiebes werden!

Das Risiko, dass mir einer mein Auto aus dem Parkhaus klaut, musste ich eingehen. Aber – so war ich mir sicher! –  würde ich da irgendwie versichert sein. Hoffentlich!

Zufrieden mit meiner Einparkaktion folgte ich nun dem Schild, das auf den Ausgang verwies. Kurz bevor ich draußen war, las ich ein Schild, auf dem stand, dass man ohne Parkticket nachts nicht ins Parkhaus hineinkommt. Wir würden spät nachts zurückkommen. Ich eilte also zurück und holte das Parkticket aus dem Auto. Einigermaßen stolz auf meine Geistesgegenwart eilte ich nun zum Busparkplatz. Vor mir liefen Leute in die gleiche Richtung. Eine Frau hatte einen Stock dabei. Da fiel mir ein, dass ich doch meine Walking-Stöcke, die im Kofferraum lagen, mit auf die Reise nehmen wollte. Beinahe hätte ich mich entschieden, die Walking-Stöcke im Kofferraum zu lassen. Langsam musste ich mich ja auch beeilen, um nicht zu spät am Busbahnhof zurück zu sein. So dringend würde ich die Stöcke in Griechenland bestimmt nicht brauchen. Es war ja eine Busreise und keine Wanderreise!

Da flüsterte mir eine höhere Gewalt leise ins Ohr und überredete mich, die Stöcke doch noch zu holen. Ich ging also zurück ins Parkhaus. Mittels des Tickets kam ich auch problemlos hinein. Ich holte die Walking-Stöcke aus dem Kofferraum und verriegelte das Auto wieder mit der Fernbedienung. Und dann – beim letzten prüfenden Seitenblick auf mein Auto.. ich dachte, ich sehe nicht richtig! Da sehe ich nämlich, dass das Fenster der Fahrertür, das ich beim Hineinfahren ins Parkhaus heruntergelassen hatte, noch offen war! Ich erlitt beinahe einen Herzinfarkt!

Ohne Mühe hätte jemand in den zehn Tagen, die ich in Griechenland weilte, das Auto in seinen Besitz bringen können. Inklusive Fahrzeugpapiere und Wohnungsschlüssel!

Wenn ich nicht die Walking-Stöcke vergessen hätte… wenn nicht die höhere Gewalt mir zugeflüstert hätte… – diese Gedanken beschäftigte mich dann zehn Tage lang unentwegt, bis wir dann endlich wieder in Chemnitz zurück waren, ich in meinem Auto saß und unbeschadet aus dem Parkhaus heraus gekommen war.

Aber wenn ich die Stöcke nicht doch noch hätte aus dem Kofferraum geholt… wenn die Frau, die vor mir Richtung Busbahnhof ging, keinen Stock gehabt hätte…! Das war knapp!

Eduard Sachsenmeyer

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