Sachsenmeyer: Die anderen Leute

Ich weiß nicht, ob der Begriff  ‘Leute’ sich vielleicht von Meute ableitet, aber meistens sind die anderen Leute in der Mehrheit und bilden eine mehr oder weniger große Meute.

Es kommt natürlich auch oft vor, dass man einem einzelnen Leut begegnet. Die Leute, das Leut!

Die Begegnung mit einem anderen Leut kann unter Umständen – im finsteren Wald zum Beispiel – sehr beängstigend sein. Im Fahrstuhl ist es mehr lästig und bedrückend.

Wenn man das andere Leut kennt, ist die Begegnung allerdings noch einen Zacken brisanter. Da muss man grüßen und reden. Meine Gudste hat da keine Probleme. Und wenn es eine Bemerkung über das anstehende Wetter ist, irgendwas fällt der sein, was sie sagen kann. Ich steh da und schweige verbissen.

Wobei – die Verbissenheit meines Schweigens ist ganz und gar nicht gegen das andere mir bekannte Leut gerichtet, das mir da zufällig begegnet ist, sondern gegen mich selbst. Ich könnte mich in den Hintern beißen, weil mir nichts zu sagen einfällt. Froh bin ich immer, wenn ich mich mit solchen Floskeln wie ‘Mahlzeit’ oder ‘Moijen’ aus der Affäre ziehen kann. Auch ein ‘Hallo’ ist oft möglich, wenn man dem anderen Leut in entgegengesetzter Bewegung befindlich begegnet. Kompliziert sind hingegen die statischen Begegnungen wie eben im Fahrstuhl, in der Straßenbahn oder in der Schlange vor der Kasse im Supermarkt. Wenn ich rechtzeitig bemerke, dass ich mich in solch eine Situation zu bringen drohe, leite ich sofort Vermeidungsaktionen ein. Wenn sich die Fahrstuhltür öffnet und es steht ein Leut drin, das auch nach unten will, wie ich, drehe ich mich schnell weg, schlage mir vor die Stirn und murmle was von Schlüssel vergessen.In der Kaufhalle gehe ich schnell nochmal eine Runde durch die Regale und beobachte, wann das betreffende Leut endlich bezahlt hat. In der Straßenbahn bleibt manchmal nur Aussteigen.

Am liebsten ist es mir deshalb eigentlich meistens, wenn ich von Begegnungen mit anderen Leuten verschont bleibe. Sehnsucht nach Geselligkeit habe ich selten.

Die anderen Leute sind aber auch manchmal komisch! Oft sogar! Wenn nicht meistens!

Ich frage mich oft, wie diese komischen Leute eigentlich mit sich selbst auskommen können. Müssen die sich nicht eigentlich selbst andauernd auf den Geist gehen? Oder sich auslachen?

Bestimmt tun sie das! Es gibt ja sogar Leute, die sich vor Wut selbst züchtigen! Und manche bringen sich selbst um!

Nein, soweit würde ich mit mir nicht gehen. Selbstzüchtigung kommt vor! Wenn ich wiedermal verkatert bin, weil ich ein Bier zuviel getrunken hatte, dann züchtige ich mich oft mit dem Trinken von Wasser.

Aber meistens komme ich eigentlich mit mir ganz gut aus und sehe keinen Anlass mich irgendwie zu züchtigen. Überhaupt stehe ich mir nur ganz selten kritisch gegenüber. Das überlasse ich meiner Gudsten. Die hat eigentlich immer was rumzumeckern an mir.

Bloß gut, dass ich nicht in die gleiche Kerbe schlage! Das könnte mich am Ende womöglich doch an meiner Perfektion und Seelengüte zweifeln lassen! Nein!

Aber die anderen Leute – die tun mir echt leid! Was bleibt denn denen übrig, sich kritisch zusehen? Und dabei sehen die sich ja selbst nur aus der eigenen Perspektive und nicht aus meiner! Wenn die anderen Leute sich aus meiner Perspektive sehen könnten, käme es zu einer Massenausrottung.

Aber nicht, dass ich etwas gegen andere Leute habe! Ich bin kein Menschenhasser! Ich kann schließlich nichts dafür, dass die Leute sind, wie sie sind! Doch die Leute können sich natürlich einer gewissen Verantwortung für ihr Sein nicht entziehen. Sicher werden die grundlegenden Charaktereigenschaften und das Benehmen der Leute in der Kindheit durch die Eltern und Omas geprägt, aber jedes Individuum hat auch die Verantwortung für seine Selbstbefriedigung. Man darf nicht immer warten, bis andere Leute helfen!

Selbstbefriedigung meine ich natürlich im umfassenden Sinne, nicht nur sexuell!

Ja, man muss mit sich selbst Frieden schließen können! Wie ich mit mir!

Aber wie sollen das die anderen Leute hinkriegen? Die Ärmsten!

Und das ist die Stelle, wo ich dann die anderen Leute nicht mehr hassen kann, sondern wo sie mir anfangen Leid zu tun!

Eduard Sachsenmeyer

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