Sachsenmeyer: Falsch angezogen

Meine Gutste hatte mir zum letzten Geburtstag hinterlistigerweise zwei Karten für ein Konzert in Freyburg an der Unstrut geschenkt. “Philharmonie der Nationen” mit Justus Frantz am Dirigentenpult. Eine Karte für mich und eine Karte für eine Begleitperson meiner Wahl.

Da ich außer meiner Gutsten niemand kenne, den ich mit so einer Karte eine Freude bereiten könnte – mein Kumpel Gertholm zum Beispiel würde mir eins Husten! -, fragte ich sie, ob sie mich denn nach Freyburg begleiten würde. Sie zeigte sich überrascht, aber erfreut und bestätigte meine Anfrage, was mich nicht sehr wunderte.

Am Tag des Konzertes vorigen Samstag bereiteten wir uns nun bereits vormittags auf das Ereignis vor, um ein bisschen früher in Freyburg zu sein. Wir wollten dort irgendwo in einer hübschen Gaststätte zu Mittag essen. Das Konzert sollte 17 Uhr beginnen.

Ich war schnell fertig. Hose und Hemd – basta. Sommerliches Outfit!

Meine Gutste zog ihr langes rotblumiges Sommerkleid an. In dem Kleid hat sie ein Dekolleté, wie Angela Merkel einst beim Staatsbesuch in Dänemark hatte. Oder war das Schweden? Egal!

Jedenfalls mit üppigem Einblick!

Ich machte sie darauf aufmerksam. Sie fragte mich, ob ich was gegen Angela Merkel hätte. Da ich momentan eigentlich nichts gegen Angela Merkel habe, weil sie ja eh bald abdanken wird, sagte ich nur noch: “Aber wunder dich nicht, wenn dir alle in den Ausschnitt glotzen!”

Sie verschwand kurz im Schlafzimmer. Sie kam wieder und hatte nun eine Brosche am Dekolleté, die den Einblickwinkel um zehn Prozent einengte. “Besser so?” – fragte sie.

Ich sagte “ja”.

Hätte ich gesagt, dass die Brosche wenig bringt und vielleicht sogar zusätzlichen Reiz zum Hingucken bietet, wäre ich bei meiner Gutsten bestimmt ins Fettnäpfchen getreten. Aber ich wollte die Stimmung nicht vermiesen.

Dann galt es das Problem einer möglichen Kühle, die am Abend kommen könnte, zu bewältigen. Ein Jäckchen wäre vielleicht angebracht! Ich nickte zustimmend.

Zur Auswahl standen drei. Die Wahl fiel dann auf das weiße Jäckchen, was allerdings die Änderung des Schuhwerkes nach sich zog. Weißes Jäckchen oben, weiße Schuhe unten!

Als ich kurz auf der Toilette war, empfing sie mich im Flur vor dem Spiegel und verkündete sachlich:

“Ich bin völlig falsch angezogen.”

Was sollte ich sagen?

Jetzt “ja” zu sagen, hätte können gefährlich sein, wenn sie vielleicht hören wollte, dass sie schick aussieht. “Nein” sagen, wäre aber auch gefährlich gewesen. Widerspruch duldet meine Gutste selten. Ich entschied mich für ein diplomatisches: “Mir gefällst du immer!”

Sie schielte mich kurz verwundert an. Soviel Geistesgegenwart hätte sie von mir bestimmt nicht erwartet. Dann zog sie sich wortlos in Windeseile um. Graue Dreiviertelhose, schwarzes Shirt, graue Jacke, weiße Schuhe. Auf nach Freyburg!

Der Zufall führte uns zum “Weinhaus Deckert”. Im Festzelt gab es Wein und Flammkuchen. Sehr angenehm.

Das Konzert war dann wesentlich weniger angenehm. Es ging nämlich ersten ewig nicht los, und hielt dann zweitens ewig nicht wieder auf! Ich wollte schließlich unbedingt halb acht wieder zu Hause vorm Fernseher sitzen. Superpokal Bayern gegen Dortmund!

Die Verspätung des Konzertbeginns war den Staus auf verschiedenen Autobahnen geschuldet. Die Musiker mussten von Kiel aus anreisen. Der Dirigent kam auch irgendwo aus dem Norden. Der Konzertmanager bat uns als Teil des Publikums um Entschuldigung. Wir erfuhren von ihm auch, dass Justus Frantz erst vor wenigen Tagen aus einer Klinik entlassen worden war und alle froh sind, dass er überhaupt würde nach Freyburg kommen.

Er erschien dann endlich nach den Mitgliedern des riesigen Orchesters auf der Bühne und trug eine knallrosa Schlabberhose zum dunkelblauen Jackett. Aha, dachte ich – Nervenheilklinik!

Aber er entschuldigte sich dann für die “komische rosa Hose”, die er anhabe. Er hätte nochmal am Vormittag zur Nachkontrolle in der Klinik erscheinen müssen.

Aber wer geht in einer rosa Hose in eine normale Klinik? Das ist ja noch verwunderlicher, als mit einer rosa Hose auf ein Dirigentenpult zu steigen und Beethovens siebende Sinfonie zu dirigieren!

Wenn meine Gutste gemeint hatte, sie sein völlig falsch angezogen, dann war Justus Frantz noch falscher angezogen. Rosa Schlabberhose!

Eduard Sachsenmeyer

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