Sachsenmeyer: Friede, Freude, Festivals

Chemnitz mausert sich! Ein buntes Treiben! Am Donnerstag war das Kosmos-Festival in der City, das zirka vierzigtausend Leute anlockte, und dann Freitag bis Samstag das Kosmonaut-Festival am Stausee Rabenstein, wo gut fünfzehntausend Leute aufschlugen.

Beim Kosmos-Festival, das man auf keinen Fall mit Kosmonaut-Festival verwechseln darf, war an über vierzig Orten in der Stadt überall erstens das los, was sonst auch los gewesen wäre, auch wenn es kein Kosmos-Festival gegeben hätte, und zweitens war noch etwas mehr los. Das Hauptereignis war der Auftritt von Herbert Grönemeyer.

Grönemeyer, das ist der, der immer so singt, als wie wenn er gleichzeitig ein zähes Stück Rumpsteak hinunterschlucken muss. Die Töne und jedes einzelne Wort würgt er hervor, als wären es Steißgeburten. Vielleicht könnte man auch sagen, dass Grönemeyer nicht singt, sondern grönt?

Ob nun würgen oder grönen – der macht das jedenfalls schon ewig so. Er ist mit dieser Art von Würge- oder Gröngesang tatsächlich weltweit einmalig. Und manche Lieder, die er würgt, gefallen mir sogar. Zum Beispiel das Lied von den Männern, die so verletzlich sind, und so unersetzlich sind… und so. Doch, da grönt er mir aus der Seele!

Ich möchte eigentlich mal wissen, wie seine Lieder klingen würden, wenn sie ein normaler Sänger singt. Also, kein Rapper, sondern ein Sänger wie zum Beispiel Roland Kaiser.

Rapper, das sind ja die, die nicht singen, aber auch nicht reden können. Die rappern eben.

Nein, ich möchte mal hören, wenn Roland Kaiser, der ja singen kann, die Lieder von Grönemeyer singen würde. Sicher würde dann das Brachiale fehlen, das Eruptive! Es würde ein bisschen Schmalz hinzukommen. Ein bisschen Seele!

Jedenfalls war der Grönemeyer beim Kosmos-Festival in Chemnitz dabei. Und ob der gekommen wäre, wenn wir nicht seit vorigem Sommer das rechtsradikale Zentrum des Ostens wären, wage ich zu bezweifeln. Aber seit die Welt auf Chemnitz schaut, lohnt es sich in Chemnitz aufzutreten. Die Medien aus aller Welt werden berichten!

Beim Kosmonaut-Festivals waren fünfzig Bands und Sänger auf fünf Bühnen dabei. Wahrlich ein buntes und munteres Treiben!

Ja, ich glaube fest, dass den düsteren Ruf, den sich Chemnitz seit vorigem Sommer auch dank der Fans des CFC erarbeitet hat, eine gute Voraussetzung dafür darstellt, dass Chemnitz schließlich den Zuschlag für die Kulturhauptstadt von Europa erhält. Man muss nur jetzt aufpassen, dass durch solche fröhlichen Festivals, die friedlich und ohne rechtsradikalen Stunk ablaufen, der interessante Ruf voreilig verspielt und erstickt wird.

Wo zum Beispiel bleiben denn bei solchen Festivals die entsprechenden Gegenfestivals von PRO-Chemnitz oder Pegida? Wozu wählt denn jeder vierte Chemnitzer AfD? Gibt es denn aus diesen Lagern niemand, dem Chemnitz am Herzen liegt? Ein bisschen Aktion machen?! Wo weiß ist muss auch schwarz sein!

Dass der städtische Entsorgungsbetrieb eine reichliche halbe Tonne Müll beseitigen musste, ist kein medienwirksames Highlight. Auch die Inhaftierung eines Mannes, der einen anderen Mann umgeschubst hat, bringt wenig Punkte. Vielleicht – wenn der eine, möglichst der umgeschubste Mann ein Ausländer gewesen wäre? Oder eine schwangere Muslimin? Oder wenn der Schubser Springerstiefel getragen und den deutschen Gruß geboten hätte…?

Naja, man kann eben nicht immer alles haben!

Aber es wird für Chemnitz schwer werden, den düsteren medienwirksamen Ruf, den die Stadt in der Welt momentan besitzt, noch weitere Monate zu behalten und zu festigen. Hier wird Kreativität gefragt sein!

Es muss ja nicht soweit gehen, dass noch einmal ein Deutsch-Kubaner umgebracht wird, aber wenn sich lediglich zwei deutsche Suffköppe in die Quere kommen, dann nützt das ganze Festival  nichts mehr. Da hätte die Biermeile gereicht!

Die Werbewirksamkeit von Ereignissen steigt mit der Zahl der Todesopfer. Das weiß man von jedem Flugzeugabsturz. Wie sagt einst der Chef der ARD zur Frage der Einschaltquoten: Es ist gut für jede Quote, gibt es wenigstens drei Tote!

Sicher ist es für Chemnitz nicht möglich, so gesehen auf höchstem Niveau mitzuhalten. Man wird kleinere Brötchen backen müssen. Aber Vorsicht vor zu viel an Friede, Freude, Festivals!

Eduard Sachsenmeyer

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