Sachsenmeyer: Hätte, hätte…

Es gibt den Spruch: Der Mensch denkt… und Gott lenkt! Man kann aber auch sagen, der Zufall lenkt! Ja, ich glaube, der Zufall ist noch mächtiger als der Herrgott. Der Zufall ist wirklich allmächtig! Du brauchst nicht mal an ihn glauben, er fällt dir einfach zu – der Zufall!

Und das beginnt schon vor deiner Geburt! Warum haben sich deine Eltern getroffen und vermehrt? Bereits hier liegt eine endlose Kette von Zufällen zugrunde.

Dann, wenn du auf der Welt bist, und versuchst, dein Leben zu gestalten, nehmen die Zufälle schier kein Ende. Allerdings gibt es gute und schlechte Zufälle. Ein Lottogewinn zählt zweifelsfrei zu den guten!

Aber nehmen wir den Abend in der “Kosmos-Tanzbar”, damals als ich meine Gudste kennenlernte. Es war der vorletzte Tanz, zu dem die Kapelle aufspielte, als ich vom Barhocker rutschte und statt zur Toilette, an den Tisch taumelte, wo eine einsame junge Frau vor ihrem Glas Wein saß. Eine fahrige Geste meinerseits, musste sie als Aufforderung zum Tanz verstanden haben, denn sie erhob sich. Wir tanzten die zwei letzten Tänze gemeinsam. Trotz meiner leichten Schlagseite klappte es erstaunlich gut. Später auf dem Weg zur Straßenbahn gab sie mir einen Zettel mit ihrer Telefonnummer. Nach Tagen fand ich den Zettel in der Tasche meines Jacketts. Weil ich mir nicht sicher war, wessen Telefonnummer das war, die da auf dem Zettel stand, rief ich an. Wir sind mittlerweile über dreißig Jahre verheiratet. Unsere Ehe droht langsam auf ewig zu halten!

Wenn ich den Zettel nicht gefunden hätte, oder verloren hätte… aber ich fand ihn und rief an! Ob man diesen Zufall zu den guten oder schlechten rechnen muss, ist Ansichtssache.

Schwer einzuordnen ist auch folgender Zufall, der mich kürzlich ereilte. Im Urlaub waren wir – also meine Gudste und ich – in Griechenland. Beim Ausflug zu den wirklich beeindruckenden Meteora-Klöstern geschah es dann. Ich stand, in den herrlichen Ausblick der sich weitenden Ebene versunken, unterhalb eines Felsens, der sich hinter mir steil nach oben streckte. Plötzlich ein Schlag, ein Geräusch, wie wenn eine Bombe einschlägt! Ungefähr zwanzig Zentimeter neben mir, schlug ein Felsbrocken auf den Weg auf. Erschrocken stoben alle umstehenden Touristen, so wie ich, der dem Aufschlag am nächsten gewesen war, auseinander und blickten in Erwartung weiterer Felsbrocken nach oben. Aber es kam nichts mehr. Und es waren oben auch keine Menschen oder Tiere zu sehen. Der Felsbrocken schien sich ganz von allein, vielleicht durch einen Windstoß oder eine winzige Erderschütterung angeregt, zum Sprung in die Tiefe aufgemacht zu haben. Er hatte da oben auf dem Felsen womöglich schon einige Jahrhunderte gelegen und gelauert, bis ich mit unserer Reisegruppe aus Deutschland angereist war und unter dem Felsen stand.

Was aber ist nun der größere Zufall – dass der Stein fiel, oder dass er mich verfehlt hat?

Und genauer betrachtet, besteht dieser Zufall eigentlich, wie wohl die meisten Zufälle, aus vielen Zufällen. Es war ja auch Zufall, dass ich zu dem Zeitpunkt in Griechenland weilte, als der Stein sein Gleichgewicht verlor und abstürzte. Ebenso zufällig war, dass ich unter dem Felsen stehen blieb, um ein Foto von der weiten Ebene zu machen.

So ein Bündel von Zufällen findet man ja auch bei Verkehrsunfällen vor. Man könnte sagen, dass erst wenn die Zufälle sich bündeln, ein Ereignis von gewisser Tragweite eintritt. Solche Zufallsbündel sind dann das, was man auch Schicksal nennt. Schicksal ist vollendeter Zufall!

Und gestern hat sich bei mir übrigens wiedermal eine unliebsame Bündelung von Zufällen ereignet. Ich sitze am Computer und sortiere die Urlaubsfotos aus Griechenland. Die guten auf den USB-Stick, die schlechten in den Papierkorb! Dann kam das Mittagessen dazwischen. Ich schloss die Dateien, ließ den Stick im Computer stecken und fuhr den Computer herunter. Als ich ihn nach dem Mittagessen wieder hochfuhr, um weiter an der Selektion der Fotos zu arbeiten, streikte der USB-Stick. Er müsse neu formatiert werden, meldete der Computer.

Nun hatte ich zufällig gehört, dass man beim Formatieren eines USB-Sticks alle darauf vorhandenen Daten löscht. Wer mir das mal erzählt hat, weiß ich nicht. Aber in einem lichten Moment der Erinnerung daran, folgte ich also der Anweisung des Computers zur Formatierung nicht, obwohl ich ansonsten immer alles mache, wozu er mich auffordert, und rettete dadurch meine Fotos. Aber durch welchen Zufall der USB-Stick nicht mehr funktionieren wollte, gerade als ich meine Urlaubsfotos sortiert habe, ist mir schleierhaft. Da muss doch bei der Herstellung des Sticks etwas schief gelaufen sein. Weil vielleicht zufällig… werweißwas passiert ist!

Jedenfalls habe ich mir zufällig die Chance bewahrt, dass ein Computer-Experten meine Fotos auf dem Stick retten kann. Und wenn mich der Felsbrocken zufällig doch erwischt hätte, hätte ich meine Fotos gar nicht erst sortieren wollen. Hätte, hätte… Fahrradkette!

Eduard Sachsenmeyer

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