Sachsenmeyer: Murmeltieröl

Der Mensch ist eine Wundertüte. Was habe ich nicht schon alles alleine mit mir erlebt!?

Das letzte Erlebnis mit mir und meinem Körper hatte ich vorige Woche. Mitten aus heiteren Himmel heraus – oder, wie es heute heißt – aus dem Nichts! – bekam ich bohrende Schmerzen am Hinterkopf, die – nachdem sie eine Weile gebohrt hatten – wieder verschwanden. Ob es nun die leichte Kopfgymnastik gewesen ist, oder meine mir innewohnenden Heilkraft, die den Schmerz vertrieben hat, blieb offen. Auch nach den nächsten drei bis vier Anfällen, die in größeren Abständen ohne Vorwarnung über mich kamen und wieder vergingen, konnte ich keine Logik und erst recht keine auslösende Ursache erkennen. Aber die Intensität des Schmerzes schien mit jedem Anfall heftiger zu werden.

Ich schaute im Internet nach – Kopfschmerzen im Nacken unten links!

Nach der Lektüre der entsprechenden Seiten und Foren schien es mir angeraten, mein Testament zu machen. Die Symptome waren zwar vielfältig interpretierbar, aber liefen nicht nur eindeutig, sondern eher zwei- bis dreideutig in die gleiche Richtung – mit etwas Glück blieben mir wahrscheinlich noch ein paar Monate bis Ultimo.

Meiner Gudsten sagte ich aber vorläufig nichts davon. Vorfreude ist zwar die schönste Freude, aber es könnte ja vielleicht doch anders kommen. Meiner vorläufigen Diagnose traute ich – erfahrungsgemäß – nicht hundertprozentig. Nach einer internetgestützten Diagnose hätte ich eigentlich schon vor einigen Monaten an Aids erkrankt sein müssen. Am Ende war es aber bloß eine Art Whisky-Allergie.

Diagnose hin, Testament her – als wieder ein Schmerzanfall im Nacken über mich kam, der mir fast die Tränen in die Augen trieb, führte ich unter Anleitung eines virtuellen Physiotherapeuten eine Nackenmassage durch. Ich drangsalierte die Nackenmuskulatur solange so intensiv, dass mir am Ende das gesamte Genick entzündet zu sein schien. Wichtig aber war, dass der Therapeut keinen Zweifel an einer muskulären Ursache meiner Schmerzen offen ließ. Meine Überlebenschancen waren also wieder durchaus günstig, wenn ich den aktuellen Anfall überstehen würde. Aber der Anfall wütete und wollte nicht aufhören zu wüten.

Ich erwog bereits ernsthaft, in den nächsten Tagen einen echten Arzt aufzusuchen. Aber da passierte das Wunder. Ich erinnerte mich plötzlich, dass in meiner Reisetasche irgendwo in einer Seitentasche wo sich allerlei Reisekleinkram – vom Schuhanzieher über Nähzeug bis Zeckenkarte – zu sammeln pflegt, auch eine Tube mit Murmeltierölsalbe befinden müsste, die ich vor drei oder vier Jahren in Österreich wegen muskulärer Probleme in den Waden gekauft hatte. Muskulär! Das war das Stichwort.

Ich fand die Tube und rieb mir den Nackenbereich ein. Noch während des Einreibens spürte ich den Schmerz schrumpfen. Und gleich darauf war er weg. Wie weggeblasen! Mit Murmeltieröl!

Auf der Tube stand, dass Murmeltieröl seit Generationen bei den Bewohnern der alpinen Region als Einreibung geschätzt wird. Nun also auch von einem Bewohner der sächsischen Region!

Über Zusammensetzung und Kaloriengehalt stand nichts Genaues auf der Tube. Ringelblume, Menthol und Elastin wurden als Bestandteile erwähnt. Als Hersteller oder Vertrieb ist die RIVIERA Handelsges.mbH/ A-3430 Tulln benannt, der ich unbedingt eine Danksagung senden sollte.

Murmeltieröl!

Im Internet fand ich dann noch viel Interessantes über die murmeligen Pelztiere. Zum Beispiel haben die männlichen Murmeltiere einen Penisknochen. Erektionsprobleme dürften dadurch ausgeschlossen sein – bei den Murmeltiermännchen.

Es sind jedenfalls sehr nette pelztragende Nagetiere der Alpenregionen. Ob die Bezeichnung Murmeltiere mehr von der murmelartigen Körperform oder von ihrem ständigen Gemurmel abgeleitet ist, wurde nicht erklärt. Auch über die Gewinnung des Murmeltieröles fand ich nichts. Werden die Weibchen vielleicht gemolken? Oder steckt man einige der dicksten Exemplare einfach in eine Zentrifuge?

Wie dem auch sei – ich kann dank der Tube Murmeltierölsalbe dem nächsten Anfall von Nackenschmerzen gelassen entgegenblicken. Ja, ich laure regelrecht darauf, dass noch mal einer kommt! Und dann… dann zücke ich die Tube!

Eduard Sachsenmeyer

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