Sachsenmeyer: Nach Fasching kommt Fasten

Ein Glück, dass ich kein Karnevalist bin! Also keiner, der den Karneval liebt und alle Regeln einhält – von der Kussfreiheit bis zur Passionszeit. Oder kein Faschist! Also keiner, der nach der Faschingszeit fasten tut. Das ist nämlich das Schwierige an der ganzen fünften Jahreszeit, dass am Ende die Passionszeit kommt, in der wir uns momentan befinden.

Die Passionszeit ist die Zeit, wo die Karnevalisten, oder Faschisten – wie man sie auch nennen mag – fasten. Ja, fasten! Nichts essen und trinken! Vierzig Tage von Aschermittwoch bis Karsamstag. Die Sonntage werden nicht mitgezählt. Ob man da dann zwischendurch richtig schlemmen darf, weiß ich nicht. Aber warum nicht? Wenn die Sonntage nicht zählen…? Und sonst würde das ja auch keiner vierzig Tage lang durchhalten!

Das mit der Passionszeit ist so, weil Jesus nach seiner Taufe im Jordan vierzig Tage mit Fasten und Beten verbrachte. Was Jesus an den Sonntagen gemacht hat, ist nicht überliefert.

Jedenfalls – am Aschermittwoch ist alles vorbei! Mit “alles” ist das gute Leben gemeint. Deshalb wird in der Fastnacht vor Aschermittwoch nochmal die Sau rausgelassen. Da wird nochmal geschlemmt – gefressen, gesoffen, geknutscht…

Das erklärt auch die jährlichen hohen Geburtenraten im November!

Übrigens ist ja der Karneval samt den Faschingsbräuchen vor allem in den katholischen Regionen von Deutschland verbreitet.

Als Zeit der großen Sünden wird die Fastnacht oft beschrieben. Ein liturgisches Buch von 1518 warnt beispielsweise: “Bei all der “fresserei, hochmut oder hoffart, unkeuschheit, narrheit, dadurch Gottes gantz wirt vergessen”, Doch warum toleriert die katholische Kirche seit schon immer Völlerei und Gottlosigkeit?

Das ist wirklich erstaunlich. Oder sind die katholischen Geistlichen bloß schlau? Wissen die insgeheim, dass sie selbst auch nur dann mal richtig Mensch sein dürfen, wenn sie es anderen gestatten?

Naja… – das ist ein weites Feld.

Aber was die Faschingszeit in unserer Kleingartensparte betrifft… – also, wir feiern im Kreise von unseren Spartenmitgliedern jedes Jahr ein Kostümfest. Aber deswegen tut hinterher keiner fasten. Jedenfalls keine vierzig Tage lang!

Und was “fresserei, hochmut oder hoffart, unkeuschheit, narrheit” betrifft… – nein, bei unserem Kostümfest – alles seriös!

Wir feiern ja unser Kostümfest in unserer Gartensparte schon seit vor der Wende. Die Kapelle ist auch jedes Jahr dieselbe. Die sind mit uns alt geworden. Die Lieder, die die spielen, können wir alle mitsingen. Zum Beispiele “Mei Bähby Bähby balla balla” oder “Hee, häng on Schluby, Schluby häng on”! Und wenn bei der Sachsenhymne im Refrain alle einstimmen – “Sing mei Sachse sing!” – dann hebt es das Dach vom Vereinsheim immer leicht an.

Die paar jungen Leute, die man als Nachwuchs bezeichnen könnte, sitzen verschüchtert hinten in der Ecke und fliehen dann entnervt, wenn wir zum dritten mal “Laurentia” gesungen haben.

Und jeder kennt eben jeden! Man weiß, wer nach dem dritten Bier anfängt rumzustreiten; man weiß, wer zu vorgerückter Stunde, wenn er zuviel Wodka intus hat, der Waltraud an die Bluse will; man weiß, wer am Ende vom Kostümfest unter dem Tisch liegen bleibt, und man weiß auch, dass die Irmi Müller, kurz vor Mitternacht auf dem Tisch tanzt, dass die Schlipper blitzen. Das ist immer so. Alles seriös!

Das Motto bei unserem Kostümfest lautet übrigens “Tutti frutti” – was auf deutsch “süße Früchte” heißt und wirklich gut zu einer Gartensparte passt. Und das Motto ist jedes Jahr gleich. Man kann also jedes Jahr im selben Kostüm erscheinen. Aber man muss nicht unbedingt als Frucht gehen. Manche gehen als Räuber, andere als Teufel oder Engel… oder sonst was.

Wir, meine Gudste und ich – also, wir mussten aus objektiven Gründen unsere Kostüme im Lauf der Jahre etwas variieren. Vor zwanzig Jahren bin ich als Bohne gegangen. Meine Gudste als Himbeere! Ich bin dann über Möhre und Avocato mittlerweile bei Melone gelandet. Meine Gudste über Pflaume, Pfirsich bei Kürbis. Aber wenn mich und meine Gudste das Temperament überwältigt, dann legen wir trotzdem noch einen flotte Sohle aufs Parkett. Auch wenn ich meine Arme nicht mehr um die Hüften von meiner Gudsten schlingen kann. Bauch an Bauch ist aber kein Problem.

Ach, und ich freu mich schon jetzt auf das Kostümfest im nächsten Jahr. Hoffentlich sind die Irmi Müller und die Waltraud wieder mit dabei.

Eduard Sachsenmeyer

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