Sachsenmeyer: Raus aus der Bude!

Unsre Oberbürgermeisterin, Frau Ludwig, hat die Bewerbung von Chemnitz als „Kulturhauptstadt Europas“ eingereicht. Die Konkurrenz ist groß. Die Chancen sind gering. Die Ausgaben für die Be- und Image-Werbung sind beträchtlich. Alleine das Bewerbungsbuch ist mit 64 Seiten ein regelrechter Wälzer. Die Gestaltung des Bewerbungsbuches lehnt sich übrigens geschickt an die Typografie der Schriftwand „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ an, die sich am Gebäude hinter dem Marx-Denkmal – genannt „Nischl“ – befindet und das künstlerische Ensemble des Marx-Monuments vollendet. Man hofft, dass es keine Urheberrechtsstreitigkeiten geben wird.

Auch der farbige Schornstein – genannt „bunte Esse“ – wird im Bewerbungsbuch sinnfällig wie eine Art Lesezeichen, zur Unterteilung der Kapitel benutzt. Wenn die „bunte Esse“ allerdings als höchstes Kunstwerk der Welt bezeichnet wird, dann  muss man sich natürlich wirklich fragen, was die Chemnitzer Stadtväter und – mütter eigentlich unter Kunst verstehen!

Eine schöne Definition für Kunst könnte ich anbieten: Wenn keiner weiß, was das denn soll, was da den schönen Park verhunzt, dann ist es Kunzt!

Nein, ohne Spaß – eine lange, hoch in den Himmel ragende ursprünglich grau Röhre abschnittsweise verschiedenfarbig anmalen, ist sicher optisch attraktiv und fällt ins Auge, insbesondere dann, wenn nachts die farbigen Flächen angeleuchtet und zum Strahlen gebracht werden – wirklich ein Hingucker! -, aber Kunst? Die Maler hätten den Auftrag zum Buntmalern des Schornsteins auch übernommen, wenn es keine Kunst wäre.

Trotzdem – die Argumente, die für Chemnitz als Kulturhauptstadt sprechen, sind vorhanden. Allerdings findet man sie mehr jenseits des kulturellen Lebens. Sicher hat Chemnitz viele tolle und moderne Kulturinstitutionen – Stadthalle, Theater, Oper, Museen… – die alle einen Haufen Geld verschlingen, aber das kulturelle Leben der Stadt, lässt doch zu wünschen übrig. Bevor der Chemnitzer seine Wohnung verlässt, um sich irgendwie kulturell zu beschäftigen – aktiv oder passiv -, da müssen schon wirklich nur noch Frauenfußball oder Talks mit Maischberger oder Lanz im Fernsehen kommen. Da ist natürlich Chemnitz historisch schwer vorbelastet. Der alte Spruch – „In Dresden wird regiert, in Leipzig wird gehandelt, in Chemnitz wird gearbeitet!“ -, der noch aus dem 19.Jahrhundert stammt, gilt heute noch. Wenn bei einer Schriftstellerlesung, vorausgesetzt, es gibt mal eine, mehr als siebzehn Leute da sind, ist das schon sensationell! Wenn in Leipzig im Rahmen von „Leipzig liest“ Lesungen angesagt sind, dann ist halb Leipzig tagelang unterwegs und hört zu. Die kleinen Bühnen, Kabaretts und Theater in Leipzig sind unentwegt frequentiert. Die Ausstellungen moderner zeitgenössischer Kunst sind in Leipzig regelmäßig überlaufen. Hingegen stehen Besuche von Ausstellungen moderner Kunst in kleineren Galerien nur ganz selten auf dem Zettel der Chemnitzer. Die Kneipennacht ist allemal länger als die Museumsnacht, wobei auch die Chemnitzer Gastronomen  mit der Ausgehwilligkeit der Chemnitzer nicht übermäßig begeistert sind.

Sicher ist es eben aus der historischen Entwicklung der Stadt heraus etwas ungerecht, den Chemnitzern ihr mangelndes kulturelles Interesse anzukreiden, und Chemnitz mit Leipzig… oder mit Zwickau… oder mit Freiberg… oder gar mit Nürnberg und Dresden… – Vergleiche hinken immer!

Jedenfalls dürfte die Bezeichnung „Kulturhauptstadt“ für Chemnitz so sein, wie wenn sich eine Beutelratte „Känguru“ nennen will.

Die regelmäßigen Großveranstaltungen und Festivals, die die Stadt aufzuweisen hat, ändern daran wenig. Aber womöglich könnte wirklich… also, wenn man den Kampf um den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ ernst nehmen würde, wenn man kulturelle Veranstaltungen in aller Vielfalt anbieten würde… in Klubs und Gaststätten und Begegnungsstätten und alten Fabrikhallen… und… ja, auch dort! Das Chemnitzer Nahverkehrs-Modell ist wirklich Spitze, aber für eine Kulturhauptstadt müsste es auch ein Nah-Kultur-Modell geben. „Bunte Esse“ und „Nischl“ sind deswegen nicht bedeutungslos. Auch das Kosmonaut-Festival ist klasse. Aber wie kriegt man die Chemnitzer für die alltägliche, kleinteilige, vielfältige Kultur aus ihrer Bude raus?

Auch ein geselliger Abend mit Freunden in einer Gaststätte ist Kultur!

Eduard Sachsenmeyer

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