Sachsenmeyer: Sommerloch

Das sogenannte Sommerloch, das ist jene Zeit im Sommer, in der alle Welt – auch Politiker, Fußballer und andere Ganoven – Urlaub macht und deshalb nichts los ist, worüber sich ausführlich berichten lässt. In den Redaktionen der Medien stürzt man sich ersatzweise auf kulturelle Ereignisse. Aber die Berichte über die Konzerte des Mitteldeutschen Kultursommers oder irgendwelcher Bands bei irgendwelchen Rock-Festivals sind journalistische Eintagsfliegen. Damit lässt sich keine Kampagne entfesseln. Der und der, bzw. die und die haben dort und dort Musik gemacht… tausende von Fans haben begeistert mitgeschunkelt… tja, was will man mehr darüber berichten? Zwei Spalten, ein Foto und Punkt und Fini!

Die Medien finden im Sommerloch kein nahrhaftes Futter mehr. Die Zeitungen neigen zur Selbstzerfleischung.

Normalerweise wird in dieser grausamen Zeit der allgemeinen Nachrichtenflaute irgendein gefährliches Tier in die Freiheit entlassen, das nun – seinerseits die Freiheit nutzend – Angst und Schrecken verbreitet. Wir haben in den letzten Jahren Schnappschildkröten, Krokodile, Riesenschlangen und Bären als Sommerlochfüller erlebt. Sogar ein Komodowaran wurde in freier Wild- und Stadtbahn gesichtet. In diesem Sommer ließ nur die EU eine kleine Sau raus – und schlug Ursula von der Leyen als neue Präsidentin vor.

Das war sicher gut gemeint, brachte aber für die Medien höchsten für zwei Tage eine zaghafte Entspannung.

Das Wetter zeigt sich leider auch wenig spektakulär. Ein Waldbrand macht noch keine Klimakatastrophe!

Aus der Not heraus werden auch Staus unter drei Kilometern Länge auf Landstraßen dritter Ordnung oder Badeunfälle in dörflichen Brandschutzteichen zu willkommene Ereignissen aufgemotzt, um die Seiten und Sendeminuten in den Sommerwochen zu füllen.

Redakteure werden zu Nervenbündeln! Ganze Redaktionen werden infolge von Frustanballung zu explosionsgefährdeten Zonen. Als Folge unentwegten Saugens an den Fingern, kommt es bei den Kolumnisten besonders häufig zur Entzündung der Daumen, weswegen sie auch bei großer Hitze Schutzhandschuhe tragen sollten.

In Jahren, in denen es eine Fußball-Weltmeisterschaft gibt, oder eine Fußballeuropameisterschaft, oder einen Kofetti-Cup, oder wie die Behelfsmeisterschaft  auch heißen mag… – in solchen Jahren fällt das Sommerloch kaum auf, weil eben wenigstens ein paar hochdotierte Fußballer keinen Urlaub machen dürfen, sondern um Ruhm und Ehre ihrer Heimatländer kämpfen müssen. Solch ein segensreicher Fußballsommer mit Fanmeilen und Public Viewing ist uns in diesem Sommer verwehrt, weil sich die hohen Herren der Fußballverbände von FIFA bis UEFA nicht entscheiden konnten, entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Oder waren die finanziellen Angebote der Fernsehanstalten einfach zu uninteressant?

Man weiß allerdings eben leider nicht genau, ab wie viel Millionen Motivationshilfe sich ein Fußballverbandsfunktionär in Bewegung setzt und einen Fußball-Cup in die Welt und in den Sommer setzt.

Ohne Rücksicht auf Milliarden von Fußballfans auf der ganze Welt, die vor Langeweile anfangen in das Gras zu beißen, auf welchem ansonsten ihre Idole dem Ball nachjagen, lassen sie den lieben Fußballgott einen frommen Mann sein und drehen Däumchen.

Aus der Not geboren wird also jedenfalls momentan in den Medien die Frage, ob Leroy Sanè von Manchester City zum FC Bayern München wechseln wird, zum Dauerthema. Die zu erwartende Ablösesumme wird heiß diskutiert. Alle nur halbwegs bekannten Experten werden nach ihrer maßgeblichen Meinung befragt und geben diese dann auch gerne zu Protokoll.

Der Marktwert von Sanè liegt übrigens bei 100 Millionen, was wirklich fast erste Sahne ist!

Auch zu befürchtende Trainer- und Sportvorstandswechsel werden von allen Seiten tiefschürfend beleuchtet. Dass Julian Nagelsmann, der als neuer Trainer bei RB Leipzig zu wirken beginnt, gleich in den ersten Stunden mit Timo Werner einen Scherz gemacht hat, ist ein Topthema. Die Frage, wer in tausend Jahren vielleicht einmal Jogy Löw als Bundestrainer ablösen wird, mutiert zur Kardinalfrage. Die Berichterstattung über den Stand der Vorbereitungen auf die neue Saison erreicht momentan eine Tauchtiefe bis in die fünfte Amateurliga. Der vereinsinterne Streit um den neuen Schatzmeister des FC Wacker Meppenheim wird wohl noch weitere vierzehn Tage am Köcheln gehalten.

Eduard Sachsenmeyer

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