Sachsenmeyer: Stilles Wasser

Seit gleich kurz nach der Wende, als mir aufgefallen war, dass alle Wessis, die ich so gelegentlich kennenlernte, ständig eine Wasserflasche mit sich herumtrugen, wundere ich mich darüber, dass ich mit meinem bescheidenen Wasserkonsum so alt werden konnte.

Ich nahm an, dass der enorme Wasserverbrauch der Wessis mit der hohen Verdunstungsmenge durch Blähung und Besserwisserei entstehen würde. Oder hing der Wassernachfüllbedarf mit dem Inhalt der Köpfe zusammen? Den Ossis unterstellte man ja Stroh in der Rübe zu haben – war es bei den Wessis Wasser?

Nun – über die Jahre nach der Wende hinweg bis heute, wuchs diese Verwunderung bei mir immer mehr. Denn die Wassersucht erfasste alle Bereiche der Gesellschaft. Mittlerweile gibt es ja kein Schulkind mehr, dass keine Wasserflasche mit sich schleppt.

Meine Gudste geht grundsätzlich nicht aus dem Haus, wenn nicht wenigstens eine kleine Flasche 0,3 Liter in der Handtasche schwebbert.

Übrigens muss es bei meiner Gudsten stilles Wasser sein.

Wenn in Gaststätten die Leute ihre Getränke bestellen, habe ich beobachtet, ist immer ein erheblicher Zeitaufwand erforderlich, um abzuklären, welche Lautstärke die bestellten Edelwässer haben sollen dürfen. Ein profanes Bier wird kaum noch bestellt. Und wenn – dann alkoholfrei!

Wasser mit Sprutz scheinen nur noch absolute Wassermuffel zu bevorzugen. Der Wasserkenner trinkt still, höchstens mal medium!

Absolute Wasserbanausen trinken Wasser mit Fruchtgeschmack. Ich zum Beispiel!

Nachdem mir eine Ernährungsberaterin empfohlen hatte, täglich drei Liter zu trinken, bemühte ich mich ebenfalls redlich, Wasser – mit und ohne Geschmack – in großen Mengen in mich hinein zu schütten. Die drei Liter schaffte ich aber nur selten.

Eher schien es mir, dass ich beim Ablassen der Flüssigkeiten, oft die fünf Liter Grenze überschreiten konnte. Das Wasser scheint ähnliche Wirkung zu besitzen, wie Kappler Biere – trinkste dreie, schiffste viere!

Der Verbrauch an in Plasteflaschen abgefülltes Wasser – jetzt mal unabhängig von der Lautstärke und Geschmack – soll in den letzten zwanzig Jahren um das Zwölffache angestiegen sein.

Im gleichen Umfang haben Brauereien pleite gemacht.

Die wasserabfüllende Industrie hingegen boomt wie verrückt. Die Plasteflaschen bringen die Umwelt an die Grenze ihrer regenerativen Kräfte. Die Weltmeere werden zum Wertstoffendlager. Die Wale verwechseln Plankton mit Plaste und müssen verhungern.

Donald Trump hat übrigens das Verbot von Plasteflaschen in den Nationalparks der USA aufgehoben. Warum soll es den Nationalparks denn auch besser gehen, als den Weltmeeren?

Außerdem hat Donald Trump wohl auch viele Freunde in der Wasserbranche. Flüssiges Kapital!

Nun haben sich Mediziner zu Wort gemeldet, die behaupten, dass man eigentlich immer nur soviel trinken soll, wie man Durst hat. Die Farbe des Urins muss nicht immer hell und sektfarben sein. Der Wasserbedarf hänge auch von der körperlichen Beanspruchung und den Temperaturen ab. Bei schweißtreibender Tätigkeit habe man eben mehr Durst. Am Schreibtisch eben weniger.

So sagen die!

Irgendwie erinnert mich das an die Sache mit dem Spinat, der angeblich so besonders gesund für Kinder sein sollte. Mütter hatten deshalb viele Jahrzehnte ihre Kleinkinder gezwungen, kiloweise Spinat zu vertilgen. Und dann stellte sich heraus, dass Spinat bloß so gesund wie jedes anderes Gemüse ist.

Ach, und diese Mediziner, die der Wassermafia an die Gurgel wollen, sagen ja außerdem, dass sich das Leitungswasser in Deutschland und Europa allgemein ohne Umhüllung durch Plaste gut trinken lasse.

Ich fürchte, das könnte dann doch zu weit gehen! Wasser ohne Plasteflasche – igitt!

Eduard Sachsenmeyer

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