Sachsenmeyer: Weihnachtsfeierei

In der Vorweihnachtszeit kommen seit Jahren Firmen, oder Abteilungen, Bereiche, Filialen von Firmen und Institutionen, auf die Idee, eine Weihnachtsfeier durchzuführen. Oft gibt es dafür auch finanzielle Unterstützung aus der Firmen-oder Gewerkschaftskasse. Warum soll man das Geld verfallen lassen? Also wird was organisiert, womit man das Geld gegen Quittung vertun kann. Beliebt sind Bowlingabende. Weniger beliebt sind Besuche in Theater oder Museen.

Jedenfalls – solange es bei diesen Weihnachtsfeiern bei zwangslosen Fress-und Trinkgelagen bleibt, ist alles okay. Gefährlich wird es dann, wenn bestimmte Chefs oder anderweitige Organisatoren auf die Idee kommen, man müsste doch die Weihnachtsfeier kulturell etwas aufpeppen. Man engagiert sich dann einen Spaßmacher oder Alleinunterhalter oder kauft Karten für eine mehr oder weniger lustige Veranstaltung – möglichst inklusive Menü.

Nun spalten sich die Meinungen.

Was der eine lustig findet, ist dem anderen kein müdes Arschrunzeln wert. Was den einen interessiert, lässt den anderen kalt. Man hat dann also bei den Weihnachten feiernden Gruppen mindestens die Fraktion der Aufnahmewilligen und die der Gelangweilten.

Wenn es der Zufall gut mit den zur Erheiterung beauftragten Künstlern meint, sind die Gelangweilten so verteilt, dass sie miteinander nicht in Kontakt treten können. Sie fallen somit zwar als potentielle Stimmungsträger und Lacher aus, stellen aber ansonsten, wenn sie nicht zu schnarchen anfangen, keine Störfaktoren dar.

Will es aber der Teufel, dass sich die Gelangweilten zusammenklumpen können, dann wird es haarig für die Stimmungsbeauftragten. Denn es bleibt dann oft nicht bei lautloser Stimmungsenthaltung, sondern man macht sich selber lautstark Stimmung.

Nun gibt es also zwei gegenläufige Stimmungsquellen!

Eine gewisse Rücksichtnahme auf die anderen Anwesenden, die geneigt sind, dem Vortrag des Stimmungsbeauftragten zu folgen, eine gewisse Nachsicht und Höflichkeit gegenüber dem sich da bemühenden Künstler, der es ja nie allen Recht machen kann, ist nicht zu erwarten. Der moderne Mensch weiß, dass er seine freie Meinung jederzeit zum Ausdruck bringen kann. Die Einhaltung einer gewissen kulturellen Disziplin ist nicht mehr üblich.

In solcher Situation ist es günstig, wenn ein wirklicher Chef an der Veranstaltung teil nimmt und Kraft seiner Autorität, die zweite Stimmungsquelle zum Versiegen bringen kann. Wenn aber eine solche Autorität nicht vorhanden ist, oder nicht willens ist, seine Autorität einzusetzen, dann kommt es nicht selten soweit, dass die offizielle Stimmungsquelle aufgeben muss. Die Gelangweilten, die sich ihre eigene  Stimmung gemacht hatten, sind die lärmenden Sieger.

Besonders erfreulich für die eigentlich zur Stimmungsherstellung beauftragten Künstler ist es dann, wenn ihr Vortrag von den Gelangweilten als sowieso völlig unter Niveau eingestuft wird. Die Witze aus der untersten Schublade! Dem Vortrag Aufmerksamkeit zu schenken, wäre eh Perlen vor die Säue gewesen!

Dann steht der betroffene Stimmungsmacher dumm da. Wie soll er sich gegen solche Vorwürfe verteidigen? Er hat zwar schon oft genug erlebt, wie sein Vortrag zur Herstellung bester Stimmung im Saal beitragen konnte, aber das kann er nicht als Argument anführen. Die Gegner würden eine solche Argumentation einfach damit abschmettern, dass das eben ein sehr primitives Publikum gewesen sein müsse, was sich da habe erheitern lassen.

Nein, der stimmungsbeauftragte Künstler muss den Schwanz einziehen und sich schnellstmöglich verkrümeln.

Man kann ihm dann nur wünschen, dass ihm sein Honorar schon vorher ausgezahlt wurde.

 

Eduard Sachsenmeyer

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