Sachsenmeyer: Wir waren bei den Griechen

Wir waren in Griechenland, meine Gudste und ich. Vom Hotel aus konnten wir den schneebegipfelten Olymp sehen. Aber das war nicht die einzige Sehenswürdigkeit, die wir dort vorfanden. Es wimmelt in Griechenland sozusagen von Sehenswürdigkeiten. Und bei allen Sehenswürdigkeiten kommt dort hinzu, dass sie mit irgendwelchen sagenhaften Göttern zusammenhängen.

Der Olymp ist eben nicht nur ein sehr hoher Berg, sondern der Sitz von Göttervater Zeus. Die Storys, die sich die Griechen bis heute von Zeus und der ganzen übrigen Götter- und Halbgötterbande erzählen, könnten dutzende von Büchern füllen, was sie letztlich auch tatsächlich tun. Die Göttersagen der alten Griechen füllen ganze Bibliotheken!

Und dabei – wie wir erfuhren – dürften die Griechen eigentlich gar nicht mehr an die alten Götter glauben. Es gab nämlich so ums Jahr 378 herum einen Kaiser Theodorus oder so ähnlich, der hat angeordnet, dass die alten Götter nicht mehr gelten, und stattdessen sofort und exklusiv nur noch die christliche Religion die wahre Religion ist. Und wie es scheint, haben die Griechen auch die neue Religion sofort sehr ernst genommen und sind sehr christlich geworden. Über neunzig Prozent sind heutzutage praktizierende Orthodoxe Christen und schlagen unentwegt Kreuze.

Wir waren über Ostern dort, wo man das sehr ausgeprägt beobachten konnte. Sehr strenge Rituale und Prozessionen! Sehr viel Weihrauch und Kerzen! Sehr viel Zeit, um Schafe zu grillen und Ouzo zu trinken!

Aber letztlich ist der Kuddelmuddel in Griechenland, was den Glauben betrifft, noch größer, als bei uns. Wenn wir schon Mühe haben, zu erklären, wie Osterhase und die Kreuzigung von Jesus zusammenhängen, dann kommt bei den Griechen – wenn auch unerlaubt – immer noch irgendeiner der alten Götter dazwischen, der irgendeine Göttin geraubt oder geschwängert hat. Die alten griechischen Götter waren wahrhaftig rechte Untugendbolde!

Einige der Göttersagen sind jedenfalls nicht für Jugendliche unter sechszehn Jahren gedacht. Und eine dieser Sagen ist heutzutage zu Zeiten von Brexit und anstehenden Europawahlen wieder besonders aktuell geworden – nämlich die Sage von dem Stier, der die Göttin Europa nach Kreta entführt hat. Der weiße Stier war nämlich in Wirklichkeit Zeus, der sich nur verwandelt hatte. Europa wird auf allen Bildern barbusig, wenn nicht gänzlich unbekleidet dargestellt. Sexismus pur!

Jedenfalls hätte ich nie gedacht, dass Griechenland so viele Sehenswürdigkeiten anbieten könnte. Wo doch die Griechen so in der Krise stecken – rein wirtschaftlich!

Irgendwie hatte ich unterschwellig die Vorstellung gehabt, dass das Land ausgemerkelt und öde wirkt. Aber im Gegenteil – es zeigte sich als ein freundliches Land. Auch weitestgehend sauber und gepflegt. Und die Autobahnen – absolute Spitze!

Verwahrlosung zeigte sich lediglich auf dem Haustiersektor. Tausende von herrenlosen Hunden und Katzen streunen durch Griechenland. Immer in Nähe zu menschlichen Ansiedlungen. Am liebsten augenscheinlich in der Nähe von gastronomischen Einrichtungen. Vier bis fünf Hunde unterschiedlicher Größe und Rasse und zwei drei Katzen pro Bistro ist guter Durchschnitt. Die Kellner beachten die Tier wenig. Die Tiere sind umgekehrt auch nicht eben sehr ängstlich und scheu. Aber sie kriegen letztendlich selten etwas ab, von dem, was auf den Tischen von den Menschen verspult wird.

Ich und meine Gudste – und alle übrigen unserer Reisegruppe – wunderten uns sehr über diese Streuner! Ich wagte die Theorie vorzubringen, dass die Hunde und Katzen vielleicht in Griechenland heilige Tiere sind, so wie die Rinderviecher in Indien.

Unser Reiseleiter erklärte uns das Tier-Phänomen dann auf nachdrückliche Nachfrage. Er schien sich etwas zu schämen dafür. Die leben von der Luft und der Liebe, sagte er. Allerdings gab er dann zu, dass die Griechen eben momentan nicht gerade im Wohlstand verfetten und viele sich ihre Haustiere nicht mehr leisten können. Die Tiere werden dann eben in entfernten Gegenden ausgesetzt – Autotür auf, Hund raus!

Der Staat bezahlt es zwar dann, wenn jemand die Tiere zum Tierarzt bringt, damit sie wenigstens kastriert werden, um sich nicht weiter vermehren zu können, aber wer wagt sich, so ein verwildertes, womöglich von Ungeziefer und Viren belastetes Tier einzufangen und zum Arzt zu schaffen? Das Problem harrt einer Lösung! Unser Reiseleiter zuckte mit den Schultern.

Letztlich erfuhren wir von ihm, dass Griechenland tatsächlich noch viel schlimmere Probleme habe. Die Leiche wird gefleddert, sagte er. Den Hafen von Piräus haben die Chinesen gekauft, den Hafen von Thessaloniki haben die Russen gekauft, das Eisenbahnnetz die Italiener, die Energieversorgung… – nein, die Deutschen erwähnte er nicht.

Eduard Sachsenmeyer

Gewinnspiele
Facebook
Facebook By Weblizar Powered By Weblizar