Sachsenmeyer: Zentralverriegelt

Wenn etwas passieren will, dann passiert es. Man kann nichts dagegen tun. Trotz aller Umsicht und aller Vorsicht – es passiert! Auch Nachsicht nützt nichts!

Ich kam mit zwei Beuteln voller Lebensmittel, die ich in der Kaufhalle erworben und dann vom Einkaufskorb in die Beutel umsortiert hatte, zurück zu meinem Auto, das auf dem Parkplatz wartete.

Unterm Arm klemmte meine Geldbörse. In der linken Hand hielt ich außer den Trageschlaufen des Stoffbeutels den Autoschlüssel. Wegen des Schneematsches wollte ich die Beutel nicht absetzen. Mit etwas Mühe betätigte ich die Fernbedienungstaste und öffnete die Autotür. Die schweren und vollen Beutel wollte ich nun hinten einladen. Um das leichter bewerkstelligen zu können, ließ ich erst den Autoschlüssel und dann die Geldbörse mit geschickten Verrenkungen auf den Fahrersitz fallen. Dem harmlose Klicken, das da zu hören war, maß ich keine Bedeutung zu. Mit dem Ellbogen warf ich die Fahrertür zu, ging nach hinten  und wollte die Heckklappe öffnen. Die Heckklappe verweigerte den Dienst.

Ich ging zur linken hinteren Tür. Zu! Die linke fordere Tür – zu!

Mir dämmerte, dass das harmlose Klicken das hinterlistige Klicken der Schließautomatik gewesen ist. Einmal klick – alle Türen zu! Zentralverriegelt!

Ich stand mit den beiden Einkaufsbeuteln vor meinem Auto im Schneematsch und begriff ganz langsam, das sich eine prekäre Situation eingestellt hatte. Im Auto befanden sich der Autoschlüssel, die Geldbörse mit Ausweisen und sämtlichen Karten, die man so hat – von Kredit bis ADAC! -, sowie der Wohnungsschlüssel und das Handy. Ich stand draußen.

Ich kam mir vor, wie Robinson nach seiner Ankunft auf der Insel. Hilflos!

Bis zu meiner Wohnung waren es gut vier bis fünf Kilometer. Dort hatte ich einen Ersatzautoschlüssel. Einen Ersatzschlüssel für die Wohnung hatte ich im Keller deponiert.

Gegenüber der Kaufhalle war eine Gaststätte, in der ich als Gast bekannt war. Der Wirt fuhr mich auch ohne langes Zögern zu meiner Wohnung. Nachbarn im Haus öffneten mir den Kellerzugang, Aber dann endlich vor meinem Kellertür stehend, wo der Ersatzwohnungsschlüssel hinter einer der Türlatten versteckt war… da war… da war… nichts!

Da fiel es mir siedend heiß ein! Ich hatte das Versteck irgendwann im Sommer verändert. Aus Sicherheitsgründen. Die Siedlergemeinschaft hatte vor Kellereinbrüchen gewarnt. Wo war das neue Versteck?

Beim tastenden Suchen hinter den Türlatten brachte ich einen Stapel Metallleisten ins Fallen, die mir die Finger blutig rissen und beinahe abquetschten. Es war sinnlos. Wahrscheinlich hatte ich den Ersatzschlüssel für die Wohnung sicherheitshalber auch ins Auto umgelagert.

Alle Beteiligten rieten mir, beim ADAC um Hilfe zu bitten. Aber meine ADAC-Karte lag im Auto. Jemand kam auf die Idee, meine Autowerkstatt einzuschalten. Und so wurde dann wahrhaftig alles noch gut.

Der ADAC wurde über das System der Mobilitätsgarantie meiner Werkstatt beauftragt, mir aus der Patsche zu helfen. Der Wirt fuhr mich zurück zum Parkplatz. Mit Hilfe das Handys, das mir mein Nachbar geliehen hatte, konnte ich mit dem ADAC Verbindung halten. Zirka eine Stunde verbrachte ich dann im warmen Verkaufsraum der Bäckerei, die sich neben der Kaufhalle befindet und erfuhr von der Verkäuferin viel Neues über den Backwarenhandel.

Von dem Mechaniker des ADAC erfuhr ich dann zu meiner Erleichterung auch noch, dass ich beileibe nicht der einzige Unglücksrabe wäre, der sein Auto versehentlich zentralverriegelt. Jeder zehnte Einsatz wäre eine Notöffnung!

Heute, einen Tag nach dem Ereignis, bedankte ich mich bei allen im Haus, die mir geholfen hatten. Dann ging ich in den Keller, um dort wieder Ordnung zu schaffen. Hoffentlich hatten die stürzenden Metallleisten keinen Schaden angerichtet!

Zum Glück war aber nichts passiert, außer das die Leisten eben umgekippt waren. Als ich sie aufrichtete und dabei zufällig an die Latten der Kellertür schaute, sah ich den Ersatzwohnungsschlüssel.

Damit ich beim nächsten Mal den Ersatzwohnungsschlüssel finde, habe ich mir eine kleine Zeichnung angefertigt, die mir die Position des Schlüsselnagels an der Innenseite des Kellerverschlages zeigt. Aber wo verstecke ich den Zettel?

Eduard Sachsenmeyer

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