Stefan Schmidtke: „Alles coole Leute!“

WochenENDspiegel im Gespräch mit Stefan Schmidtke über die Pläne einer Kulturhauptstadt 2025.
Fotos: Philipp Köhler (1), Kristin Schmidt (1)/Montage

Als wir den neuen Kulturhauptstadt-Chef Stefan Schmidtke letzte Woche per Videoschalte zum Interview treffen, sitzt der international renommierte Kulturmanager noch zwischen Umzugskartons. „Sollte es laut werden, kommt das vom Bohrer“, entschuldigt er sich vor dem Gespräch. Der 52-Jährige ist noch nicht lange in Chemnitz, die Renovierungsarbeiten sind aktuell noch in vollem Gange. Dennoch fühle er sich bereits wohl in der Stadt, wie er sagt, und auch von den Menschen konnte er schon einen ersten Einblick gewinnen. „Alles coole Leute“, sagt er. „Ich wurde sehr herzlich begrüßt. Sogar beim Bäcker wurde ich freundlich auf meine neue Tätigkeit angesprochen, die Verkäuferin wünschte mir viel Erfolg. Das fand ich großartig.“

Ursprünglich stammt Stefan Schmidtke aus Döbeln, in den vergangenen Jahren übernahm er die Leitung von großen Kultur- und Theaterfestivals in Europa und Deutschland. Mit dem Projekt Kulturhauptstadt sammelte er bereits in Tallinn 2011 erste Erfahrungen in der Programmabteilung. In Chemnitz übernimmt er nun die Verantwortung über eine ganze Stadt. Eine Stadt, die 2025 Europas Kulturhauptstadt wird. Die Ziele bis dahin sind ambitioniert. Das Bid Book umfasst über 100 Seiten mit 72 Projektideen – eine Mammutaufgabe. Für Stefan Schmidtke war aber genau dieses Buch ausschlaggebend. „Es war bis dahin das Einzige, was ich kannte, woraufhin jedoch schon zu diesem Zeitpunkt das Interesse sofort da war bzw. inzwischen noch größer ist, weil ich es jetzt tatsächlich mit den Menschen zu tun habe, die dahinter stehen.“ Nach sechs Wochen intensiver Beschäftigung mit dem Bid Book will er nun in den nächsten Wochen die ersten Schritte Richtung 2025 gehen. Noch laufe die Gründungsphase, die sich logistisch aufgrund der aktuellen Corona-Situation schwerer als üblich gestalte, wie er verrät. „Wir sind aber optimistisch, dass Anfang Februar die Firma ihre Arbeit offiziell aufnehmen kann“, gibt sich der Kultur-Chef zuversichtlich.

Einen Vorgeschmack auf die ersten Pläne kann er aber schon jetzt machen: „Der Fahrplan sieht vor, dass wir beginnen, Einladungen an 72 Projekte zu versenden, die an der Projektentwicklung ab März teilnehmen.“
Insgesamt aber schätzt Schmidtke die Anzahl aller finalen Projekte auf über 100. Das hat einen Grund: „Wir starten gegen Mitte des Jahres parallel einen OpenCall für alle, die sich noch mit einer Projektidee beteiligen wollen. Es soll schließlich jeder die Chance haben, Teil des Ganzen zu werden“, so Schmidtke, der an das Vorhaben, alle Projekte realisieren zu können, keine Zweifel hat. Der Enthusiasmus und die Nachfrage seien überwältigend hoch. „Etwa zu vergeichen, wie im Märchen vom süßen Brei“, ergänzt er mit einem Lächeln. „Einer künftigen Kulturhauptstadt kann nichts Besseres passieren, wenn das Interesse und die Neugier riesig sind. Ich bin froh, dass es nicht anders herum der Fall ist.“ Außerdem gelte es für ihn nun, vom Geschriebenen in die Praxis zu wechseln.

Natürlich gebe es auch Chemnitzer, die sich mit einer Kulturhauptstadt noch nicht recht identifizieren können. Auch derartige Meinungen bekommt Stefan Schmidtke zu hören. Kultur fange für ihn aber allein schon etwa beim Besuch der Stadtbibliothek an. „Kultur darf man nicht nur auf Kunst und Theater reduzieren. Es ist verblüffend, wie viele glauben, nie etwas mit Kultur am Hut gehabt zu haben. Jeder, der ins Kino geht, der mit den Nachbarn Federball spielt, egal was, hat mit Kultur zu tun. Wir betreiben täglich kulturellen Aufwand, um uns zu verständigen.“
Die Aufgabe seines Teams sei es daher, wie er weiter erzählt, die Projekte für alle Gesellschaftsschichten so transparent wie möglich zu machen. „Am Ende sind wir nur das Organisationsorgan, der Förderer und Unterstützer, im Gegensatz zu den Menschen der Stadt, die Chemnitz überhaupt erst zur Kulturhauptstadt machen.“
Dass es dem angesehenen Kulturmanager dabei nicht um das alleinige Aufsehen geht, ließ er oft während des Gesprächs mit WochenENDspiegel durchschimmern. Immer wieder ist die Rede von einem Team. Eine Mannschaft, die in den nächsten Monaten schrittweise aufgebaut werden soll. Über 40 bis 50 Stellen werden schließlich für das Projekt Kulturhauptstadt neu entstehen. Dazu soll Stefan Schmidtke Unterstützung durch einen zweiten Geschäftsführer für die Verwaltung bekommen.

Bis zum Kulturhauptstadtjahr sind es noch drei Jahre, bereits schon im Sommer 2023 will die EU das finale Programm vorgelegt bekommen. Dieses werde, so ist Schmidtke überzeugt, aufgrund der vielen unterschiedlichen Ideen durch jede Menge Vielfalt glänzen. Erste Eindrücke konnten auch schon im vergangenen Jahr gesammelt werden. Etwa mit der Tour nach Prag von Radsportlern – ein Vorgeschmack auf den „European Peace Ride“, der vor allem den Sport in den Fokus rücken soll. Zudem startete bereits das Großprojekt „We Parapom“, bei dem im November erste Bäume gepflanzt wurden. „Es war der Auftakt für eine Parade, bei der bis zu 4.000 Apfelbäume quer durch die Stadt verteilt werden sollen“, beschreibt Schmidtke das Konzept, das vor allem den umweltlichen Aspekt reflektieren soll. Allerdings sei das Projekt noch nicht überall angekommen, so dass die Organisatoren in diesem Jahr noch einmal die Werbetrommel rühren wollen.

Währenddessen ist die baldige Kulturhauptstadt Europas nicht bloß auf Erden bekannt, bis in die Weiten des Weltalls wurde ein Nussknacker gebracht, der Chemnitz gemeinsam mit dem deutschen Astrononauten Matthias Maurer von der Raumstation ISS grüßte. Dahhinter steckt wiederum Kunstexperte Alexander Ochs, der aktuell das Projekt „Purple Path“ entwickelt. Denn gefühlt ist nicht nur Chemnitz Kulturhauptstadt, auch umliegende Regionen, wie das Erzgebirge bringen sich mit großem Engagement ein. „Zahlreiche Ortschaften nehmen daran innerhalb einer großen Arbeitsgruppe teil, um ganz speziell eine Wanderroute rund um das Erzgebirge zu entwickeln, auf der die Menschen an verschiedenen Standorten etwa Architektur, Kunst und Handwerk erleben können.“

Das Konzept hierfür steht bereits fest, jetzt soll alles in die Praxis überführt werden. „Plätze müssen betoniert, Häuser rekonstruiert und Transporte von Kunstwerken organisiert werden. Sie merken, es ist ein komplexes Vorhaben, das fast schon die Dimension eines ganzen Kulturhauptstadt-Projekts annehmen könnte“, so Schmidtke. Der 52-Jährige wolle „Atmosphären schaffen, in denen sich die Menschen wohlfühlen“, hebt er hervor. Weswegen auch weiterhin im Mittelpunkt die Auseinandersetzung mit der „stillen Mitte“ stehen soll. Denn nicht nur eine Stadt entwickelt sich in einem solchem Prozess, auch die Gesellschaft, meint er. Heißt, jene Menschen, die sich nicht politisch engagieren und damit eventuell einer Radikalisierung damit Vorsprung verleihen.

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